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Stimmungen sind nicht gleich Stimmen – Interview mit Prof. Manfred Güllner, Gründer und Geschäftsführer des Forsa-Instituts

ideas: Herr Prof. Güllner, Sie haben 1984 das Forsa-Institut gegründet. Heute ist es eines der führenden deutschen Meinungsforschungsinstitute. Was hat Sie damals zur Gründung bewogen?
Prof. Manfred Güllner: 
Forsa ist von mir und zwei weiteren Mitarbeitern der Stadt Köln gegründet worden, nachdem wir im Rahmen der von uns in der Stadt neu etablierten Stadtforschung das Telefoninterview wiederentdeckt und damit positive Erfahrungen im Hinblick auf eine verbesserte Datenqualität gemacht hatten. Als dann die Diskrepanzen zwischen den von uns ermittelten Bedürfnissen der Bürger und den Ideologien der Entwicklungsplaner und Politiker zunehmend zu Konflikten führten, entschlossen wir uns dazu, unsere Forschungserfahrungen in einem eigenen Institut zu bündeln.

Den meisten ist in puncto Umfragen wahrscheinlich die sogenannte Sonntagsfrage bekannt. Können Sie uns kurz erläutern, wer bei dieser Umfrage eigentlich befragt wird und wie sie abläuft?
»Sonntagsfrage« ist eigentlich ein ziemlich blöder Begriff, der sich leider bei den Journalisten eingebürgert hat. Wir erfragen nämlich die Wahlabsicht der Befragten, also welcher Partei man die Stimme bei einer Bundestags-, Landtags- oder Kommunalwahl geben würde, wenn man sich auch an der entsprechenden Wahl beteiligte. Da aber die tatsächlichen Wahlen – wie zum Beispiel die nächste Bundestagswahl – erst viel später als zum Befragungszeitpunkt stattfinden, wird gefragt »Wenn schon am nächsten Sonntag die (jeweilige) Wahl stattfände, welche Partei würden Sie dann wählen?« Um dann die aktuelle politische Stimmung adäquat abbilden zu können, muss diese Frage an einen ausgewählten Kreis von Wahlberechtigten gestellt werden, der in seiner Zusammensetzung (hinsichtlich Alter, Geschlecht, Beruf, Schulbildung, Region etc.) der Gesamtheit aller Wahlberechtigten entspricht. Forsa befragt zum Beispiel bundesweit jede Woche 2.500 Wahlberechtigte.

In der jüngeren Vergangenheit lagen Meinungsforscher öfters einmal daneben. Zum Beispiel beim Brexit oder auch bei der Wahl Donald Trumps. Wie erklären Sie sich das?
Bei der Wahl Trumps hatten die Institute in den USA das Stimmenverhältnis zwischen Trump und Clinton (rund 3 Millionen Stimmen mehr für Clinton als für Trump) überwiegend richtig gesehen. Doch bei dem Wahlmännersystem in den USA kann – siehe Trump – jemand Präsident werden, der weniger Stimmen hat als – wie im Fall Clinton – die Mitbewerberin. Im Übrigen gilt generell die Grundregel jeder Wahlforschung, dass vor der Wahl ermittelte Stimmungen nicht mit den Stimmen am Wahltag gleichzusetzen sind. Manchmal entsprechen die vor einer Wahl ermittelten Stimmungen – wie jetzt bei der Bundestagswahl – weitgehend den Stimmen, oft aber auch nicht. Es ist zudem nicht die Hauptaufgabe der Wahlforschung, den Wahlausgang zu prognostizieren, sondern den Verlauf der Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse der Wahlbürger vor einer Wahl möglichst adäquat nachzuzeichnen. Und das ist bei den großen Umschwüngen in der Wählergunst vor dieser Bundestagswahl ganz gut gelungen.

Die Ergebnisse von Umfragen werden oft in den Medien aufgegriffen und besprochen. Sehen Sie die Gefahr, dass Meinungsforschung wiederum die Meinung der Öffentlichkeit beeinflusst? Stichwort: schlechte Zustimmungswerte von Politikern.
Veröffentlichte Meinungsumfragen haben – wie zuletzt wieder der Kollege Prof. Frank Brettschneider ermittelt hat – keinen Einfluss auf die Meinungsbildung und Entscheidung der Bürger.

Viele der Umfragen laufen klassischerweise über das Festnetztelefon. Viele Jüngere haben allerdings gar keinen Festnetzanschluss mehr. Inwieweit verzerrt so etwas Umfragen und welche Maßnahmen ergreift Forsa, um dem entgegenzuwirken?
Umfragen seriöser Institute werden schon seit Längerem nicht nur über Festnetz abgewickelt. Ca. 40 Prozent werden im Rahmen einer Stichprobe per mobilem Anschluss befragt. Außerdem werden Befragungen auch online durchgeführt – nur muss man hier prüfen, ob die Teilnehmer an Online-Umfragen auch so ausgewählt wurden, dass man die Ergebnisse als repräsentativ werten kann. Leider gibt es da in der Branche schwarze Schafe, bei denen das nicht der Fall ist und die die Öffentlichkeit mit völlig verzerrten Daten täuschen.

Erlauben Sie uns zum Schluss noch eine persönliche Frage: Welches Umfrageergebnis hat Sie in über 30 Jahren Forsa am meisten überrascht?
Ich habe mir schon lange abgewöhnt, mich von Umfrageergebnissen überraschen zu lassen. Auf jedes Ergebnis jeder Umfrage bin ich neugierig – aber nicht überrascht.

Viele Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Schneider.