Interview

Die Stimmung ist hochgradig aufgeladen – Interview mit Julian Müller-Kaler, Stabschef und Direktor des Programms für Strategische Vorausschau beim Stimson Center in Washington D.C.

ideas: Herr Müller-Kaler, Sie sind Stabschef und Direktor des Programms für Strategische Vorausschau beim Stimson Center in Washington D.C. In den vergangenen Monaten wurde viel über das politische Klima in den USA berichtet. Wie würden Sie die Stimmung derzeit beschreiben?
Julian Müller-Kaler: Die Stimmung ist hochgradig aufgeladen und zugleich erschöpft. Viele Amerikaner erleben Politik als Dauerkrise, in der sich der Wunsch nach tiefgreifender Veränderung mit der Angst vor ihren Konsequenzen überlagert. Donald Trump ist dabei weniger Auslöser als Symptom eines gesellschaftlichen Eskalationsprozesses, der lange vor 2016 begann und in strukturellem Wandel, sozialer Fragmentierung und institutionellem Vertrauensverlust wurzelt. Ein Kernproblem der vergangenen Jahre war, dass sich die Demokraten zu oft als reine Anti-Trump-Koalition definiert haben. Damit wurde der politische Wettbewerb moralisiert, aber nicht mit tragfähigen Alternativen unterfüttert. Das verstärkt den Eindruck, Trumps Machtanspruch und Politik seien, zumindest in der politischen Psychologie seiner Anhänger, »alternativlos«.

Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Meinungsbildung und Polarisierung?
Soziale Medien sind inzwischen weniger Kanal als Architektur konkurrierender Wirklichkeiten. Individueller Medienkonsum entscheidet zunehmend darüber, in welcher sozialen und politischen Realität Menschen in den USA leben. Algorithmisch verstärkte Empörung schafft kurzfristige Bindung, aber langfristig erodieren Vertrauen und Kompromissfähigkeit. Hinzu kommt die Omnipräsenz von Videos, gerade mit Blick auf zunehmende politische Gewalttaten. Die Debatten verdichten sich emotional und die Erfahrung von Schmerz, Bedrohung und Demütigung ist permanent. Das macht Versöhnung schwieriger, weil Konflikte nicht nur argumentativ, sondern identitär verarbeitet werden. Wer sich existenziell angegriffen fühlt, verhandelt nicht mehr, er verteidigt sich.

Donald Trump ist nun seit einem Jahr wieder im Amt. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?
Die amerikanische Demokratie und Gesellschaft standen bereits vor Trumps Rückkehr an einem Kipppunkt. Seine Wiederwahl war Ausdruck einer anti-elitären, institutionenskeptischen Grundstimmung, nicht deren Ursprung. Für seine Anhänger liefert er genau das, was er versprochen hat: radikale Veränderung, Konfrontation mit dem »System« und die Umdeutung staatlicher Macht zugunsten eines Freund-Feind-Schemas. Das liberale Amerika wirkt vielerorts noch immer wie in Schockstarre, nicht nur wegen einzelner Entscheidungen, sondern wegen des Eindrucks, dass sich Normen und Institutionen schneller verschieben, als Gegenkräfte strategisch reagieren können. Entscheidend ist, dass die politische Energie derzeit stärker im Antagonismus liegt als in einem gemeinsamen Entwurf für Erneuerung. Trumps Populismus ist mächtig im Aufbegehren, aber schwach im Entwerfen. Er lebt nach wie vor von der Wut, nicht vom Willen zur Gestaltung.

Welche wesentlichen Unterschiede sehen Sie im Vergleich zu seiner ersten Amtszeit?
2016 stolperte Trump in vieler Hinsicht unvorbereitet ins Amt. Er rechnete nicht mit einem Sieg, sein Personalapparat war fragmentiert und die politische Übernahme der Republikanischen Partei noch nicht abgeschlossen. In seiner zweiten Amtszeit tritt er deutlich strategischer auf: Seine Loyalitätsketten sind stabiler und etwaige Personalentscheidungen folgen stärker dem Ziel institutioneller Durchsetzung. Seine parteiinternen Gegner sind marginalisiert und die GOP (Grand Old Party) ist in weiten Teilen zur Trump-Partei geworden. Damit sinken die politischen und administrativen Reibungsverluste. Seine expansive Interpretation präsidialer Macht trifft auf weniger Hürden als früher.

