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Was passiert beim Short-Selling und was ist ein Short-Squeeze?

SEBASTIAN WIEDEMANN, WERTPAPIERHÄNDLER BEI SOCIETE GENERALE, IM INTERVIEW

Herr Wiedemann, Sie sind seit 14 Jahren Wertpapierhändler. Anfang Februar gab es großen Aufruhr an den Märkten, als Privatanleger – vor allem in den USA – den Kurs der Aktie Gamestop mit Käufen in die Höhe getrieben haben. Die Kursaufschläge haben den Hedgefonds, die die Gamestop-Aktie in großen Umfang leerverkauft bzw. geshortet haben, hohe Verluste beschert. Können Sie unseren Lesern kurz erklären, was ein Leerverkauf oder »Short-Selling« ist?
Der Begriff Leerverkauf oder »Short-Selling« beschreibt das Gleiche. Leerverkäufer verkaufen Aktien, Waren oder Devisen, die sie selbst nicht besitzen, sondern sich von anderen Marktteilnehmern leihen. Ein Leerverkäufer auf Aktien wie Gamestop zahlt für die Leihe eine Gebühr an denjenigen, der die Aktie hält und an ihn verleiht. Wenn die Aktie nun fällt, verdient der Leerverkäufer die Differenz aus seinem Verkaufspreis und dem späteren Wertpapierrückkaufspreis abzüglich der Leihgebühr. Die Höhe der Leihgebühr bestimmt sich aus Angebot und Nachfrage. Gibt es am Markt großes Interesse, die Aktie leer zu verkaufen, steigt auch die Wertpapierleihgebühr. Diesen Zusammenhang hat man zuletzt sehen können bei den Aktien von zum Beispiel Wirecard, TUI oder Gamestop.

Im Zusammenhang mit Gamestop ist auch immer wieder der Begriff »Short-Squeeze« gefallen. Was verbirgt sich dahinter?
Leerverkäufern entstehen Verluste, wenn die Aktie steigt und sie sich am Ende der Leihfrist wieder zu höheren Kursen eindecken, sprich die Aktie zurückkaufen müssen. Für diese potenziellen Verluste müssen Leerverkäufer Sicherheitsleistungen, sogenannte Margins, hinterlegen. Erreicht der Aktienkurs ein gewisses Level, reduziert oder schließt der Leerverkäufer seine Short-Position, um sein Risiko zu reduzieren, um seine potenziellen Verluste zu begrenzen oder um nicht noch mehr Margin nachschießen zu müssen. Diese Rückkäufe führen zu tendenziell höheren Preisen, was andere Leerverkäufer wiederum zwingt, ihre Positionen auch zurückzukaufen. Man kann sich diesen Vorgang wie einen Dominoeffekt vorstellen, der in kurzer Zeit zu starken Kurssteigerungen führen kann. Dieses Phänomen wird als »Short-Squeeze« bezeichnet. Die Leerverkäufer werden quasi aus ihren Positionen herausgedrückt.

Ist es auch Privatanlegern möglich, auf fallende Kurse zu setzen?
Die meisten Banken erlauben Privatanlegern keine Leerverkäufe. Allerdings kann man als Depotinhaber auch mit strukturierten Produkten wie klassischen Put Optionsscheinen, Short Faktor-Optionsscheinen oder Put Turbo-Optionsscheinen auf fallende Kurse setzen. Bei einer Short-Spekulation sollte man sich aber bewusst sein, dass dies mit hohen Risiken verbunden ist. So unterliegen die Kurse von Werten, die stark im Fokus von Leerverkäufern stehen, meist sehr hohen Volatilitäten. Zuletzt hat dies die Aktie von Gamestop eindrucksvoll bewiesen. Die Aktie stieg innerhalb einer Woche von 50 US-Dollar auf knapp 500 US-Dollar, eine Woche später lag der Kurs wieder bei etwa 100 US-Dollar.