Interview

Kunst und Kultur sind nicht entbehrlich

Interview mit Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Herr Prof. Nida-Rümelin, Sie sind neben Ihrer Tätigkeit als Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Dieser steht seit Beginn der Coronapandemie besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Können Sie uns kurz erklären, welche Funktion der Ethikrat hat und mit welchen Themen sich seine Mitglieder beschäftigen?
Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin: Der Deutsche Ethikrat berät Bundesregierung und Parlament insbesondere, aber nicht ausschließlich in biomedizinischen Fragen, zum Beispiel hat er zuletzt eine Stellungnahme zu der Frage verfasst, ob und wenn ja, unter welchen Bedingungen es Immunitätsbescheinigungen geben darf, und er hat an der Priorisierung der Impfungen mitgewirkt. Zurzeit gibt es drei Arbeitsgruppen: Eine befasst sich mit der Pandemiepolitik, eine weitere mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine und eine dritte mit den Konsequenzen des Bundesverfassungsgerichtsurteils zum assistierten Suizid.

Stichwort Corona. Im Sommer vergangenen Jahres schien Deutschland die Lage weitestgehend im Griff zu haben und wurde zum Teil sogar als Pandemieweltmeister gelobt. Eine Bezeichnung, die heute wohl keiner mehr verwenden würde. An welchem Punkt wurden Ihrer Meinung nach die falschen Entscheidungen getroffen?
Wir haben den zeitlichen Vorsprung, den Deutschland gegenüber Ländern wie Italien hatte, und die relativ günstige Entwicklung in der ersten Welle nicht genutzt, um uns auf zweite und dritte Wellen vorzubereiten: Die Gesundheitsämter wurden nicht digital aufgerüstet, die staatliche Corona-App ist nur von begrenztem Nutzen, die Schulen verfügen nicht über funktionierende Lüftungssysteme und die Kriterien, nach denen Maßnahmen ergriffen werden, sind schwammig und zum Teil willkürlich geblieben.

Welche Länder sollten wir uns als Vorbilder in der Pandemiebekämpfung nehmen?
Für mich steht da Südkorea, eine liberale Demokratie, an erster Stelle. Südkorea war nach China quantitativ am stärksten von der Pandemie betroffen und hat sie durch konsequente Maßnahmen, darunter auch digitale Kontrolle, ohne allgemeinen Shutdown und Lockdown-Maßnahmen, frühzeitig beherrscht. Die Zahl der Covid-Toten spricht eine klare Sprache, Deutschland hat bei einer Bevölkerung von 84 Millionen unterdessen über 80.000, Südkorea bei rund 50 Millionen Einwohnern weniger als tausend. Aber auch die anderen ostasiatischen Staaten stehen gut da, nicht nur Diktaturen wie China oder Singapur, sondern auch Taiwan, Japan etc.

Die Folgen der Coronapandemie beschränken sich nicht nur auf den Gesundheitssektor. Gerade auch im gesellschaftlichen Diskurs merkt man eine deutliche Spaltung – von Pandemieleugnern bis hin zu Menschen, denen die Maßnahmen nicht weit genug gehen. Sehen Sie hierin eine Gefahr?
Ja, in der Tat. Die starke Polarisierung ist eine Gefahr, auch deswegen, weil in dem emotionalen Stress der Krise Menschen, die sich ökonomisch und sozial bedroht fühlen, abdriften und dann für rationale Argumente nicht mehr erreichbar sind.

Sie waren Kulturreferent von München und anschließend Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder. Wie sehr sorgen Sie sich derzeit um die Kunst- und Kulturszene in Deutschland?
Sehr, während der staatliche subventionierte Bereich zwar ebenfalls leidet, aber in seiner Existenz nicht bedroht ist, ist die Veranstaltungsbranche in eine gefährliche Schieflage geraten. Aber auch viele Künstlerinnen und Künstler überlegen sich gegenwärtig, ob dieser Beruf für sie noch machbar ist. Die Politik hat Kunst und Kultur unter »Freizeit« subsumiert und damit den Eindruck erweckt, er sei auf Zeit entbehrlich. Dabei sind Kunst und Kultur in der Krise besonders wichtig, um die Vitalität und Kreativität einer Gesellschaft zu erhalten.

Der Titel Ihres neuen Buches lautet »Die Realität des Risikos – Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren«. Sind wir in Deutschland zu risikoavers, nicht nur in Bezug auf Corona, sondern auch bei Dingen wie Unternehmensgründungen oder Investments in Aktien?
In der Tat gibt es diesseits und jenseits des Atlantiks eine unterschiedliche Risikokultur, dem auch eine unterschiedliche Rechtspraxis entspricht. In Europa, zumal in Deutschland, gilt das Vorsorgeprinzip, also die Sicherstellung, dass vor und nach Entscheidungen Risiken ausgeschlossen oder jedenfalls minimiert werden, während in den USA die »liability« im Mittelpunkt steht, also die Haftung, die Unternehmen oder auch Privatpersonen haben, wenn sie Risiken eingehen. In der amerikanischen Sichtweise genügt es, eingetretene Schäden entsprechend zu sanktionieren, daher sind die Schadensersatzansprüche dort um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Der deutsche Pharmakonzern Bayer wäre nach seiner Fusion mit Monsanto daran beinahe insolvent gegangen. Auch in unserem Buch geht es darum, zu klären, nach welchen Kriterien mit Gefahren vernünftig umgegangen werden sollte. Zutreffend ist, dass wir zu wenig Wagniskapital in Deutschland haben und dies die Umsetzung technologischen Fortschritts in ökonomische Prozesse erschwert.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.