Analyse CO2-Preis

Ambitionierte EU-Klimapolitik beflügelt EU-Emissionshandel

Im EU-Emissionshandel waren die Preise wochenlang von Rekord zu Rekord geeilt, bis es Mitte Mai zu einer deutlichen Korrektur kam. Wir nehmen sie zum Anlass, die Triebfedern des Preisanstiegs hinsichtlich ihrer Wirkkraft auf den Prüfstand zu stellen. Unser Fazit: Das Potenzial nach oben dürfte zwar fürs Erste ausgereizt sein, aber angesichts der ambitionierten Klimapolitik und der notwendigen Anpassungen im EU-ETS (EU-Emissionshandel), die von der EU-Kommission im Juli präsentiert werden, bleiben die Preise vorerst gut unterstützt.

Im EU-Emissionshandel hielt bis Mitte Mai ein perfekter Sturm an (siehe Grafik 1). Allein in den ersten zwei Wochen legte der Preis für das Recht, eine Tonne CO2 zu emittieren, 15 Prozent zu und notierte in der Spitze mit fast 57 Euro mehr als doppelt so hoch wie sechs Monate zuvor. Viele Faktoren schoben die Rally an: Die allgemein bessere Stimmung an den Energiemärkten, die Konjunkturerholung in der EU, der Strommix, ein reges Interesse von Investoren und nicht zuletzt die ambitioniertere EU-Klimapolitik. Angesicht der jüngsten Preiskorrektur stellen wir die Preistreiber nochmals auf den Prüfstand und hinterfragen ihre Nachhaltigkeit.

Grafik 1: Preiskorrektur im EU-Emissionshandel nach beschleunigtem Anstieg

Die wirtschaftliche Erholung dank des Auslaufens der Coronakrise
Sie beschert den Rohstoffmärkten im Allgemeinen und der Nachfrage nach Emissionszertifikaten im Speziellen Auftrieb. Nach dem Rücksetzer im Winterhalbjahr wird die Konjunktur dank der Lockerung der coronabedingten Beschränkungen deutlich Fahrt aufnehmen, auch weil davon auszugehen ist, dass die Konsumenten verstärkt ihre Ersparnisse auflösen werden. Auch die Industrieproduktion, die sich – anders als der Dienstleistungssektor – ohnehin als sehr robust erwiesen hat, wird wohl im Zuge dessen noch einmal an Dynamik gewinnen. Die im EU-ETS erfassten Branchen Stahl-, Zement- und Aluminiumindustrie haben nahezu das Niveau vor Corona wieder erreicht bzw. teilweise sogar schon übertroffen (siehe Grafik 2). Einzig die Raffinerieverarbeitung hinkt aufgrund der schwachen Ölnachfrage noch immer deutlich zurück, was sich aber mit steigender Mobilität ändern dürfte.

Grafik 2: Industriesektoren mit Ausnahme der Raffinerien zurück auf Vor-Corona-Niveau

Fossile Brennstoffe haben im Strommix Terrain gewonnen
Darüber hinaus dürften sich die allgemein regeren Wirtschaftsaktivitäten in einem höheren Stromverbrauch niederschlagen: Er hat sich zwar bereits deutlich erholt, lag aber laut Zahlen der Denkfabrik Ember in den ersten fünf Monaten noch immer unter dem Niveau von 2019. Nur im April wurde wegen der kalten Witterung bereits wieder das Vorkrisenniveau von 2019 erreicht. Wie stark der Stromverbrauch die Nachfrage nach Zertifikaten anschiebt, hängt wesentlich von der Erzeugungsstruktur und dem dadurch bedingten Emissionsausstoß ab. Hier hat sich in den ersten fünf Monaten des Jahres der Strommix in der EU stark in Richtung der fossilen Brennstoffe verschoben. Das lag unter anderem am schwachen Wind und an Ausfällen in französischen Atomreaktoren. Trotz der Verteuerung von Emissionsrechten hat deshalb die Stromerzeugung aus Steinkohle knapp 24 Prozent und die aus Braunkohle um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt. Damit bleiben aber beide hinter dem Vor-Corona-Niveau zurück. Wir gehen entsprechend nicht davon aus, dass der emissionsintensive Kohlestrom strukturell wieder Boden gut machen kann. Der anhaltende Vormarsch der erneuerbaren Energien, der vielerorts politisch geplante Kohleausstieg und die immer höher gestiegenen CO2- bzw. zuletzt auch stark gestiegenen Kohlepreise sprechen dagegen. Darüber hinaus erwarten wir, dass sich die Situation am europäischen Gasmarkt etwas entspannt. Das nimmt auch Aufwärtsdruck vom CO2-Preis: Mit dem zunehmenden Einsatz der Gaskraft in der Stromerzeugung ist der Verbund zwischen den CO2-Preisen und den Gaspreisen am europäischen Kassamarkt in den vergangenen Jahren immer enger geworden (siehe Grafik 3).

