Interview

Extremsituationen durchspielen – Interview mit Dr. Raimund Schriek, Experte für Trading- und Finanzpsychologie

ideas: Herr Dr. Schriek, Sie sind Wissenschaftler, Trader-Coach und Buchautor. Eines Ihrer Bücher heißt »Du bist Trader!« Bedeutet das, dass jeder das Zeug zum Trader hat oder wird man zum Trader geboren?
Dr. Raimund Schriek: Jeder kann sich zum erfolgreichen Trader entwickeln. Ob es erstrebenswert ist, steht auf einem anderen Blatt. Anfänger suchen zunächst Orientierung und da liegt der Hase im Pfeffer. Woran orientieren, wenn man keine oder nur wenig Ahnung hat? Wer begreift, dass es in diesem Bereich keine Experten gibt, ist einen großen Schritt weiter. Niemand weiß, ob die Kurse steigen oder fallen, auch wenn manche so tun. Daneben sollten sich Anfänger bewusst machen, dass Finanzentertainment zwar unterhaltsam ist, in letzter Konsequenz vor allem Zeit, Geld und vielfach auch Nerven kostet. Oftmals gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen Kursbewegung und Nachricht. Eine Lernaufgabe ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Informationen hinsichtlich ihres Nutzens abzuklopfen. Das gilt vor allem für gekaufte Informationen, Trading-Signale oder auch Strategien. Des Weiteren sollten Anfänger erst gar nicht nach Vorbildern suchen. Es gibt kaum welche. Vielmehr geht es darum, eine auf die eigene Persönlichkeit abgestimmte Trading-Praxis zu entwickeln.

Können Sie uns erklären, wo genau Ihre Arbeit als Trader-Coach ansetzt?
Meine Klienten unterstütze ich auf dem Weg zu ihren Zielen durch Hinhören, Fragen, Anregungen und praktische Tipps. Mit mir arbeiten viele, die erkannt haben, dass es beim Trading um viel mehr geht, als Geld zu verdienen. Gemeinsam erarbeiten wir Konzepte, die tragfähig sind. Schwerpunkte meines Coachings sind die Prüfung oder auch Entwicklung einer Trading-Strategie, das Erkennen und Auflösen von Gefühls-, Gedanken- und Verhaltensmustern. Dabei setze ich auch auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse und langjährige Erfahrungen in der Analyse von Strukturen, Systemaufstellung, dem Erkenntnisgewinn aus Genogrammen, Biografiearbeit, aber auch Körpertherapie oder Mentaltraining, um nur einiges zu nennen.

Sie sind schon lange auf diesem Gebiet aktiv. Konnten Sie in dieser Zeit Veränderungen an den Märkten feststellen, die auch eine Anpassung der eigenen Handelsweisen erfordern?
Ja und nein. Trader sollten unabhängig von den Bewegungen der Märkte regelmäßig ihre Gewinne machen können. Daher ist es wichtig, Strategien einzusetzen, in denen die Veränderungen der Märkte keine übermäßige Rolle spielen. Wer Markteigenschaften wie die Volatilität bei der Stoppsetzung und Zielfindung berücksichtigt, wird vermutlich besser dastehen als diejenigen, die weder Positionsgröße noch Risiko und Ziel anpassen. Ich beschäftige mich seit mehr als 20 Jahren mit Rhythmen. Kalender- und Markteffekte zu traden, ist sehr lukrativ. Sie treten unabhängig von Boomphasen oder Krisenzeiten regelmäßig auf, sind wissenschaftlich belegt und statistisch signifikant. Dazu kommt, dass Fakten zu traden weniger emotional ist.

Seit der Coronapandemie beschäftigen sich immer mehr Menschen mit dem Thema Börse. Was raten Sie Tradern, die noch ganz neu dabei sind? Haben Sie Tipps für den erfolgreichen Einstieg?
Anfänger sollten sich dem Thema Börse spielerisch nähern. Ein guter Start könnte sein, sich zunächst mit einem Markt zu beschäftigen. Darüber sollte man so viel wie möglich herausfinden. Dann sollten sich Anfänger für ein Finanzprodukt entscheiden, das sie vollumfänglich verstehen und bei dem sich Kursänderungen bestenfalls eins zu eins (oder auch zu zehn, hundert ...) zum Markt widerspiegeln, beispielsweise Aktien, CFDs oder Futures. Hilfreich ist es, den Fokus direkt auf die Trading-Praxis zu legen und das Traden zu üben. Grenzen zu setzen, ist wichtig: also Stopps zur Verlustbegrenzung und Gewinnziele festzulegen. Wenn beim Sport die Wahrheit auf dem Platz liegt, zeigt sie sich beim Trading auf der Plattform. Drei Finanzbücher zu lesen, sollte zunächst ausreichen: Eins im Bereich »Trading-Psychologie«, vorzugsweise »Du bist Trader!«, die beiden anderen sollten die Bereiche »Risiko, Positionsgröße und Strategie« sowie »Technische Analyse/Markttechnik« abdecken. Anfänger sollten unbedingt auch ein Buch selbst schreiben, ihr Trading-Tagebuch.

In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Extremsituationen an den Aktienmärkten. Jüngstes Beispiel ist der Crash nach dem Ausbruch der Coronapandemie. Wie sollten Trader in solchen Situationen reagieren, um nicht die Nerven zu verlieren?
Trader und Anleger sollten sich mit viel Fantasie Szenarien ausdenken, die sie eigentlich für unmöglich halten. Wer Extremsituationen immer wieder durchspielt, hat realistische Chancen, sich ökonomisch und damit weniger emotional zu verhalten. Andernfalls treten Schockstarre, Angst und schlimmstenfalls Panikreaktionen auf. Gut also, wenn das Gehirn Lösungen für Unerwartetes im Köcher hat. Trader sind vor allem bei hoher Volatilität und Geschwindigkeit von Kursänderungen gefordert. Konkrete Fragen sind beispielsweise »Wie werden Positionsgröße, Stopp und Ziel angepasst?« Und auch: »Bei welcher Volatilität ist Trading-Pause angesagt?« Windsurfen im Orkan ist möglich, aber auch lebensgefährlich. Anleger hingegen sollten wissen, wann sie hedgen, die Positionsgröße runterfahren, das Risiko verringern und auch, wann Positionen aufgestockt werden sollten. Gerade für Anleger ist es unerlässlich, ihr eingefahrenes Verhalten von »buy and hold« auf ein flexibles Reagieren umzustellen.

Hand aufs Herz, haben Sie sich selbst auch schon einmal dabei ertappt, einen Ihrer Grundsätze selbst nicht beachtet zu haben?
Na klar. Wobei ich bei finanziellen Entscheidungen mittlerweile gelernt habe, mich an meine Vorgaben zu halten. Sonst ist es kein Trading-Tag für mich. Die meisten kostspieligen Eigenschaften liegen in der Persönlichkeit begründet. Meine sind zum Beispiel, dass ich sehr gut mit Druck umgehen kann, risikofreudig und verspielt bin. Das sind auf den ersten Blick nicht unbedingt schlechte Eigenschaften, oder? Trotzdem schmälern sie mögliche Gewinne.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Schneider.