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Starker Trend zum nachhaltigen investieren – Interview mit Stephan Flägel, Chief Product Officer, Indices and Benchmarks bei Qontigo

ideas: Herr Flägel, als Chief Product Officer, Indices and Benchmarks bei Qontigo vertreten Sie das Unternehmen, das 2020 den DAX 50 ESG ins Leben gerufen hat. Können Sie uns zunächst einmal mehr zum Unternehmen Qontigo erzählen?
Stephan Flägel: Qontigo ist ein Tochterunternehmen der Deutschen Börse und ging aus der Fusion von Axioma und STOXX hervor; das Unternehmen vereint die beiden Geschäftsbereiche Index und Analytics. Unsere DAX- und STOXX-Indizes werden weltweit als Basiswerte für Finanzinstrumente genutzt und dienen als wichtige Barometer des Kapitalmarkts. Unsere Analytics-Anwendungen werden von Investoren genutzt, um Risiken besser einschätzen zu können und ihre Portfolios zu optimieren.

Wann und wie ist die Idee zum nachhaltigen DAX entstanden?
Die Nachfrage nach nachhaltigen Indizes steigt seit Jahren. Es ist zudem nicht allein ein Anlegerthema, sondern hat auch eine politische Dimension: Im Frühjahr hat die Bundesregierung eine neue grüne Finanzierungsstrategie angekündigt, um Kapital in Umweltprojekte zu lenken und Deutschland zu einer bedeutenden Drehscheibe für nachhaltige Finanzierung zu entwickeln. Deutschland nimmt in dem starken Trend zu nachhaltigem Investieren weltweit eine Vorreiterrolle ein. Als Indexanbieter bilden wir eine Brücke zwischen den Finanzmärkten und der Realwirtschaft und können mit Nachhaltigkeitsindizes den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsstruktur unterstützen. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, eine Reihe von DAX-ESG-Indizes zu entwickeln, die dieselben hohen Standards wie der Namenspate haben. Der DAX 50 ESG ist im März 2020 gestartet. Er erfüllt ESG-Kriterien, auf die institutionelle Investoren und Privatanleger heute gleichermaßen Wert legen. Wir wollten erreichen, dass ein neuer DAX-Aktienindex entsteht, der als Benchmark für nachhaltige deutsche Aktienanlagen eingesetzt werden kann. Inzwischen gibt es mehrere ETFs, die den Index nachbilden, und Fonds, die ihn als Vergleichsbenchmark heranziehen.

Wodurch zeichnet sich der DAX 50 ESG aus, besonders im Vergleich zum traditionellen deutschen Leitindex? Wie werden die Indexmitglieder ausgewählt?
Der DAX 50 ESG-Index ist eine neue Benchmark für deutsche ESG-Investments, der im Gegensatz zum Marktindex DAX auch ESG-Kriterien bei der Komponentenauswahl berücksichtigt. Der Index eignet sich als Leitindex für aktiv gemanagte nachhaltige Fonds und als Basiswert für Derivate, strukturierte Produkte und ETFs. Der DAX 50 ESG basiert auf dem HDAX, der alle im DAX, MDAX und TecDAX enthaltenen Unternehmen umfasst. Aus diesem Universum werden die 50 größten deutschen Aktiengesellschaften in den Index aufgenommen, die vergleichsweise gute ESG-Scores aufweisen und nicht in den Geschäftsfeldern kontroverse Waffen, Tabak, Kernenergie, Kraftwerkskohle oder Rüstungsgüter aktiv sind. Die Indexkomponenten werden gemäß ihrer Marktkapitalisierung gewichtet und bei 7 Prozent gekappt. Die ESG-Daten für den DAX 50 ESG-Index stammen von Sustainalytics, einem weltweit führenden Anbieter solcher Daten.

Der DAX wurde erst kürzlich reformiert und unter anderem auf 40 Werte erweitert. Halten Sie es für möglich, dass aufgrund der wachsenden Bedeutung von ESG auch hier künftig Regularien für mehr Nachhaltigkeit implementiert werden?
Wir haben das Thema ESG in der jüngsten Marktkonsultation von 2020 aufgenommen, die wir der DAX-Reform vorangestellt hatten. Interessanterweise, aber nicht überraschend, gab es zum Vorschlag, eine gewisse ESG-Dimension in die Leitindizes aufzunehmen, sehr heterogenes Feedback. Aus der regen Diskussion im Vorfeld der Marktkonsultation und aus dem Feedback wurde ersichtlich, dass es eine starke Nachfrage nach Indizes mit ESG-Ansatz gibt, jedoch der DAX weiterhin als reiner Marktindex beibehalten werden soll. Wir werden das ESG-Thema weiter mit unseren Kunden besprechen. Wer eine deutsche ESG-Benchmark sucht, findet sie bereits im DAX 50 ESG-Index und in anderen ESG-Indizes. Weitere ESG-Varianten sind bereits in der Entwicklung.

Glauben Sie, dass auch Privatanleger in Zukunft mehr Wert auf Nachhaltigkeit bei ihren Investments legen? Was sagen Sie Kritikern, die behaupten, nachhaltiges Anlegen und Rendite passten nicht zusammen?
Überall wächst das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und zu nachhaltigem Investieren. Dieser Trend hält schon seit einiger Zeit an und wird uns in Zukunft weiter begleiten – die Zahlen beweisen es. Private und institutionelle Anleger erkennen, dass Nachhaltigkeit auch beim Geldanlegen eine Rolle spielen kann. Nachhaltiges Anlegen und Rendite schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Nachhaltiges Anlegen ist auch dazu in der Lage, Umwelt-, Unternehmensführungs- und Sozialrisiken im Portfolio zu reduzieren.

Wir bieten eine breite Palette an ESG-Indizes an. Hier kann zwischen ESG-, Klima- und themenorientierten Indizes gewählt werden, die das jeweilige Anlageziel darstellen können, je nachdem, wie viel ESG-Einfluss gewünscht ist und welche Ambitionen die Investoren haben. Unter anderem haben wir Indizes entwickelt, die sich an den Klimazielen des Pariser Abkommens orientieren – und noch über die regulatorischen Vorgaben hinausgehen.

Gibt es Pläne für die Zukunft, weitere Indizes mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit aufzulegen?
Ja, das Thema Nachhaltigkeit spielt für uns eine große Rolle. Während der Wandel hin zu nachhaltigem Investieren sich beschleunigt, bieten wir intelligente und zielgerichtete Lösungen, um die zunehmend anspruchsvollen und einzigartigen Nachhaltigkeitsziele von Investoren und Vermögensverwaltern weltweit zu erfüllen. Unser Angebot an flexiblen ESG-Indexlösungen hilft beim Erreichen von individuellen nachhaltigen Anlagezielen. Wir haben hier verschiedene Kategorien entwickelt, bei denen wir zum Beispiel einfach die am wenigsten nachhaltigen Unternehmen ausschließen oder aber nur die besten Performer auswählen. Wir nutzen dafür auch innovative Ansätze, indem wir beispielsweise im Index das Gewicht einzelner Unternehmen anpassen oder bestimmte Themenbereiche herausheben. Die Nachfrage ist definitiv da, was auch die weltweiten Zahlen belegen: Laut der Global Sustainable Investment Alliance (GSIA) wuchs das im Rahmen verantwortungsbewusster Mandate verwaltete Vermögen zwischen 2017 und 2019 weltweit um 15 Prozent und übertraf damit das Wachstum des Gesamtmarkts.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Schneider.