Grafik 3: CO2- und Gaspreis im Verbund

Das künftige Auktionsangebot bleibt reduziert
Die Coronakrise führte im vergangenen Jahr zu einem rekordhohen Einbruch der verifizierten Emissionen. Die Folge: Ende 2020 waren 14 Prozent mehr Zertifikate im Umlauf als am Jahresende zuvor. Um den Überschuss abzubauen, wird knapp ein Viertel der Überversorgung in die sogenannte Marktstabilitätsreserve überführt. Das wiederum bedeutet praktisch, dass das Auktionsvolumen von September 2020 bis August 2021 um 378 Millionen Zertifikate reduziert wird (zum Vergleich: in den zwölf Monaten zuvor waren es 332 Millionen Zertifikate).

Alle drei Faktoren zusammen bedeuten, dass in diesem Jahr der höhere Bedarf an Zertifikaten auf ein knapperes Angebot trifft. Doch diese Verschiebung am »physischen Markt« allein kann die Preise nicht von Rekord zu Rekord treiben.

Das hohe Engagement der Investoren hat etwas nachgelassen
Fakt ist, dass der Anstieg der CO2-Preise über weite Strecken von einem zunehmenden Engagement der Investmentfonds begleitet wurde. Doch seit Ende April waren die Netto-Long-Positionen rückläufig, also auch schon in der Zeit, in der die Preise nochmals deutlich gestiegen sind (siehe Grafik 4). Die Skepsis der Investoren könnte die Korrektur zwar mit begünstigt haben, hat aber zugleich einen heftigeren Einbruch verhindert, weil die Vorsicht früh eingesetzt hat. Aber unabhängig davon gilt, dass das Engagement der Investoren ein wesentlicher Faktor ist, der ein Überschießen der Preise begünstigen kann.

Grafik 4: Investmentfonds zuletzt skeptischer

Auftrieb gibt vor allem die ambitionierte Klimapolitik, die im Juli konkretisiert werden soll
Was aber hat die Preiserwartungen von Unternehmen und Investoren immer höher getrieben? Wir erachten die Anhebung des Klimaziels zur Senkung der Treibhausgasemissionen von bislang 40 Prozent gegenüber 1990 auf mindestens 55 Prozent bis 2030 als maßgeblich. Schließlich erzwingt dieses Ziel eine deutlich schnellere Rückführung der Emissionen im EU-ETS. Bis Mitte Juli will die EU-Kommission konkrete Vorschläge präsentieren. Derzeit erfasst der EU-Emissionshandel gut 40 Prozent der Treibhausgasemissionen in der EU insgesamt. Festzuhalten ist, dass in der Vergangenheit die Emissionen der im EU-Emissionshandel erfassten Anlagen deutlich schneller gefallen sind als die in den übrigen Sektoren. Innerhalb des EU-ETS sanken vor allem die Emissionen der Energieversorger (siehe Grafik 5). Auch künftig werden wohl die Sektoren des EU-ETS einen überproportional großen Beitrag bei der Senkung der Treibhausgasemissionen leisten (müssen). Ein Großteil der Rückführung wird vom Stromsektor erbracht werden. Einiges ist durch die Kohleausstiegspläne zwar avisiert, aber die bisherigen Pläne sind bei Weitem nicht ausreichend. Entsprechend müssen die Anstrengungen erhöht werden. Noch schwieriger scheint es angesichts der jüngeren Historie, die Emissionen in den Industriesektoren zu senken. Viele Investitionen zur Minderung von Emissionen wären nur dann rentabel, wenn der CO2-Preis hoch ist. Dann aber droht die Abwanderung von Produktionsstätten aus der EU in Regionen mit geringeren Umweltauflagen (Carbon-Leakage). An dieser Stelle erwägt die EU, ein neues Instrument einzuführen, den Grenzausgleichsmechanismus. Er soll Importe aus Ländern mit einer Abgabe belegen, die eine weniger strenge Klimapolitik verfolgen. Gleichzeitig würde die momentane Praxis einer freien Zuteilung von Zertifikaten abgeschafft, die heute eine Abwanderung von energieintensiven Industrien verhindert. Ein erster Entwurf für ausgewählte Branchen soll ebenfalls noch vor der Sommerpause präsentiert werden. Und nicht zuletzt steht die Ausgestaltung der Marktstabilitätsreserve (MSR) auf dem Prüfstand der Kommission.

Grafik 5: Emissionen bei Energieversorgern stärker gefallen

Die EU-Kommission muss also einige klimapolitische Instrumente neu ausrichten. Das bedeutet aber auch: Der perfekte Sturm im EU-Emissionshandel mag an Dynamik verloren haben, aber Anlass für eine nachhaltige Korrektur sehen wir vor den mit Spannung erwarteten Vorschlägen im Sommer nicht. Mittelfristig sehen wir sogar neue Rekordpreise.

Erfahren Sie hier, wie Anleger an der Entwicklung des CO2-Preises partizipieren können.