Interview

Mit innovationen Aus der Krise

Interview mit Hildehard Müller, VDA-Präsidentin

ideas: Frau Müller, Sie sind seit 1. Februar Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Keinen Monat später ist die Coronakrise voll ins Rollen gekommen. Nun, nach über einem halben Jahr, sind wir noch weit entfernt von einem Ende der Pandemie. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus? Wie hat die deutsche Automobilbranche die Krise bisher gemeistert?
Hildegard Müller: In der Tat befinden wir uns seit Monaten in einer absoluten Ausnahmesituation, die bis heute andauert: Die Transformation der Automobilindustrie – Antriebswende und Digitalisierung – und die Coronapandemie, die die größte Rezession der Nachkriegszeit mit sich gebracht hat, sind beispiellose Herausforderungen, die wir gleichzeitig angehen müssen. Unsere Unternehmen haben schnell und vorbildlich reagiert, für einige Wochen ihre Werke geschlossen – coronabedingt waren auch die Lieferketten unterbrochen – und wo möglich ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Der Wiederanlauf erfolgte mit strengen Hygienekonzepten, der Schutz der Mitarbeiter hatte stets höchste Priorität. Momentan sind wir immer noch in einer Orientierungsphase, denn die Erholung der Märkte geht nur langsam voran – abgesehen von China. Entsprechend sind die Produktionskapazitäten in Europa und Nordamerika nach wie vor noch nicht voll ausgelastet, viele Mitarbeiter noch in Kurzarbeit. Trotz dieses schwierigen Umfelds treiben unsere Unternehmen die Transformation sehr engagiert und mit Hochdruck voran. Sie investieren massiv in Elektromobilität, alternative Antriebe und die Digitalisierung. Denn alle wissen: Der Weg aus der Krise wird gleichzeitig ein Weg der Innovation sein.

Welche Rolle hat der VDA hierbei gespielt? Können Sie in diesem Zuge kurz erklären, welche Aufgaben der VDA generell wahrnimmt?
Auch im VDA haben wir frühzeitig auf die Situation reagiert und eine Corona-Taskforce ins Leben gerufen. Die Kolleginnen und Kollegen in der Taskforce waren und sind in ständigem Austausch mit den zuständigen Behörden, haben Informationen gebündelt und sie an unsere Mitgliedsunternehmen weitergegeben. Darüber hinaus haben wir mit unseren Mitgliedsunternehmen umfassende Hygienekonzepte erstellt – natürlich auch für den VDA selbst – oder Hilfsmaterial wie Masken und Arbeitsschutzkleidung für andere Branchen zur Verfügung gestellt. Die gesamte haupt- und ehrenamtliche Organisation wurde auf digitales Arbeiten umgestellt, damit konnten wir ein enges Band zwischen unseren Mitgliedern und der Politik erhalten und damit sicherstellen, dass die Konjunkturhilfen auch zielgenau ankommen.

Der staatliche Anteil des Umweltbonus wurde im Rahmen des Corona-Konjunkturpakets verdoppelt, von 3.000 Euro auf 6.000 Euro. Er gilt allerdings nur für reine Elektroautos, etwas geringer ist die Prämie für Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge. Halten Sie den Ausschluss von Verbrennern für richtig?
Ich schaue nach vorn und glaube, dass wir in den kommenden Wochen beobachten müssen, wie sich die konjunkturelle Lage entwickelt und welche Stellschrauben dann notwendig sind. Der Pkw-Inlandsmarkt liegt im bisherigen Jahresverlauf noch mit mindestens 25 Prozent im Minus, wobei die Zulassungen von Elektroautos sich sehr positiv entwickeln. Im September 2019 hatten nur 3,9 Prozent der neuzugelassenen Pkw einen Elektroantrieb, im September dieses Jahres bereits 15,6 Prozent. Das ist eine gute Entwicklung, der Bonus wirkt. Allerdings ist der »Hebel« nach wie vor zu klein, um der gesamten Marktnachfrage einen deutlichen Impuls zu geben.

