Interview

Frische, Neugier und Frechheit für guten Journalismus

Interview mit Robert Landgraf, ausgezeichnet als Journalist des Jahres 2020 beim Preis für Wirtschaftsjournalisten des DDV

ideas: Herr Landgraf, teilen Sie den Eindruck vieler Finanzexperten, dass die Bundesbürger der Altersvorsorge zu wenig Aufmerksamkeit schenken?
Robert Landgraf: Leider ist dem so, was ich mit Schrecken sehe. Alle Versuche von staatlicher Seite, mit Riester und Rürup eine Ergänzung zur gesetzlichen Rente zu bieten, sind nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Und die zusätzliche betriebliche Absicherung fällt doch sehr unterschiedlich aus. Gerade mit dem demografischen Wandel kommt hier ein echtes Problem auf uns zu.

Woran liegt das Ihrer Auffassung nach?
Wir stehen hier vor einem generellen Problem. Wenn es um Autos geht, wälzt jeder Bundesbürger eine Menge Prospekte, sichtet Vergleichstests und informiert sich über spezialisierte Medien. Doch bei der Altersvorsorge ist Fehlanzeige, wenn es darum geht, sich tief und ausführlich zu informieren. Klar ist jedoch: Der Staat kann das nicht alles stemmen und der Generationenvertrag in der Rente, bei dem die Jungen die Lasten für die Alten tragen, gerät an seine Grenzen. Umdenken in der breiten Bevölkerung ist gefragt – und zwar zügig.

Wäre es nicht auch Teil der Medien, für mehr Aufklärung beim Thema Finanzen zu sorgen?
Gewiss. Hier wird eine Menge getan, wenn ich an Medien denke wie das Handelsblatt. Aber die Klientel einer Wirtschafts- und Finanzzeitung wird sich im Zweifel ohnehin mit der Altersvorsorge auseinandersetzen und sucht nur zusätzliche Informationen. Es geht um die breite Bevölkerung, die nicht weiß, auf welche Schwierigkeiten sie im Alter zusteuert. Für sie wird es leider künftig immer häufiger heißen: Es gibt kein Auskommen mit dem (Alters-)Einkommen.

Verlassen sich die Deutschen bei der Altersvorsorge zu sehr auf den Staat?
Der Eindruck drängt sich einem auf. Gerade in der jetzigen von der Coronapandemie geprägten Zeit hat es den Anschein, der Staat könne bei allem und auch jedem helfen. Was in Zeiten von Covid-19 gut und sinnvoll ist, kann nicht für unser gesamtes Leben gelten. Die Bürger sind für ihre Altersvorsorge zum Teil selbst verantwortlich, die gesetzliche Rente kann nur der wichtigste Teil sein.

Weiß die Bevölkerung in ihrer Mehrheit zu wenig über Rente und Altersvorsorge?
Ja. Angesichts der Wichtigkeit des Themas für jeden Bürger sollte Altersvorsorge dringend eine wichtige Rolle in den Lehrplänen der Schulen spielen. Nur wer frühzeitig auf die anstehenden Probleme aufmerksam wird, dürfte auch in jungen Jahren nach einer Lösung suchen. Gerade dann lässt sich aber mit kleinen Beträgen wegen der langen Laufzeit viel machen.

Wie stehen Sie zum Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens?
Diesem Konzept stehe ich skeptisch gegenüber. Gewiss, Deutschland ist ein reiches Land. Aber Leistung und Ertrag sollten immer miteinander verknüpft sein. Das heißt nicht, dass Menschen in Schwierigkeiten nicht geholfen wird. Dafür haben wir ein sehr ausgeklügeltes Sozialsystem, das mit Hartz IV bei Arbeitnehmern und Sozialgeld zwei Maßnahmen in Deutschland aufweist, die Unterstützung bieten. Diese in Anspruch zu nehmen, ist nichts Ehrenrühriges. Über die Ausgestaltung und Höhe der Hilfen lässt sich sicherlich diskutieren. Da geht mehr.

