Interview

Corona beschleunigt den digitalen Wandel

Interview mit Klemens Skibicki, Wirtschaftshistoriker, Hochschullehrer und Unternehmensberater

ideas: Herr Professor Skibicki, Sie waren unter anderem fünf Jahre Mitglied des Beirats »Junge digitale Wirtschaft« im Bundeswirtschaftsministerium. Kann man der Pandemie einen positiven Faktor für die Digitalisierung in Deutschland abgewinnen, die Sie schon lange beobachten?
Klemens Skibicki: Es ist bestimmt ein Vorteil, dass sehr viele Menschen durch die Coronamaßnahmen gelernt haben, was alles auch digital erledigt werden kann und was aber eben auch weiterhin besser nicht digital funktioniert. Wir reden also jetzt nicht mehr über Theorie, sondern über Erfahrung. Viele Formen des digital vernetzen Arbeitens werden deswegen auch nach dieser Corona-Erfahrung bleiben, weil sie schlichtweg effizienter sind. Genauso werden wir aber auch manche Offlinetreffen viel mehr wertschätzen, zum Beispiel für Kreativität, Strategie oder einfach nur zwischenmenschliches Teambuilding. Die Pandemie wird also das »Ankommen« im Arbeiten beschleunigen, in dem Online und Offline kein »Entweder-oder« mehr, sondern ein »Sowohl-als-auch« je nach Vorteilhaftigkeit bedeutet. Die digitale Transformation geht aber viel weiter und erfordert datengetriebene Geschäftsmodelle, automatisierte Prozesse und neue Rollen bei der Wertschöpfung. Hier sollte man in Deutschland erkennen, dass wir uns zu lange auf unserem Wohlstand des Industriezeitalters ausgeruht haben und die Giganten und Start-ups des digitalen Zeitalters vor allem in den USA und China, aber eben nicht in Europa entstanden sind. Auf deren Plattformen arbeiten wir zurzeit und deren Aktienkurse gehen durch die Decke. Corona beschleunigt den digitalen Wandel und wir müssen dringend dafür sorgen, dass auch hier Champions in den Rahmenbedingungen des digital vernetzten Zeitalters entstehen, die gewährleisten, dass wir auch in 20 Jahren unseren wunderbaren Sozialstaat finanzieren können.

Die Gesundheitsämter melden Infektionszahlen oftmals noch per Fax. Ist dies ein Beispiel dafür, dass Deutschland die Digitalisierung bisher verschlafen hat?
Wir haben wirklich noch zu viele sehr analoge und damit langsame und ineffiziente Prozesse. Dass ich zum Beispiel in Restaurants Papierlisten für die Registrierung zur Nachverfolgung eines möglichen Coronafalls ausfülle, ist doch angesichts der Möglichkeiten erbärmlich. Hier gibt es digitale Lösungen, die einfacher, sicherer und schneller sind. Wenn es um Schutz von Menschenleben geht, sollten wir doch endlich mal historisch gewachsene rechtliche Schranken und Gewohnheiten über Bord werfen. Das »Haben wir immer so gemacht« ist zwar menschlich, aber nicht hilfreich!

Auch beim Thema Internet scheint Deutschland den Anschluss verloren zu haben. So haben immer noch Haushalte, vor allem im ländlichen Raum, keinen Breitbandanschluss. Auch der Ausbau des Mobilfunkstandards 5G läuft schleppend. Kann Deutschland hier in absehbarer Zeit aufschließen?
Hier wäre seit Jahren eine ganzheitliche Anstrengung notwendig, die vor allem weniger Bürokratie erfordert. Oft werden bereitgestellte Fördergelder für ländliche Regionen nicht abgerufen, weil die Antragsverfahren zu kompliziert sind. Genauso hängen neue Anlagen für 5G ewig in Genehmigungsverfahren fest. Peinlich wäre es, wenn die satellitengestützten Internetzugänge, wie sie gerade von Pionieren wie Elon Musk aufgebaut werden, schneller kostengünstig verfügbar wären als unsere eigene Infrastruktur. Vielleicht hilft der Druck, der durch die Verbreitung dezentralen Arbeitens entsteht, denn dieses erfordert ja eine flächendeckende bessere Infrastruktur.

Es gibt Bereiche, die die Digitalisierung einschränken. Nehmen wir einmal die Corona-App. Hier wäre aus technischer Sicht sehr viel mehr machbar. Darauf wird aus datenschutzrechtlichen Gründen aber verzichtet. Wird das Spannungsfeld zwischen technischem Fortschritt und Datenschutz in Zukunft noch größer?
Datenschutz ist in Deutschland leider zu oft ein Totschlagargument gegen neue Möglichkeiten. Datenschutz ist doch kein Selbstzweck, sondern soll den Missbrauch von Daten verhindern. Und genau hier stimmt die Balance in Deutschland nicht. Daten, die für Anwendungen zum Nutzen von Menschen eingesetzt werden können, weil sie helfen, besser zu verstehen, wo diese Menschen sind und was sie möchten, müssen viel mehr ermöglicht werden. Ein Missbrauch muss bekämpft werden, aber eben nur der und bitte gezielt. Dies ist nicht einfach, aber der heutige Grundgedanke der Datensparsamkeit bei der EU-Gesetzgebung ist nicht hilfreich. Hier glaubt man, mit der Gießkanne Datenerhebung und schädliche Nutzung von vornherein einzuschränken, verhindert damit aber nicht gezielt Missbrauch, sondern eben viele sinnvolle Anwendungen gleich mit. Wir bräuchten in Deutschland eine neue Risiko-Nutzen-Einschätzung, sonst werden wir für unsere Bevölkerung viele Anwendungen verschließen und Start-ups vertreiben. Und spätestens bei Anwendungen wie der Corona-App sollten wir doch vor allem Menschen schützen, nicht Daten!

Auch in den sozialen Medien ist Corona angekommen. Dort finden auch Verschwörungstheoretiker und Pandemieleugner eine Plattform. Sollten Facebook, Twitter und Co. bei offensichtlichen Fake News stärker eingreifen oder ist die Meinungsfreiheit hier das höchste Gut?
Dies ist ein sehr schwieriges Thema, da es oft keine absolute und stets offensichtliche Wahrheit gibt, und gerade bei Corona entwickeln sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse ständig weiter. Leider aber eben auch die weniger wissenschaftlichen. Eine Löschung sollte wirklich nur bei Meldungen in Betracht gezogen werden, wenn daraus reale Gefahren entstehen, ansonsten gilt Meinungsfreiheit auch für ziemliches Geschwurbel. Eine Kennzeichnung von Meinungen als »kontrovers« und das Verfügbarmachen von Gegenmeinungen halte ich für sinnvoller, um Diskurse zu stimulieren und Filterblasen zu vermeiden. Denn leider beobachte ich immer mehr, dass Nutzer ihre eigenen Filterblasen bilden, indem sie unliebsame Meinungen direkt blocken. Soziale Medien wären genau die Chance, solche Echokammern zu durchbrechen, aber leider neigen Menschen eher zur Suche nach Informationen, die nur die eigene Sichtweise bestätigen. Dieses Phänomen ist in der Psychologie lange bekannt und liegt nicht an den sozialen Medien, wird aber hier besonders offensichtlich, da eben jeder dort auch Informationen erstellen und verbreiten kann wie nie zuvor. Wir brauchen aber gerade Diskurs, um Wissen zu schaffen und zu verbreiten – eben »Wissenschaft«.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.