Märkte

Gold hat weiteres Erholungspotenzial

Die Feinunze Gold kostete am 11. August erstmals seit Anfang Juni wieder mehr als 4.400 US-Dollar. Zudem verzeichnete Gold mit einem Wochenplus von 7,3 Prozent in der ersten Handelswoche im August den stärksten Wochenanstieg seit Ende Januar. Der jüngste Preisanstieg ist bemerkenswert, weil er mit einem deutlich gestiegenen Ölpreis einherging. In den vergangenen Monaten war die Korrelation zwischen Gold und Öl zumeist negativ, weil ein steigender Ölpreis auch die Fed-Zinserwartungen nach oben schob.

Das war diesmal nicht der Fall. Die Zinserwartungen gingen trotz des höheren Ölpreises seit Ende Juli zurück. Eine Zinserhöhung im September ist in den Fed Funds Futures nur noch zu 30 Prozent eingepreist, ein ganzer Zinsschritt nicht mehr vollständig bis zum Jahresende. Zuvor hatte der Goldpreis seit dem Erreichen des Rekordhochs Ende Januar fast 30 Prozent verloren und Ende Juni bei gut 3.940 US-Dollar je Feinunze das niedrigste Niveau seit November 2025 erreicht. Auch im Juli rutschte der Preis mehrfach unter die Marke von 4.000 US-Dollar je Feinunze, was aber zu Kaufinteresse führte und somit eine Bodenbildung ermöglichte. Die vorherige Preisschwäche wurde hervorgerufen durch eine Verschiebung der Zinserwartungen. Vor Beginn des Iran-Kriegs ging der Markt noch davon aus, dass die US-Notenbank die Zinsen in diesem Jahr weiter senken werde. In den Fed Funds Futures waren Zinssenkungen um mehr als 50 Basispunkte bis zum Jahresende eingepreist. Das änderte sich nach dem kräftigen Anstieg der Ölpreise, der durch den Krieg und die Blockade der Straße von Hormus ausgelöst wurde.

Auch der zwischenzeitliche Ölpreisrückgang wegen des Rahmenabkommens und die zeitweise Wiederaufnahme der Öllieferungen durch die Straße von Hormus änderten daran wenig, weil die erste Fed-Sitzung mit dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh im Juni unerwartet falkenhafte Aussagen brachte. Der Markt schraubte daher die Zinserwartungen bis Ende Juli kaum zurück. Eine Zinserhöhung der Fed um 25 Basispunkte bis zur Sitzung im September blieb in den Fed Funds Futures vollständig eingepreist, darüber hinaus eine weitere bis zum Jahresende mit einer hohen Wahrscheinlichkeit. Die Anleiherenditen stiegen daraufhin deutlich. Die Rendite für 10-jährige US-Treasuries erreichte Ende Juli mit 4,75 Prozent das höchste Niveau seit Januar 2025.

Die marktbasierten Inflationserwartungen stiegen dagegen kaum. Der Markt rechnete offenbar damit, dass es der Fed gelinge, die Inflation in einem angemessenen Zeitraum wieder zum Zielwert zurückzuführen. Das ist auch deswegen bemerkenswert, weil die US-Kerninflation seit mittlerweile fünf Jahren oberhalb des Zielwerts liegt. Die Kombination von steigenden Zinserwartungen bzw. Anleiherenditen und stabilen Inflationserwartungen ließ den Realzins merklich steigen, was wiederum den Goldpreis belastete (siehe Grafik 1). Denn steigende Realzinsen erhöhen die Opportunitätskosten der Goldhaltung, da Gold keine Zinsen abwirft. Zuletzt kam es zu einer Abkopplung des Goldpreises von den Realzinsen, die trotz der nachlassenden Zinserwartungen kaum zurückgegangen sind, weil die Zehnjahresrendite auf hohem Niveau verharrte. Das kann mit der Fed-Sitzung Ende Juli erklärt werden, die Zweifel an der Entschlossenheit der Fed hinsichtlich der Inflationsbekämpfung aufkommen ließ. Zwar stimmten insgesamt drei FOMC-Mitglieder (Federal Open Market Committee) für eine Zinserhöhung. Fed-Chef Warsh vermied es aber in der anschließenden Pressekonferenz, Zinserhöhungen bei einer der kommenden Sitzungen in Aussicht zu stellen. Somit deutet sich ein Konflikt innerhalb der Fed an, wie die Rückkehr zum Inflationsziel erreicht werden soll, was für einen steigenden Goldpreis spricht.

