Interview

Pleitewelle nicht auszuschließen

INTERVIEW MIT PROF. DR. ALEXANDER KRITIKOS, FORSCHUNGSDIREKTOR AM DEUTSCHEN INSTITUT FÜR WIRTSCHAFTSFORSCHUNG

Herr Prof. Dr. Kritikos, Sie sind Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Können Sie uns einen kurzen Einblick in Ihre Arbeit geben?
Prof. Dr. Alexander Kritikos: Wissenschaftlich beschäftigen wir uns mit Fragen zu Gründungen und Unternehmertum sowie zu Innovationsaktivitäten in Start-ups und KMU (kleine oder mittlere Unternehmen). Wir wollen verstehen, welche Faktoren das Gründungsgeschehen und den späteren unternehmerischen Erfolg beeinflussen, auch, welche Wirkung in diesem Zusammenhang staatliche Gründungsförderung entfaltet. Diese Fragen gewinnen vor dem Hintergrund eines sich zuletzt abschwächenden Gründungsgeschehens und der negativen Auswirkungen der momentanen Pandemie auf die Selbstständigkeit immer mehr an Bedeutung.

Nun ist es ungefähr ein Jahr her, dass das erste Mal von einem neuartigen Coronavirus aus China berichtet wurde. Seitdem ist viel passiert. Man sagt oft »Deutschland ist noch relativ gut durch die Krise gekommen«. Stimmen Sie dem zu und wie schätzen Sie das Krisenmanagement der deutschen Bundesregierung ein?
Vorweg sei betont, dass die Bundesregierung ja nicht allein die Krise managt, sondern sich mit 16 Bundesländern abstimmen muss. In der Tat ist Deutschland vor allem durch die erste Phase der Coronakrise relativ gut durchgekommen. Bund und Länder haben es zwar Anfang März versäumt, schnell zu reagieren; manch anderes europäische Land ist ein bis zwei Wochen früher und damit viel effektiver in den Lockdown gegangen. Im Frühjahr ist es Bund und Ländern jedoch anschließend gut gelungen, das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bringen. Im Sommer haben es dann Bund, aber mehr noch die Länder verpasst, sich auf die zweite prognostizierte Welle im Herbst einzustellen und entsprechende Vorbereitungen zu treffen. Das gilt vor allem für die überfällige Digitalisierung der Schulen, die trotz der Milliarden für den Digitalpakt-Schule viel zu wenig vorangekommen ist. Das gilt auch für die halbherzigen Reaktionen vor dem Hintergrund wieder ansteigender Infektionszahlen im Herbst, als – übrigens entgegen der Empfehlung der Bundeskanzlerin – nur ein weicher Lockdown beschlossen wurde. Dieser hat zwar den Anstieg bei den Infektionszahlen verzögert, hat aber eben nicht zu deren Rückgang wie im Frühjahr geführt. Deshalb müssen wir nach zwei Monaten weichem jetzt für mindestens weitere zwei Monate in den harten Lockdown. Schwach laufen die Vorbereitungen für die Schutzimpfung gegen Covid-19 an. Leider hat die Bundesregierung es versäumt, mit dem frühzeitigen Kauf einer großen Zahl von Impfdosen bei mehreren zulassungsfähigen Impfprodukten, möglichst großer Produktion von Impfstoffen vor Ort und möglichst vielen Impfstationen in eine schnelle und umfassende Impfstrategie zu investieren. Hier herrscht, wenn man die bisherigen Ausgaben für den Impfschutz ins Verhältnis zu den gewährten Milliardenhilfen zur Unterstützung der Wirtschaft setzt, Sparsamkeit an der falschen Stelle vor. Andere Länder, allen voran Israel, aber auch die USA, Großbritannien oder Dänemark, haben sich besser vorbereitet.

