Technische Analyse

Technische Analyse verstehen – Wie findet man den Einstieg?

Der antizyklische Einstieg in einen Trade – Teil 1

Beginnend mit dieser Folge der Reihe zur Technischen Analyse widmen wir uns der praktischen Frage, auf welche Art und Weise man als Anleger in einen Trade einsteigen kann. Zunächst stellen wir verschiedene antizyklische Einstiegsvarianten vor.

Nachdem der Anleger die bestehenden charttechnischen Trends (langfristig/mittelfristig/kurzfristig) im untersuchten Basiswert festgestellt hat, kann er grundsätzlich von dieser Erkenntnis profitieren. Denn getreu dem alten Wall-Street-Motto ist bekanntlich der Trend der Freund des Anlegers. Die Kenntnis des Trends bedeutet nämlich zugleich die Kenntnis über den Weg des geringsten Widerstands, da Trends die Neigung haben, sich fortzusetzen. Dies ist eine der grundlegenden Annahmen der Technischen Analyse. Mit dem Strom zu schwimmen erweist sich daher auf Dauer profitabler. Da jedoch zu den meisten Zeiten unterschiedliche Trends bestehen – je nach gerade betrachtetem Trend –, kann der gleiche Trade sowohl in Richtung eines Trends als auch gegen die Richtung eines anderen Trends laufen. Die Frage, ob ein Trade trendkonform ist oder nicht, kann somit nicht losgelöst von der Klärung der betrachteten und gehandelten Zeitebene beantwortet werden. Wenn sich der Anleger entschieden hat, welche Zeitebene und damit welchen Trend er konkret handeln möchte, hat er eine schier endlose Möglichkeit von Einstiegsstrategien zur Auswahl. Diese lassen sich grundsätzlich einteilen in antizyklische und prozyklische Einstiegsstrategien. Bei den antizyklischen Einstiegsstrategien setzt der Anleger die alte Handlungsmaxime »buy the dip« im Aufwärtstrend bzw. »sell the rally« im Abwärtstrend um. Er nutzt also Rücksetzer im Aufwärtstrend zu Käufen und Erholungen im Abwärtstrend zu Verkäufen. Dies hat in aller Regel den Vorteil, dass beim Einstieg ein engerer Stop-Loss gewählt werden kann als bei den prozyklischen Einstiegsstrategien. Der Nachteil liegt darin, dass sich der Anleger – von einigen Ausnahmen abgesehen – gegen den untergeordneten Trend stellt, was zu einem häufigeren Ausgestopptwerden führen kann.

Kauf an der Unterstützung und Verkauf am Widerstand
Da sich der Anleger beim Kauf in einen Kursrücksetzer bzw. Verkauf in eine Kurserholung hinein in der Regel gegen den untergeordneten Trend stellt, bedarf es für einen sinnvollen Einstieg weiterer Indizien, die die Chancen für eine anstehende Fortsetzung des im Anlegerfokus stehenden übergeordneten Trends verbessern. Die wohl älteste und einfachste Strategie lautet, im Aufwärtstrend an einer Unterstützung zu kaufen und im Abwärtstrend am Widerstand zu verkaufen. In den vorausgegangenen Folgen dieser Reihe wurden die wichtigsten verschiedenen Methoden genauer besprochen, die die Technische Analyse zur Identifikation von Unterstützungen und Widerständen bereithält. Zur Erinnerung: vergangene Hochpunkte und Tiefpunkte, prozentuale Retracement-Level (insbesondere Fibonacci-Retracements), gleitende Durchschnittslinien und Trendlinien. Diese Techniken lassen sich einzeln oder auch in der Kombination einsetzen. Je mehr unterschiedliche Techniken eine Kurszone als potenzielle Unterstützung oder potenziellen Widerstand ausweisen (Support-Cluster/Resistance-Cluster bzw. Kreuzunterstützung/Kreuzwiderstand), desto wahrscheinlicher ist, dass die Zone von den anderen Anlegern und somit vom »Markt« wahrgenommen und respektiert wird. Hat der Anleger eine solche Zone identifiziert und der Kurs des Basiswerts nähert sich ihr an, so bestehen grundsätzlich zwei Einstiegsmöglichkeiten: entweder man platziert eine Limit-Kauforder im Aufwärtstrend bzw. Limit-Verkaufsorder im Abwärtstrend in der Zone und lässt sich ohne weitere Bestätigung ausführen. Oder man wartet irgendeine Form der Bestätigung ab, dass die Zone im konkreten Fall auch tatsächlich (und nicht nur potenziell) als Unterstützung bzw. Widerstand wirkt und steigt anschließend ein. Die letztgenannte Methode hat den Vorteil einer größeren Erfolgschance, während die erstgenannte den Vorteil der größeren Einfachheit aufweist und häufig auch den günstigeren Einstieg ermöglicht.