Grafik 1: Goldpreis durch steigenden Realzins belastet

Realzins abgeleitet aus Zehnjahresrendite US-Treasuries und marktbasierten Inflationserwartungen

Das gilt auch angesichts der Entwicklung bei den Gold-ETFs. Hier zeichnet sich eine Trendwende ab. Die weltweiten Gold-ETFs verzeichneten im Juli laut Daten des World Gold Council (WGC) Netto-Zuflüsse von 23,5 Tonnen (siehe Grafik 2). In den beiden Monaten zuvor waren die ETF-Bestände noch um insgesamt 92,5 Tonnen gesunken. Der WGC nennt als Gründe für die Zuflüsse die Korrektur bei Tech-Aktien, einsetzendes Kaufinteresse aufgrund des niedrigeren Goldpreisniveaus, den unsicheren Fed-Ausblick und die anhaltenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Der Großteil der Zuflüsse, nämlich gut 17 Tonnen, erfolgte in den europäischen ETFs. In Asien stiegen im Juli die ETF-Bestände um knapp 5 Tonnen. Seit Jahresbeginn stehen damit in Europa ETF-Zuflüsse von 23 Tonnen zu Buche, in Asien sogar 74 Tonnen.

Grafik 2: Nachfrage nach Gold-ETFs belebt sich wieder

Monatsveränderung der ETF-Bestände nach Regionen

Anders ist dagegen die Situation in Nordamerika. Die dort gelisteten ETFs verzeichneten im Juli lediglich minimale Zuflüsse. Nach sieben Monaten stehen dort Abflüsse von 60 Tonnen zu Buche. Dies dürfte vor allem mit den im Jahresverlauf gestiegenen Opportunitätskosten wegen der erwarteten Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed zu tun haben. Die Kehrtwende bei den Fed-Zinserwartungen hat das Kaufinteresse der ETF-Anleger auch in Nordamerika wieder steigen lassen. Laut Daten von Bloomberg kam es in den ersten zwei Wochen im August zu einem Anstieg der Gold-ETF-Bestände um 20 Tonnen, wovon der Großteil auf den weltgrößten Gold-ETF in den USA entfiel.

Wir erwarten für Ende des Jahres einen Goldpreis von 4.500 US-Dollar je Feinunze. Damit besteht ausgehend vom momentanen Niveau weiteres Erholungspotenzial, da wir die derzeitigen Markterwartungen von Fed-Zinserhöhungen noch immer als überzogen erachten und mit unveränderten Fed-Zinsen bis zum Jahresende rechnen. Die Fed dürfte die Zinsen nur anheben, wenn die Inflationsentwicklung sie dazu zwingt. Ansonsten dürfte sie von Zinserhöhungen absehen und ihren Leitzins ab Mitte 2027 sogar senken. Daraus ergibt sich Spielraum für einen weiteren Preisanstieg im nächsten Jahr auf 5.000 US-Dollar je Feinunze bis Ende 2027.

Der World Gold Council veröffentlichte Ende Juli Zahlen zur Goldnachfrage im zweiten Quartal und im ersten Halbjahr (dazu zählen außerbörsliche Geschäfte, Lagerveränderungen und eine Restgröße). Ohne OTC-Transaktionen lag die Nachfrage im zweiten Quartal 14 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Insgesamt im ersten Halbjahr belief sich der Rückgang sogar auf 19 Prozent. Von den einzelnen Nachfragekomponenten verzeichneten die Schmuck- und die ETF-Nachfrage deutliche Rückgänge (siehe Grafik 3). Für die Schmucknachfrage war es eines der schlechtesten zweiten Quartale seit Beginn der Datenreihe. Das deutlich gestiegene Preisniveau hat somit merkliche Bremsspuren hinterlassen. Die ETF-Abflüsse im zweiten Quartal führten dazu, dass auch die Investmentnachfrage trotz einer robusten Nachfrage nach Barren und Münzen sowohl im zweiten Quartal als auch im ersten Halbjahr deutlich schwächer ausfiel als im Vorjahr.

Grafik 3: Verhaltene Goldnachfrage im ersten Halbjahr

Goldnachfrage pro Quartal

Bei den Goldkäufen der Zentralbanken war das Bild gemischt. Einem nach unten revidierten sehr schwachen ersten Quartal folgte ein rekordstarkes zweites Quartal, was aber nicht verhindern konnte, dass auch diese Nachfragekomponente im ersten Halbjahr unter dem Vorjahresniveau blieb. Größte Käuferin unter den Zentralbanken war sowohl im zweiten Quartal als auch im ersten Halbjahr die polnische Zentralbank.

Für das zweite Halbjahr rechnet der WGC mit keiner nennenswerten Belebung der Nachfrage. Einzig die Investmentnachfrage soll dank der OTC-Aktivität und asiatischer Anleger Zuwächse verzeichnen. Die Nachfrage nach Barren und Münzen soll sich dagegen abschwächen. Von der ETF-Nachfrage erwartet der WGC auch im zweiten Halbjahr keine Impulse. Die Schmucknachfrage dürfte aufgrund des hohen Preisniveaus unter Druck bleiben. Die Goldkäufe der Zentralbanken dürften wegen Portfoliodiversifikation und der Absicherung gegen Inflation und Risiken zwar weiterhin stark ausfallen, aber unter dem Vorjahresniveau bleiben.

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Stand: 19. August 2026; Quelle: Société Générale

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