Technische Analyse

Technische Analyse verstehen – Wie findet man den Einstieg?

Der prozyklische Einstieg in einen Trade – Teil 2

Nachdem es in der letzten Folge um antizyklische Einstiegsvarianten ging, stellen wir nun einige prozyklische Methoden des Einstiegs in eine Position vor. Diese haben den Vorteil, dass damit der bewährten Anlegermaxime »the trend is your friend« am ehesten Rechnung getragen wird. Der Nachteil ist, dass der anfängliche Stop-Loss in der Regel weiter entfernt liegt, womit sich das Verlustpotenzial je Trade erhöht.

Ausbruch über den Widerstand und unter den Support
Die klassische prozyklische Vorgehensweise des technisch orientierten Anlegers besteht darin, zu kaufen, nachdem ein Widerstandsbereich (Resistance) überwunden wurde und zu verkaufen, wenn ein Unterstützungsbereich (Support) unterschritten wurde. Zur Erinnerung: Widerstand ist ein Kursbereich oberhalb des aktuellen Kursniveaus, an dem der Aufwärtstrend aufgrund eines (temporären) Angebotsüberhangs ins Stocken gerät. Die Unterstützung ist entsprechend ein Kursbereich unterhalb des derzeitigen Niveaus, an dem der Abwärtstrend aufgrund eines (temporären) Nachfrageüberhangs ins Stocken gerät. Löst sich diese Verschnaufpause im etablierten Trend trendkonform auf, erfährt der Trend eine erneute Bestätigung. Diese kann der Anleger als Handlungssignal nutzen, da offenkundig die Kräfteverhältnisse zwischen Bullen und Bären unverändert die bisher dominierende Partei favorisieren.

Wenn der Anleger nun einen relevanten Widerstand oder eine relevante Unterstützung (zum Beispiel vergangene Hoch- und Tiefpunkte, Trendlinien, gleitende Durchschnittslinien, Fibonacci-Retracements) identifiziert hat und die Kurse dort in den Konsolidierungsmodus übergehen, liefert die anschließende Auflösung der Konsolidierung in Richtung des vorausgegangenen Trends, die idealerweise von erhöhtem Handelsvolumen begleitet wird, das Trading-Signal der Trendfortsetzung. Verzichtet der Anleger auf das Merkmal der Konsolidierung, kann er sich nicht so sicher sein, dass die von ihm ins Auge gefasste potenzielle Widerstandszone bzw. Unterstützungszone auch im konkreten Fall von den anderen Marktakteuren als relevant erachtet wird, was die Signalqualität verringert und die Wahrscheinlichkeit von Fehlausbrüchen erhöht.

Bei der Frage der Einstiegstechnik im Fall des Ausbruchs über den Widerstand bzw. der Unterstützung hat der Anleger grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Zum einen kann er eine Stop-Buy-Order (im Aufwärtstrend) oder Stop-Sell-Order (im Abwärtstrend) etwas oberhalb des Widerstands bzw. unterhalb der Unterstützung platzieren. Das bedeutet, er lässt sich automatisch in die Kaufposition bzw. Verkaufsposition einstoppen, sollte die im Vorfeld definierte Kursmarke getriggert werden. Dies hat den Vorteil, dass der Anleger die Situation anschließend nicht rund um die Uhr beobachten muss. Der Nachteil liegt darin, dass er auch in Ausbrüche hinein ausgeführt wird, die sich kurz danach als nicht nachhaltig und damit als Bullenfalle bzw. Bärenfalle entpuppen. Zudem kann der Anleger einen ungünstigen Ausführungskurs erhalten, wenn der Ausbruch mit einer deutlichen Kurslücke erfolgt oder die Volatilität bei der Ausbruchssituation extrem ansteigt. Daher empfiehlt es sich zumindest in Zweifelsfällen, einen Preis- und/oder Zeitfilter zu verwenden. Der Anleger wartet also einen nachhaltigen Ausbruch ab und steigt erst anschließend in die Position (per Limitorder oder Market-Order) ein. Typische Preisfilter sind beispielsweise ein Ausbruch von 1 Prozent oder 2 Prozent jenseits des Widerstands/der Unterstützung. Typische Zeitfilter sind beispielsweise ein Stundenschluss, Tagesschluss oder Wochenschluss jenseits der jeweiligen Zone.

Eine weitere Einstiegsalternative, die auch als antizyklische Strategie eingeordnet werden könnte, ist das Abwarten einer Rückkehrbewegung (Pullback) nach einem Ausbruch zurück an die Ausbruchszone. Gemäß dem Prinzip der wechselnden Polarität wird der überwundene ehemalige Widerstandsbereich nach einem nachhaltigen Ausbruch zur Unterstützung. Entsprechend wird die unterschrittene Unterstützungszone zum Widerstand. In mehr als der Hälfte der Ausbrüche lässt sich im Anschluss eine solche Rückkehrbewegung beobachten, die dann eine zweite Chance zum Aufbau einer trendkonformen Position offeriert. Eine Kombinationstechnik aus beiden Varianten liegt darin, nach dem Ausbruch und einem erfolgten Pullback eine Stop-Buy-Order über dem Hoch vor dem Pullback (im Aufwärtstrend) bzw. unter dem Tief (im Abwärtstrend) zu platzieren und somit eine erneute Bestätigung der Gültigkeit des Ausbruchs und der Stabilität des etablierten Trends abzuwarten.

Indikatoren als Signalgeber
Der Vollständigkeit halber sei noch darauf hingewiesen, dass auch verschiedene technische Indikatoren zur prozyklischen Signalgenerierung genutzt werden können. Bereits in dieser Reihe angesprochen wurden entsprechende Strategien mit gleitenden Durchschnittslinien (Ausbruch des Kurses über/unter einen gleitenden Durchschnitt sowie Moving-Average-Crossover). Daneben wurde auf die prozyklische Verwendung der Bollinger-Bänder (Ausbruch über das obere Bollinger-Band/Unterschreitung des unteren Bollinger-Bands) eingegangen. Eine der ältesten und dennoch erfolgreichsten prozyklischen Trendfolgestrategien stellt daneben die Verwendung des nach Richard Donchian benannten Donchian-Channels dar, die auch als 4-Wochen-Regel bekannt wurde. Dabei werden Long-Positionen eingegangen, wenn die Kurse das Hoch der vergangenen vier Kalenderwochen überschreiten und Short-Positionen eingegangen, wenn die Kurse das Tief der vergangenen vier Kalenderwochen unterschreiten. Die Regel kann dahingehend modifiziert werden, dass als Ausstiegssignal eine kürzere Zeitspanne verwendet wird. Hier finden vor allem die Zeiträume eine Woche und zwei Wochen Verwendung.

Grafik 1: Prozyklischer Einstieg
Grafik 1: Prozyklischer Einstieg
Quelle: Commerzbank AG
Grafik 2: Einstieg nach Pullback
Grafik 2: Einstieg nach Pullback
Quelle: Commerzbank AG