Interview

Der Krise Positives abgewinnen

Interview mit Mathias Haas, DER TRENDBEOBACHTER

Herr Haas, den Begriff Zukunftsforscher hat man in der Vergangenheit schon des Öfteren gehört. Sie wiederum nennen sich »Trendbeobachter«. Können Sie unseren Lesern kurz beschreiben, wie das Tätigkeitsfeld eines Trendbeobachters aussieht und wie es sich vom Zukunftsforscher abgrenzt?
Mathias Haas: Sehr gerne. Wir zweifeln daran, dass man die Zukunft »erforschen« kann. Veränderung, Innovation, Trends wie Megatrends sind zum Beispiel auch von Machtverhältnissen und Zufällen abhängig. Wir nennen unsere Arbeit Zukunftsbegleitung. Damit begleiten wir den Prozess, sind unabhängig und nicht Teil des Problems. Wir sind nicht Teil des Arbeitsalltags und das ist gut so. Als externe Zukunftsexperten glauben wir daran, dass Organisationen selbst ihre eigenen Antworten erarbeiten können. Es braucht keine Berater. Mit branchenübergreifenden Megatrend-Updates, gesundem Menschenverstand, spielerischen Moderationsmethoden stehen wir parat. Letzteres meinen wir ernst. Sie können zum Beispiel in Innovationsworkshops spielen, damit Sie die Leichtigkeit zurückholen. Stichwort: Serious Games. Wie sonst sollen selbstbewusste, mutige, rigorose Lösungen denn herkommen? Und genau diese Größenordnung ist jetzt notwendig. Selbstbewusste, mutige, rigorose Lösungen!

Die Welt steht nach dem Ausbruch der Coronakrise vor einer ihrer größten Herausforderungen. Wie nehmen Sie die Situation derzeit wahr?
Derzeit ist es naheliegend, in den Panikmodus, in Lethargie oder in Selbstmitleid zu rutschen oder gar täglich das Weinregal aufzusuchen. Gleichwohl ist klar, dass wir dem ganzen Wahnsinn auch Positives abgewinnen können oder abringen müssen. Alles andere wäre nicht hilfreich. Wenn wir uns also schon neu erfinden müssen, dann sollten wir wirklich auf »iPhone-Level« denken und handeln. Anstrengend wird es so oder so. Dann doch lieber ambitioniert, selbstbewusst und fokussiert an der Zukunft arbeiten. Dies gilt übrigens auch für sehr sicherheitsbedürftige Menschen wie mich. Diese Arbeit produziert Sicherheit, denn auch jetzt muss nicht über Nacht entschieden werden.

Im vergangenen Jahr, als wir uns eine Krise in diesem Ausmaß wahrscheinlich noch nicht einmal vorstellen konnten, war das bestimmende Thema der Klimawandel. Dinge, die damals gefordert wurden, wie beispielsweise weniger zu fliegen, werden jetzt zwangsweise umgesetzt. Denken Sie, dass die Menschen »post« Corona etwas von ihrem Verhalten beibehalten oder werden wir eher einen Nachholbedarf sehen?
Pandemien waren, zum Beispiel bei der Bill-Gates-Stiftung, als Szenario genannt, aber auch wir hatten diese Gefahren unterschätzt und in unseren Engagements nicht besonders kommuniziert. Jetzt dreht sich alles und die Kernfrage für uns lautet: Wie lange und dramatisch werden die nächsten Monate – auch weltweit? Je extremer, desto mehr werden Menschen ihr bisheriges Verhalten infrage stellen. Sie werden es auch tun, weil sie es tun müssen. In der Folge wird Konsum wohl neu definiert und davon profitiert unser Planet, die Erde. So erwarten wir, dass zum Beispiel Luxus neu definiert wird und selbst machen wichtiger wird als selbst darstellen. Zum Nachholbedarf … ja, den wird es sicherlich geben. Sobald ein Impfstoff zur Verfügung steht, ab diesem Tag erwarten wir Euphorie pur. Diese wird nicht nur Prosecco, Sekt und Champagner betreffen. Auf diesen Tag freue ich mich heute schon.