Grafik 1: Antizyklischer Long-Einstieg an der Kreuzunterstützung bei Kerzenumkehrmuster und überverkauftem RSI-Indikator
Grafik 1: Antizyklischer Long-Einstieg an der Kreuzunterstützung bei Kerzenumkehrmuster und überverkauftem RSI-Indikator
Quelle: Commerzbank

Eine gute Technik für eine erste antizyklische Bestätigung, dass die Zone einen Ausgangspunkt für eine zumindest temporäre Trendwende darstellen wird, ist die Candlestick-Analyse. Kommt es im entsprechenden Kursbereich zu einer Umkehrformation im Kerzenchart (beispielsweise Hammer/Shooting Star, Engulfing, Harami etc.), dann erhöhen sich die Chancen für ein Ende der Korrektur des übergeordneten Trends. Ferner kann als Filter ein Oszillator (zum Beispiel Stochastik oder RSI) vorgeschaltet werden. In diesem Fall werden nur die Kerzenumkehrsignale an einer potenziellen Wendezone beachtet, die in einem überverkauften bzw. überkauften Zustand des Indikators auftreten. Daneben gibt es mehrere Möglichkeiten, trotz eines grundsätzlich antizyklischen Einstiegs in Bezug auf den übergeordneten Trend eine prozyklische Bestätigung für eine Trendwende im untergeordneten Trend zum Einstieg zu nutzen. Dies geht entweder im Rahmen der sogenannten Multi-Time-Frame-Analyse. Dabei betrachtet der Anleger die potenzielle Umkehrzone in einer niedrigeren Zeitebene als dem Tageschart (beispielsweise Stundenchart oder 15-Minuten-Chart) und wartet hier zum Feintuning des Einstiegs eine Trendwende ab; beispielsweise in Gestalt einer Umkehrformation (Doppelboden, Doppeltop, Kopf-Schulter-Formation etc.) oder einfach in Form eines Anstiegs über das letzte Kurshoch oder eines Rückfalls unter das letzte Kurstief in der niedrigeren Zeitebene und damit einem Bruch des untergeordneten Korrekturtrends. Eine weitere Möglichkeit für eine prozyklische Bestätigung innerhalb des antizyklischen Einstiegs stellt das nachhaltige Überwinden eines nächsten relevanten Widerstands bzw. das Unterschreiten einer nächsten relevanten Unterstützung in der selben Zeitebene dar. Dies kann das letzte Hoch bzw. Tief, die korrektive Trendlinie oder eine kürzerfristige gleitende Durchschnittslinie sein, die den Korrekturtrend zuvor bei Gegenbewegungen gut begrenzt hatte.

Grafik 2: Antizyklischer Long-Einstieg im Intradaychart nach Doppelboden an der Kreuzunterstützung
Grafik 2: Antizyklischer Long-Einstieg im Intradaychart nach Doppelboden an der Kreuzunterstützung
Quelle: Commerzbank