Interview

Emotionale Kontrolle kommt mit der Erfahrung – Interview mit Bastian Galuschka, stock3

ideas: Herr Galuschka, könnten Sie Ihre Rolle als stock3-Experte sowie Ihre wichtigsten Aufgabenfelder kurz beschreiben?
Bastian Galuschka: Meine Rolle hat sich über die Jahre verändert. Ich bin seit 2013 im Unternehmen, seit 2016 stellvertretender Chefredakteur und seit 2023 Chefredakteur. Gerade mit dem letzten Schritt ging die inhaltliche Verantwortung des stock3-Contents vollständig auf mich über, weshalb ich nun eher in einer prüfenden Rolle tätig bin. Auch die ständige Weiterentwicklung unseres Contentangebots liegt in meinem Aufgabenbereich. Das ist gerade im Zuge immer größer werdender Konkurrenz in Form rein von KI erstellter Texte wichtig. Dass sich unsere Qualität am Markt durchsetzt, zeigen mir die Zahlen. Die Abokurve von stock3 Plus zeigt erfreulicherweise stramm nach oben.

Trotz dieser Verantwortung lasse ich es mir aber nicht nehmen, Einzelaktienanalysen zu schreiben; Unternehmensresearch und der Aktienhandel waren schon immer meine großen Leidenschaften. Dabei liegt mein Hauptaugenmerk auf Small Caps und Biotech-Aktien. Meine Analysen sind ebenfalls Bestandteil unseres redaktionellen Premiumangebots stock3 Plus. Darüber hinaus führe ich bei stock3 Select eine sogenannte Top-Pick-Liste, in der ich spannende Aktien über einen Zeitraum von Wochen, im Idealfall Monaten, tradingtechnisch für die Kunden begleite.

Viele unserer Leser kennen Sie als Autor des ideas-Aktien-Checks, in dem Sie wöchentlich zwei Aktien analysieren. Nach welchen Kriterien wählen Sie die beiden Werte aus?
Man muss hier einen Mittelweg finden. Auf der einen Seite sollen es Aktien sein, die viele Zuschauer interessieren. Auf der anderen Seite sollten sich auch Set-ups zeigen, die der interessierte Anleger und Trader in den darauffolgenden Handelstagen direkt umsetzen kann. Im Idealfall sind Handelssignale also bereits ausgelöst oder die Basiswerte stehen kurz davor.

Welche analytischen Methoden setzen Sie bevorzugt ein, um Unternehmen und Chartverläufe zu beurteilen?
Meine Analysemethode ist generell eine Kombination aus Fundamentalanalyse und der Bewertung des Charts. Gerade bei Wachstumsaktien ist es mir persönlich wichtig, keinen horrenden Bewertungen hinterherzulaufen. Wachstum ja, aber nicht zu jedem Preis. Bei der technischen Auswertung bin ich ein großer Fan des Relative-Stärke-Ansatzes. Welche Methodik man hier auch nutzen mag: Performancefilter, neue 52-Wochen-Hochs in Korrekturphasen und/oder die Relative Stärke nach Levy. Schlussendlich muss es beim Stockpicking darum gehen, Outperformer zu identifizieren, da ansonsten ein reines ETF-Investment ausreichen würde und man sich die »Arbeit« sparen könnte. Im ideas-Aktien-Check übrigens findet die Analyse auf rein charttechnischer Basis statt.

Können Nutzer des stock3-Portals diese Methoden ebenfalls umsetzen – und wenn ja, wie?
Nach starken Aktien suchen, dafür ist der Aktienscreener auf stock3 bestens geeignet. Man findet hier auch Vorlagen diverser Experten. Ich halte es hier sehr einfach, nutze Performancefilter, schaue nach neuen Jahres- oder 52-Wochen-Hochs. Allein dadurch erhält man schon eine sehr gute Vorauswahl an Aktien, die man anschließend ausgiebig fundamental unter die Lupe nehmen kann, falls man das möchte.

Wie schätzen Sie das derzeitige Marktumfeld ein und welche Faktoren beeinflussen aus Ihrer Sicht die Kursentwicklung besonders stark?
Es herrscht auf der einen Seite große Verunsicherung in Branchen, die stark rohstofflastig sind. Zurzeit schaut es nicht danach aus, als würde der Ölpreis kurzfristig deutlich nachgeben. Damit hängt auch die Inflationsentwicklung zusammen. Zinssenkungen sind erst einmal vom Tisch, die Erwartungen gehen sogar in Richtung Zinserhöhungen. Auf der anderen Seite muss man festhalten, dass viele Trends der vergangenen Monate und Jahre fortgeschrieben werden. KI bleibt der große Megatrend, die Energieversorgung der Rechenzentren treibt viele Energieaktien auf neue Hochs. Der (Speicher-)Chipsektor ist weiterhin stark, einige Anbieter sind auf Jahre ausgebucht. Es ist also nicht alles schlecht. Stockpicker kamen bislang auch 2026 auf ihre Kosten.

Gibt es Branchen, für die Sie besonders optimistisch im weiteren Jahresverlauf sind?
KI-Hardwareausrüster bleiben gefragt, auch das Energiethema bleibt akut. 2025 waren Aktien aus dem Bereich der erneuerbaren Energien neben Biotech-Aktien die große positive Überraschung. Der Trend setzt sich 2026 fort. Auch wenn ich eher auf kleine Werte schaue, muss ich sagen, dass einige der Mag-7-Aktien inzwischen ansprechende Bewertungen aufweisen, weil sie über Monate seitwärts gelaufen sind. Im KI-Bereich sind hier Alphabet und Amazon zu nennen. Softwareaktien dagegen meiden die Anleger zurzeit wie der Teufel das Weihwasser. Darin liegen auch sehr gute Chancen, allerdings sind bislang keine Böden erkennbar.

Wie wichtig sind Disziplin und emotionale Kontrolle im Trading und wie stellen Sie beides in Ihrem eigenen Trading-Alltag sicher?
Es klingt vielleicht etwas banal, aber die emotionale Kontrolle kommt meiner Ansicht mit der Erfahrung. Ich bin seit 1999 am Markt, habe zahlreiche Crashs erlebt. Wenn es dann zum x-ten Abverkauf an der Börse kommt, wie beispielsweise im April 2025, stellt sich inzwischen eine Art Automatismus ein. Mit großer Erfahrung wirft man Aktien nicht mehr blind aus dem Depot, wenn generell Panik herrscht, sondern man ist eher auf der Käuferseite aktiv. Spiegelverkehrt nutzt man Fahnenstangen in den Charts eher zu Gewinnmitnahmen. Denn die Muster wiederholen sich immer und immer wieder. Ist das Gummiband stark gespannt, schnalzt es auch schnell wieder zurück.

Aber klar, komplett kalt lassen einen Phasen hoher Volatilität nicht. Man sollte sie aber eher als Chancen sehen, während drumherum Meldungen suggerieren, dass die Welt bald (mal wieder) untergehen wird. Als Pessimist wird man an der Börse dauerhaft keinen Erfolg haben.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Schneider.