Interview
Märkte mögen Sicherheit und klare Signale – Interview mit Prof. Dr. Ralph Luetticke, Professor für Makroökonomik an der Universität Tübingen
ideas: Herr Prof. Luetticke, mit Kevin Warsh steht ein ehemaliger Fed-Gouverneur als designierter Nachfolger von Jerome Powell bereit; dessen Amtszeit endet im Mai 2026. Welche Signalwirkung hat diese Personalentscheidung für die künftige Ausrichtung der US-Geldpolitik?
Prof. Ralph Luetticke: Die Neubesetzung des Fed-Chair ist immer ein Einschnitt, weil die Märkte sofort die künftige Reaktionsfunktion der Fed neu bewerten. Es geht dabei weniger um eine einzelne Personalie als um die Frage, welches Gewicht künftig Inflationsbekämpfung, Arbeitsmarktstabilisierung und Finanzmarktstabilität erhalten. Wenn ein neuer Fed-Chef als schneller reagierend oder als schwerer lesbar wahrgenommen wird, verändert das unmittelbar die Erwartungen über den Zinskurs, also noch bevor die erste konkrete Entscheidung fällt. Die Signalwirkung liegt deshalb vor allem in einem möglichen Stilwechsel der Geldpolitik und in einer veränderten Gewichtung der Ziele, an denen die Fed gemessen wird.
Hatten Sie mit Warsh als nominiertem Kandidaten gerechnet? Im Vorfeld wurden ja eher andere Namen gehandelt.
Bei solchen Personalentscheidungen spielen fachliche Eignung, politische Anschlussfähigkeit und symbolische Wirkung immer gemeinsam eine Rolle. Insofern ist Warsh eine Lösung, die mehrere Anforderungen zugleich abdeckt: Fed-Erfahrung, Anschlussfähigkeit an die Regierung sowie eine andere Art von Geldpolitik, die sich stärker an der Vergangenheit orientiert. Politische Anschlussfähigkeit ist dabei ein Faktor, aber nicht der Kern der Bewertung.
Die Märkte reagierten zunächst mit deutlichen Kursabschlägen und erhöhter Nervosität auf die Nominierung. Wie erklären Sie sich diese unmittelbare Marktreaktion?
Finanzmärkte reagieren nicht nur auf das derzeitige Zinsniveau, sondern vor allem auf erwartete Änderungen des künftigen geldpolitischen Kurses. Wenn Investoren vermuten, dass die Fed unter neuer Führung restriktiver vorgeht oder schwerer lesbar wird, steigen Unsicherheit und Risikoprämien. Das drückt typischerweise auf Aktienkurse und erhöht die Volatilität. Solche Reaktionen sind deshalb zunächst weniger ein Urteil über eine Person als eine Neubewertung des erwarteten Policy-Mix. Märkte mögen nicht unbedingt nur lockere Geldpolitik, sondern vor allem Berechenbarkeit und klare Signale. Wenn diese Berechenbarkeit infrage steht, wird schon die Personalentscheidung selbst zu einem Marktimpuls.
Welche konkreten Kursänderungen wären unter Warshs Führung im Vergleich zu Powell möglich?
Wenn sich der geldpolitische Stil ändern sollte, dann wohl entlang von zwei Dimensionen. Erstens könnte die Kommunikation anders werden, also weniger starkes Forward Guidance und mehr ein Wechselspiel mit den Märkten, wie man es eher aus der Greenspan-Zeit kennt. Zweitens wäre eine skeptischere Haltung gegenüber erneuten großen Anleihekäufen denkbar. Meine Forschung zeigt: Unkonventionelle Geldpolitik kann gesamtwirtschaftlich durchaus wirksam sein. Sie hat aber häufig andere Nebenwirkungen, etwa über Vermögenspreise und Verteilungswirkungen. Unsere Evidenz spricht dafür, dass Anleihekäufe besonders stark auf Aktienpreise gewirkt haben und dadurch die reichsten Haushalte überproportional profitiert haben. Genau dort läge dann wohl auch ein wichtiger Unterschied.
Wie bewerten Sie die Amtszeit von Jerome Powell insgesamt – insbesondere seine Kommunikation und den Umgang mit der anhaltend hohen Inflation?
Powells Amtszeit wird man vermutlich zweigeteilt bewerten müssen. Kritisch fällt die frühe Phase des Inflationsanstiegs aus, als die Persistenz des Problems zunächst unterschätzt wurde. Kommunikativ war Powell insgesamt wirksam, weil er komplexe geldpolitische Entscheidungen vergleichsweise klar vermitteln konnte und die Unabhängigkeit der Notenbank auch ausdrucksstark verkörpert hat. Gerade in einer Phase hoher politischer Spannungen war das ein wichtiger Stabilitätsanker.
Donald Trump hat wiederholt versucht, offen und teils sehr direkt auf die Federal Reserve einzuwirken. Vor diesem Hintergrund: Wie schätzen Sie den momentanen Zustand der Unabhängigkeit der Fed ein?
Die formale Unabhängigkeit der Fed ist weiterhin gegeben. Aber politische Einflussversuche bleiben ökonomisch problematisch, auch wenn sie institutionell nicht sofort durchschlagen. Schon der Eindruck, dass künftige Zinsentscheidungen politisch überlagert werden könnten, erhöht die Unsicherheit über den geldpolitischen Kurs. Meine Forschung zeigt: Unsicherheit erhöht Risikoprämien und wirkt sich stark negativ auf Wachstum aus, gerade weil dann kreditfinanzierter Konsum und Investitionen zurückgestellt werden. Spannend ist, ob Trump hier nur Symptom ist für eine tiefere Verzahnung von Fiskal- und Geldpolitik. Hohe Staatsschulden treffen auf geo- und klimaökonomische Herausforderungen; die Staatsfinanzierung insgesamt steht damit auf dem Prüfstand. Genau deshalb ist die Frage nach der Unabhängigkeit der Fed nicht nur institutionell, sondern unmittelbar ökonomisch relevant.
Parallel dazu gibt es in Europa Spekulationen über einen möglichen vorzeitigen Rückzug von Christine Lagarde. Welche Auswirkungen hätten gleichzeitige Führungsdebatten bei Fed und EZB auf die globale Geldpolitik und die Finanzmärkte?
Gleichzeitige Führungsdebatten bei Fed und EZB wären vor allem deshalb heikel, weil sie die Unsicherheit über den künftigen geldpolitischen Kurs auf beiden Seiten des Atlantiks erhöhen würden. Das betrifft nicht nur Zinserwartungen, sondern auch Bilanzpolitik, Wechselkurse und die Reaktion auf neue Inflations- oder Wachstumsschocks. Gerade für Unternehmen kann eine solche Unsicherheit zum Problem werden, weil Investitionen dann eher verschoben werden. In einer ohnehin fragilen globalen Lage wird glaubwürdige und berechenbare Kommunikation damit selbst zu einem zentralen Instrument der Geldpolitik.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Schneider.

