Interview

Aktien beteiligen Menschen am Erfolg der Wirtschaft – Interview mit Dr. Franz-Josef Leven, Stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts

ideas: Herr Dr. Leven, Sie sind Stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts. Können Sie uns kurz erklären, welche Aufgaben und Ziele das Institut verfolgt?
Dr. Franz-Josef Leven: Wir setzen uns für einen starken Kapital- und Aktienmarkt ein. Davon profitieren Anleger und Unternehmen gleichermaßen: Anleger haben eine hochrentable Anlagemöglichkeit, und die Unternehmen können sich gut finanzieren und ihren Beitrag zum Wohlstand der Gesellschaft leisten. Unsere Schwerpunkte liegen auf Fragen zur Kapitalmarktregulierung, Unternehmensfinanzierung, Governance und Nachhaltigkeit sowie Kapitalanlage. Bei all dem spielt die Aktie – nomen est omen – eine zentrale Rolle. Ihrer Förderung sind wir seit fast 70 Jahren verpflichtet. Aktien beteiligen Menschen am Erfolg der Wirtschaft und helfen Unternehmen, Innovationen zu finanzieren und Arbeitsplätze zu schaffen.

Zwar steigen die Zinsen seit einigen Wochen wieder an, jedoch lange nicht so, dass sie die derzeitige Inflation ausgleichen. Gleichzeitig schütten viele Unternehmen regelmäßig Teile ihrer Gewinne an ihre Aktionäre aus. Ist Dividende der bessere Zins?
So schön sich das mit der Dividende als neuem oder sogar besserem Zins anhört: Dividenden sind im Unterschied zu Zinsen kein festes Zahlungsversprechen. Es gibt keine Garantie für Gewinne und damit Gewinnausschüttungen der Unternehmen. Jede Dividende muss erst verdient werden. In schwierigen Situationen des Unternehmens kann die Dividende ganz oder teilweise ausfallen. Dass die Unternehmen aber mehrheitlich auch in schwierigen Zeiten Dividenden zahlen und damit für ihre Anleger einen regelmäßigen Geldzufluss schaffen, belegt die hohe Attraktivität der Aktienanlage.

Durch das digitale Angebot vieler Direkt- und Neobroker haben vermehrt auch jüngere Anleger den Weg an die Börse gefunden. Ist Deutschland auf dem Weg zu einer neuen Aktionärskultur?
Neobroker und Corona haben dazu geführt, dass sich mehr und vor allem jüngere Menschen für Aktien interessieren. Mit knapp 12,1 Millionen Aktionären hatten wir 2021 den dritthöchsten Stand an Aktienbesitzern seit dem Jahr 1997. Gerade gesellschaftspolitisch ist es wünschenswert, dass jüngere Menschen, die neu den Weg an die Börse gefunden haben, auch langfristig dabeibleiben und sich am Produktivkapital beteiligen. Ich kann die junge Anlegergeneration nur ermuntern, auch bei Kursrückschlägen die Nerven zu bewahren und dabei zu bleiben.

Nichtsdestoweniger halten nach wie vor das Platzen der Blase am Neuen Markt und die Finanzkrise viele Menschen davon ab, in Aktien zu investieren. Dabei gibt es vor allem bei einem langfristigen Anlagehorizont aus Renditegesichtspunkten keine bessere Anlageklasse als Aktien. Das zeigt auch das Rendite-Dreieck des Deutschen Aktieninstituts. Können Sie es uns kurz erklären?
An den DAX-Rendite-Dreiecken kann man die jährlichen Durchschnittsrenditen am deutschen Aktienmarkt für jeden beliebigen Anlagezeitraum in den vergangenen 50 Jahren ablesen. Sie belegen, dass Aktien eine rentable und zugleich langfristig sichere Anlage sind: Wer etwa seit Ende 2000 monatlich 100 Euro in einen Aktiensparplan anlegte, hatte Ende 2021 rund 60.000 Euro. Die eingezahlten 25.200 Euro haben in dieser Zeit rund 35.000 Euro erwirtschaftet. Das entspricht einer jährlichen Durchschnittsrendite von 7,6 Prozent.

Es zeigt sich: je länger der Anlagezeitraum, desto gleichmäßiger die Rendite. Die starken kurzfristigen Schwankungen mitteln sich heraus; was übrig bleibt, ist ein sehr ordentlicher Durchschnitt.

Die Kernbotschaft unserer Rendite-Dreiecke, die in der Wertpapierberatung von Banken und Finanzdienstleistern verwendet werden: Wer in der Vergangenheit in den DAX investierte und einen langen Atem hatte, konnte sehr attraktive Renditen erzielen. Entscheidend bei der Geldanlage ist nicht der richtige Einstiegszeitpunkt, sondern die Dauer der Aktienanlage.

Norwegen und viele andere Länder nutzen bereits seit einigen Jahren das Instrument eines Staatsfonds, der in Aktien investiert, um die Sozialleistungen des Landes zu finanzieren. Auch in Deutschland wird dieses Instrument immer wieder diskutiert. Wäre dies aus Ihrer Sicht eine gute Möglichkeit, damit auch Personen, die nicht an der Börse investieren können oder wollen, an der angesprochenen Aktienmarktrendite teilhaben können?
Wir können viel von anderen Ländern lernen. Der Vergleich mit Schweden, den USA oder Australien zeigt: Alle haben deutlich mehr Aktien in ihrer Altersvorsorge. Deutschland sollte sich daran ein Beispiel nehmen. Dabei denken wir aber nicht an eine Konstruktion wie den norwegischen Staatsfonds, der sich ja aus den Öleinnahmen Norwegens speist. In Deutschland ist es notwendig, ein Ansparverfahren mit Aktien einzuführen, das privatwirtschaftlich organisiert ist. Damit schaffen wir ein einfaches und kostengünstiges System, das es den Menschen ermöglicht, einen Teil ihrer Altersvorsorge aktienbasiert anzulegen. Damit sinkt die Abhängigkeit vom Umlageverfahren, die negativen Auswirkungen des demografischen Wandels werden abgefangen. Die Rente würde zukunftsfest.

Ebenfalls positiv: Mit Aktien in der Altersvorsorge sammeln die Menschen positive Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt. Ein Schub für die Aktienkultur ist die Folge. So besitzt in den USA und Schweden jeder zweite Haushalt Aktien, in Deutschland ist es dagegen nur rund jeder Sechste über 14 Jahren, der in Aktien oder Investmentfonds angelegt hat.

Könnte ein solches Ansparverfahren eine sinnvolle Alternative zur oft kritisierten Riester-Rente sein?
Das Riester-Konzept hat drei entscheidende Schwächen: Es ist zu kompliziert und damit teuer in der Administration, es ist zu renditeschwach wegen der verpflichtenden Garantien, und es ist quantitativ unzureichend, weil nur ein viel zu geringer Sparbetrag gefördert wird. Ob ein neues, besseres Konzept aus Riester oder neben Riester entsteht, ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass es entsteht – und zwar möglichst noch in dieser Legislaturperiode.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Schneider.