Eine Veränderung wird es zweifelsohne in der Unternehmenslandschaft gegeben. Zwar unternimmt die Politik viel, um vor allem auch kleinen und mittelständischen Unternehmen unter die Arme zu greifen. Aber sicher wird es Verlierer geben. Welche Branchen werden es künftig besonders schwer haben?
Es gibt und gab Branchen, die vor der Krise schon strukturelle und signifikante Schwierigkeiten hatten. Diese stecken jetzt in einem gnadenlosen Umfeld, je nach Cashflow des einzelnen Betriebs. Um konkreter zu werden: die Modebranche, der Handel, die Kneipe um die Ecke …

Gibt es auch Gewinner in der Krise?
Es wird auf jeden Fall Gewinner geben. Voll durchdigitalisierte Versicherungs- und Remote-Schulungsanbieter genauso wie große Online-Apotheken, aber auch der Bäckergeselle. Ja, wir erwarten, dass das Ansehen gewisser Branchen steigen wird. Jetzt wird täglich klarer, welche Berufsgruppen wirklich systemrelevant sind. Schlussendlich sollte der Bäcker auch mit Gehaltserhöhungen rechnen können. Gewinner wären wir übrigens alle, wenn wir es auch noch schaffen würden, jetzt Straßen, Brücken und Gleise zu sanieren. Aber das ist kaum zu erwarten, im Gegenteil, die Politik und die Verwaltungen sind leistungsfähiger, als ich gedacht hätte. Respekt vor deren Arbeit!

Eines, was uns die Coronakrise gelehrt hat, ist, dass die Globalisierung und auch die Verlagerung von Produktionsstätten ins günstig produzierende Ausland nicht nur Vorteile mit sich bringt. Wird hier ein dauerhaftes Umdenken stattfinden oder wird die Krise, wenn sie einmal überwunden ist, schnell vergessen sein und es wird wieder hauptsächlich um Gewinnmaximierung gehen?
Wir erwarten in unserer Trendbeobachtung beide Entwicklungen. Es wird Anbieter geben, die konsequent zu Ende handeln und agieren können. Diese werden ihre Produktion, oder Teile davon, zurückholen. Ein solch radikaler Schritt wird sich aber auch danach nicht immer rechnen. Im Gegenteil, der gute Wille wird auch durch den eigenen Geldbeutel eingeschränkt. China und Co. werden nach der Krise ein zentraler Partner bleiben. Wertvoll wäre, wenn wir wenigstens das ein oder andere Medikament, Schutzkleidung, bestimmte Lebensmittel oder auch Energie und Energiespeicher relativ autark produzieren würden. Bei nachhaltiger Politik wird es hierfür Auflagen geben.

Zuletzt würde ich gerne noch auf den gesellschaftlichen Aspekt eingehen. Derzeit erleben wir eine große Bewegung von Solidarität und Rücksichtnahme. Familien rücken näher zusammen. Haben wir die Chance, dass sich die Gesellschaft unter zwischenmenschlichen Gesichtspunkten nachhaltig zum Positiven entwickelt?
Grundsätzlich ist die Krise auch vom Geldbeutel abhängig. Quarantäne ist beispielsweise in einer großen Wohnung besser zu ertragen als auf engem Raum. Wir erwarten größere Unterschiede zwischen »Arm und Reich« nach der Krise. Leider. Gleichzeitig gibt es neue Beziehungen, die auch hinterher aktiv und lebendig sein werden. Es wird gesehen, dass Kommunikation besser wird, wenn wir Zeit dafür investieren. Genau dies passiert momentan und diese Wahrnehmungen sind positive Erlebnisse, die wir nicht so schnell vergessen. Ich sagte doch, die Krise hat definitiv auch ihre schönen Seiten. Lassen Sie uns diese in den Fokus rücken. Ein toller Abschluss für dieses Interview, oder?

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.