In den vergangenen Wochen standen die Beziehungen der USA zu Europa besonders im Fokus. Wie schätzen Sie die transatlantischen Beziehungen derzeit ein?
Trump versteht sein politisches Mandat als Auftrag zur fundamentalen Neujustierung amerikanischer Innen- und Außenpolitik: weniger regelgebundene Ordnungspolitik, mehr transaktionale Logik und stärker innenpolitisch getriebene Interessenspolitik. Das beschleunigt, was sich ohnehin abzeichnete: die Erosion der Vorstellung einer kohärenten »liberalen Weltordnung« – sofern es sie je in der behaupteten Form gab. Das transatlantische Verhältnis war ein zentraler Pfeiler dieses Selbstverständnisses. Insofern überrascht es nicht, dass Europa zur Projektionsfläche wird, ökonomisch, sicherheitspolitisch und symbolisch. Für die EU bedeutet das eine harte, aber klärende Diagnose: Strategische Eigenständigkeit ist keine Option mehr, sondern eine Voraussetzung politischer Handlungsfähigkeit.

Zu Beginn seiner Amtszeit hat Donald Trump angekündigt, den Russland-Ukraine-Krieg zu beenden. Warum ist das bisher nicht gelungen? Hat er Putin unterschätzt oder falsch eingeschätzt?
Das strukturelle Problem des Konflikts war von Beginn an die Eskalationsdominanz auf russischer Seite: Putin kann Intensität, Zeitachse und Risikobereitschaft anders kalibrieren als der Westen. Selbst die Biden-Regierung wollte diese Dominanzlogik nicht vollständig zu westlichen Gunsten brechen. Hinzu kommt: Wenn Moskau auf dem Schlachtfeld wieder bessere Karten sieht, sinkt die Bereitschaft, einem Deal zuzustimmen, der Ziele auch ohne die Unwägbarkeiten einer Verhandlung erreichbar erscheinen lässt. Putin hat zudem Gründe, einem nachhaltigen Kurswechsel in Washington zu misstrauen. Trump hat gezeigt, dass ein Abkommen nur so stabil ist wie die politische Zukunft derjenigen, die es garantieren. Die jetzige Regierung hat also unterschätzt, dass Deal-Making in einem Abnutzungskrieg nicht primär an persönlicher Chemie scheitert, sondern an strategischen Anreizen, die sich nicht wegverhandeln lassen.

Auch wenn die nächsten Präsidentschaftswahlen noch etwas entfernt sind: Donald Trump darf nach momentaner Gesetzeslage nicht mehr antreten. Wie schätzen Sie die Republikaner in Bezug auf die Nachfolge ein? Wird es eher ein »zweiter Trump« oder ein gemäßigterer Kandidat?
Trump ist Symptom tektonischer Verschiebungen: Die Republikanische Partei hat sich in weiten Teilen zur Arbeiter- und Protestpartei transformiert, während die Demokraten stärker als Partei des institutionellen Establishments wahrgenommen werden. Deshalb wird die Nachfolge eher mit Trump als gegen ihn entschieden. Also über Loyalität, Stil und die Fähigkeit, seine Koalition aus unterschiedlichen Frustrationen zusammenzuhalten. Ein »gemäßigter« Kandidat hätte es nur dann leichter, wenn er die zentralen Affekte seiner Wählerbasis glaubhaft adressiert, ohne sich vom Trump-Narrativ zu lösen. Realistisch ist daher eher eine populismuskompatible Fortsetzung. Es sei denn, es kommt zu einer massiven politischen oder ökonomischen Krise, die die Kosten dieses destruktiven Kurses für die eigene Anhängerschaft unübersehbar macht.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Schneider.