Sie sind jahrzehntelang aktiver Beobachter des Wirtschaftsgeschehens; was war für Sie am spannendsten an Ihrer Tätigkeit?
Am spannendsten sind die Begegnungen mit Personen, mit Managern, die die Welt der Wirtschaft prägen. Sei es ein Stephen Schwarzman, der einerseits mit Blackstone einen der größten Investoren in Private Assets führt, andererseits eine spannende Lebensgeschichte zu erzählen hat und enge Kontakte zur Politik pflegt. Es sind aber auch die tragischen Figuren wie Chuck Prince, der Ex-Chef der Citigroup, der krachend scheiterte. Und nicht zu vergessen die Suche nach der exklusiven Nachricht. Das macht Spaß.

Wie würden Sie das Verhältnis großer Unternehmen im Umgang mit Wirtschaftsjournalisten beschreiben; eher professionell oder auch mal manipulativ?
Da gibt es von allem etwas. Teilweise professionell, teilweise wird aber auch versucht, uns Journalisten mit Drohungen und Lügen zu manipulieren. Doch damit kommen die Unternehmen meist nicht durch. Das schadet ihnen nur. Ist einmal das Vertrauen zerstört, dann wird es für sie schwer. Am Ende leidet die Firma, der Konzern darunter, nicht der Journalist.

Auf welche Frage haben Sie als Journalist nie eine klare Antwort bekommen?
Ich hatte zusammen mit meiner Kollegin Nicole Bastian im Oktober 2011 ein Interview mit Baudoin Prot, dem damaligen Chef der BNP Paribas, der größten französischen Bank. Die Antworten wurden mehrfach überarbeitet und schließlich zurückgezogen. Angesichts der damals schwierigen Lage im Bankensektor wollte man sich nicht mehr äußern. Wir haben im Handelsblatt dann das Interview ohne Antworten veröffentlicht – stellvertretend für eine Geldelite, der es die Sprache verschlagen hatte.

Welche Themenschwerpunkte haben Sie am liebsten bearbeitet?
Die Abwechslung war das Schönste. Mit den Jahren kamen immer wieder neue Themen hoch, musste ich über unterschiedliche Krisen berichten. Es ging auch um verschiedene Finanzinstrumente, die ich ganz am Anfang begleitet habe, wie Optionsscheine vor mehr als 30 Jahren oder die ersten Schritte bei Zinstauschgeschäften, den Swaps. Am Ende hat mich das Investmentbanking am stärksten gefesselt, in Interviews mit den Topmanagern der Branche, die hauptsächlich aus den USA stammten, oder Highlights wie der Börsengang der Deutschen Telekom.

Was wünschen Sie sich am meisten von jungen Wirtschaftsjournalisten und -journalistinnen?
Die Frische, Neugier und Frechheit, die nötig sind, um sich mit der nötigen schreiberischen Qualität zu einem guten Journalisten zu entwickeln. Nur wer wirklich für den Beruf brennt, hat in schwierigen Zeiten eine Chance, später zu sagen: Ich bin gekommen, um zu bleiben.

Vor vielen Jahren waren die Medien die sogenannte vierte Macht im Staat. Heute werden Journalisten als Macher von Fakenews und als Lügenpresse verunglimpft. Wie ist es um die Macht der Medien bestellt?
Die Macht der klassischen Medien war schon einmal größer. Aber in Zeiten der sozialen Medien hat ihr Einfluss abgenommen. Derzeit vertrauen zu viele Menschen auf Blogs, Video-Botschaften und Twitter-News, die keinen vertrauenswürdigen Hintergrund haben. Doch ich bin überzeugt und hoffe, dass sich das wieder ändern wird. Mit verlässlichen Medien lässt sich am besten der Weg durch den Dschungel an Informationen finden. Dies wird sich auf Dauer durchsetzen.

Es wird beklagt, dass viele Medienschaffende zunehmend objektive Berichterstattung und Meinung miteinander vermengen. Teilen Sie diese Ansicht?
Pauschale Vorwürfe sind immer schwer zu beantworten. Gewiss, gerade im Printbereich haben sich die Zeiten verändert. Zeitungen sind heute viel lesbarer geworden als früher. Teilweise würde ich sie als Magazin im Zeitungsformat bezeichnen. Das hat nicht nur Vorteile, da die Gefahr besteht, dass die Grenzen zwischen Fakt und Meinung verschwinden. Doch ich bin überzeugt, gute Medien (und davon gibt es viele) schaffen es trotz aller Schwierigkeiten, weiterhin qualitativ hochwertigen Journalismus zu bieten.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte der Deutsche Derivate Verband (DDV).