Neben Milliardenhilfen für große Konzerne wurden auch Mittel für kleinere Unternehmen, Start-ups und Solo-Selbstständige zur Verfügung gestellt. Denken Sie, dass dies ausreicht oder droht uns in den nächsten Monaten eine Pleitewelle?
In der Tat wurden auf breiter Front Milliardenhilfen für Unternehmen aller Größenklassen und auch für Solo-Selbstständige bereitgestellt, die den krisenbedingten Umsatzausfall auffangen sollen. Allerdings ist hier weniger die Höhe der bereitgestellten Hilfen der begrenzende Faktor, sondern der Zugang zu den Hilfen und ihre Verwendbarkeit. Denn mit Ausnahme der sogenannten Novemberhilfen für Gastwirte können diese Mittel ausschließlich zur Abdeckung fixer Betriebskosten verwendet werden, nicht jedoch für den Lebensunterhalt. Außerdem hat die Antragsbürokratie für diese Hilfen mittlerweile stark zugenommen. Weitere Unsicherheiten, was die Verwendung solcher Hilfen angeht, sind kürzlich hinzugekommen. Seit Dezember kursieren Informationen, wonach die Hilfen auch nur auf den Nachweis von Verlusten hin verwendet werden können. Diese Hilfen lösen somit nur zu einem sehr begrenzten Teil die Liquiditätsengpässe von Inhabern von Kleinstunternehmen und von Solo-Selbstständigen. Und viele Selbstständige, an die bereits Hilfen ausgezahlt wurden, parken diese Mittel lieber, solange sie nicht sicher wissen, ob sie die Hilfen verwenden dürfen. Das alles zusammengenommen erzeugt kein Gefühl hilfreicher staatlicher Unterstützung. Insofern muss man festhalten, die Höhe der bereitgestellten Mittel hätte wohl gereicht, in den nächsten Monaten eine Welle von Geschäftsaufgaben zu verhindern – Solo-Selbstständige gehen ja nicht unbedingt Pleite. Angesichts der hohen Zugangshürden und der begrenzten Verwendbarkeit der Hilfen sehen wir aber bereits jetzt viele Geschäftsaufgaben; eine Pleitewelle wird sich anschließen, sobald das Insolvenzrecht wieder in seiner normalen Ausgestaltung gilt.

Die internationalen Notenbanken fluten den Markt mit billigem Geld. Bislang macht sich dies noch nicht in der Inflation bemerkbar. Müssen wir uns hier künftig auf höhere Inflationsraten gefasst machen?
Zu dieser Frage kann man nur spekulieren. Es gibt ja einige Propheten, die seit 2010 mit höheren Inflationsraten rechnen, ein namhafter Kollege hat sogar sein VWL-Diplom darauf verwettet, dass sich bis spätestens zum Jahr 2020 höhere Inflationsraten einstellen werden. Diese sind bis heute nicht eingetreten. Man kann sicherlich prognostizieren, dass es irgendwann in der Zukunft wieder hohe Inflationsraten geben wird. Nur wann das sein wird, das weiß niemand. Eines ist jedoch gewiss: Wenn die Inflationsraten irgendwann markant ansteigen sollten, und sei es erst in 25 Jahren, werden die Untergangspropheten aus allen Ecken kommen und für sich reklamieren, sie haben es schon immer gewusst.

Kommen wir noch einmal zurück nach Deutschland. Hier steht im September die Bundestagswahl an. Schon bei der Wahl 2017 taten sich die etablierten Volksparteien schwer. Entsprechend langwierig gestaltete sich die Koalitionsfindung. Sehen Sie eine ähnliche Problematik auch bei der kommenden Wahl? Und inwieweit könnte die Coronapandemie das Ergebnis beeinflussen?
Ich fürchte ja. Die Auswirkungen der Pandemie auf die Bundestagswahlen sind derzeit noch überhaupt nicht vorhersehbar, bis zum September kann auch noch einiges passieren. Vor allem der Grad der Schutzimpfung und die Frage, welche Form von wirtschaftlichen Beschränkungen wir haben werden, wird diese Wahl beeinflussen. Und solange die Kanzlerkandidatur in der Union nicht geklärt ist, steht auch die weitere Ausrichtung der letzten verbliebenen Volkspartei in den Sternen. Derzeit sieht man allerdings, dass sich schon einige Parteien hübsch machen für eine Koalition mit der Union.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.