Technische Analyse verstehen

Chartformationen: Kopf-Schulter und inverse Kopf-Schulter

Nach den in der letzten Folge behandelten Mustern Doppeltop und Doppelboden wollen wir nun einen Blick auf eine weitere wichtige Formationsgruppe werfen: die Kopf-Schulter-Formation sowie die inverse Kopf-Schulter-Formation als spiegelbildliches bullishes Gegenstück. Anders als bei Doppeltop und Doppelboden kommt die Formationsgruppe nicht nur als Trendumkehrmuster, sondern auch als Fortsetzungsmuster vor. Sie ist gelegentlich etwas schwerer zu identifizieren, tritt dafür aber häufiger auf als Doppeltop und Doppelboden. Aus dem Arsenal des formationstechnisch orientierten Traders ist das Muster daher kaum wegzudenken.

Die Basics
Bei einer Kopf-Schulter-Formation als bearishe Umkehrformation (siehe Grafik 1) weist der Trend – denknotwendig – zunächst nach oben. Am Punkt A kommt es dann zur Ausbildung eines Hochs, welches sich zunächst lediglich als Korrektur im Aufwärtstrend darstellt. Nach der Ausbildung eines Tiefs bei Punkt B arbeitet sich die Notierung auf ein neues Verlaufshoch (Punkt C) vor. Häufig geschieht dies mit geringerem Handelsvolumen als beim vorausgegangenen Schub zu Punkt A, was für den technisch orientierten Anleger bereits ein erstes Warnsignal darstellt. Ebenfalls häufig liegt dann bei Punkt C eine sogenannte negative Divergenz in momentumbasierten Indikatoren (zum Beispiel Relative Strength Index, RSI) vor, was einen Verlust an Schwungkraft signalisiert. Nun fallen die Kurse zum Punkt D und unterschreiten damit die Unterstützung von Punkt A, was ein weiteres Warnsignal darstellt. Zudem wird meist auf dem Weg zu Punkt D eine Aufwärtstrendlinie gebrochen – noch ein Warnsignal. Anschließend klettern die Kurse zu Punkt E. Dies geschieht idealerweise mit geringerem Volumen als der Abschwung zu D. Bei Punkt E bildet sich dann ein tieferes Hoch aus, welches sich in etwa auf der Höhe des Punkts A befindet. Der Rutsch unter die sogenannte Nackenlinie, die aus der Verbindung der Punkte B und D resultiert, vervollständigt die bearishe Trendwende. Diese Nackenlinie kann – je nach Lage von B und D – ansteigen (Regel), horizontal verlaufen oder abfallen (seltener). Beim Durchbruch sollte das Volumen deutlich anziehen. Häufig kommt es dann noch zu einer von niedrigem Volumen begleiteten Rückkehrbewegung an die Nackenlinie, bevor die Kurse wieder südwärts drehen und das tiefere Tief bei Punkt F unterschreiten. Das Mindestkursziel ergibt sich aus der Projektion des als Lot ermittelten Abstands vom Gipfel C zur Nackenlinie am Durchbruchspunkt.

Grafik 1: Kopf-Schulter-Formation
Grafik 1: Kopf-Schulter-Formation

Das bullishe Pendant – die inverse Kopf-Schulter-Formation (siehe Grafik 2) – ergibt sich einfach aus der Spiegelung der Kopf-Schulter-Formation. Als Besonderheit ist hier nur zu beachten, dass zum einen das Handelsvolumen eine noch wichtigere Rolle als bei einer bearishen Trendumkehr besitzt – es sollte daher in jedem Fall zumindest beim Durchbruch über die Nackenlinie deutlich anziehen. Zum anderen ist die Nackenlinie bei einer inversen Kopf-Schulter häufig nach unten geneigt. Aber auch hier sind horizontale und fallende Nackenlinien durchaus zulässig. Als mögliche Variante sowohl der Kopf-Schulter als auch der inversen Kopf-Schulter kommt es gelegentlich zu einer komplexen Ausgestaltung mit mehreren linken oder rechten Schultern. Dabei gibt es die Tendenz, dass die Anzahl der linken Schultern der der rechten Schultern entspricht.

Grafik 2: InverseKopf-Schulter-Formation
Grafik 2: InverseKopf-Schulter-Formation

Wie bereits erwähnt – jedoch trotz des häufigen Vorkommens von vielen technisch orientierten Tradern nicht ausreichend beachtet – existiert eine Fortsetzungsvariante der Kopf-Schulter und der inversen Kopf-Schulter. Sie ist in Grafik 3 zu finden und stellt lediglich eine Unterbrechung des vorherigen Trends dar.

Grafik 3: Fortsetzungsformationen
Grafik 3: Fortsetzungsformationen

Trade-Management
Da mit dem Bruch der Nackenlinie alle oben genannten Formationsvarianten komplettiert werden, kann danach eine Position in Ausbruchsrichtung eingenommen werden. Als sinnvoller anfänglicher Stop-Loss zur Verlustbegrenzung bietet sich ein Niveau knapp oberhalb (Kopf-Schulter) bzw. unterhalb (inverse Kopf-Schulter) der rechten Schulter an. Spätestens mit dem Überschreiten bzw. Unterschreiten dieses Niveaus hätte sich die Formation als sogenannte fehlgeschlagene Kopf-Schulter bzw. fehlgeschlagene inverse Kopf-Schulter entpuppt und es wäre mindestens ein erneutes Anlaufen von Punkt C zu erwarten. Als alternative Handelsstrategie können Anleger nach dem Bruch der Nackenlinie eine mögliche Rückkehrbewegung an die Nackenlinie abwarten und dort eine Position einnehmen. Aufgestockt werden könnte die Position mit einer bestätigenden Bewegung jenseits des Punkts F. Schließlich gibt es noch eine dritte Variante: Anleger können in Antizipation der Vervollständigung der Formation bereits eine Position im Bereich von Punkt E einnehmen, falls sich auf diesem Kursniveau Anzeichen einer kurzfristigen Trendumkehr in Richtung der Nackenlinie ergeben.