Tesla gilt im Bereich E-Mobilität für viele als Maß aller Dinge. Auch die Börse feiert seit Jahresbeginn das Unternehmen von Elon Musk. Und auch in China boomt der Markt für E-Autos. Hat die deutsche Automobilindustrie die Entwicklung verschlafen und trauen Sie Daimler, BMW und dem VW-Konzern zu, hier aufzuschließen?
Wir sollten zwischen Markt und Marketing unterscheiden. Fakt ist, dass sich der Elektro-Pkw-Markt in Deutschland allein im August vervierfacht hat. Gleichzeitig haben die deutschen Hersteller von E-Autos ihren Marktanteil um 12 Prozentpunkte auf 64 Prozent erhöht! Das heißt: Zwei von drei E-Autos, die in Deutschland zugelassen werden, kommen von deutschen Herstellern. Das gilt übrigens auch für den bisherigen Jahresverlauf. Warum ist die Performance so gut? Die deutschen Hersteller und Zulieferer sind hochinnovativ. Bis 2024 investieren unsere Unternehmen 50 Milliarden Euro in alternative Antriebe, vorrangig in die Elektromobilität. Sie werden in den nächsten drei Jahren, bis 2023, ihr Modellangebot an Elektro-Pkw von derzeit 70 auf über 150 mehr als verdoppeln. Es zeichnet die deutsche Automobilindustrie seit jeher aus, dass sie sich offensiv dem Wettbewerb stellt. Das gilt auch in dem angesprochenen Fall. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Industrie auch künftig eine Führungsrolle einnehmen wird, gerade auch bei der Elektromobilität. Wettbewerb ist aber herzlich willkommen und daher begrüßen wir ebenso ausdrücklich die Entscheidung von Tesla für einen Standort in Deutschland.

Die Politik forciert die E-Mobilität, unter anderem auch durch den Ausbau der Infrastruktur von Ladestationen. Allerdings gelten auch Wasserstoff in Kombination mit der Brennstoffzelle oder synthetische Kraftstoffe als sehr aussichtsreich. Sollte die Politik hier auf mehrere Pferde setzen?
Mit Sicherheit! Hier muss sich die Bundesregierung noch viel stärker engagieren. Wir sollten in jedem Fall technologieoffen bleiben. Kurz- und mittelfristig setzen wir als Automobilindustrie stark auf die Elektrifizierung. Nur so lassen sich die anspruchsvollen CO2-Ziele erreichen, die sich Europa bis 2030 gesetzt hat. Allerdings: Wenn wir Klimaschutz wirklich ernst nehmen, dürfen wir nicht nur auf die Neuzulassungen schauen, sondern müssen auch den Pkw-Bestand – in Deutschland sind das knapp 48 Millionen Autos – in den Blick nehmen. Mit klimaneutralen Kraftstoffen, E-Fuels genannt, könnten die CO2-Emissionen im Verkehr massiv gesenkt werden, die Infrastruktur – sprich Tankstellen – ist ja vorhanden. Hier müssen dringend noch ideologische Fronten aufgelöst werden. Ich hoffe, dass wir mit unseren guten Argumenten in der öffentlichen Debatte um die Mobilität der Zukunft noch stärker durchdringen.

Eine einfache Rechnung zeigt die Herausforderung: Wir müssen auch im Bestand ansetzen, denn selbst wenn 2030 60 Prozent der neuzugelassenen Pkw einen elektrischen Antrieb haben sollten, werden immer noch mindestens 75 Prozent der Autos auf Europas Straßen mit einem Verbrennungsmotor – Diesel oder Benziner – angetrieben.

Ein weiteres Thema, das in Zukunft die Automobilbranche bewegen wird, ist das autonome Fahren. Was denken Sie, wann werden die ersten Autos ohne Fahrer auf dem Fahrersitz auf deutschen Straßen unterwegs sein?
Keine Frage, neben der Elektromobilität ist die Digitalisierung das nächste große Innovationsthema: Ein Thema, das in den nächsten Jahren über die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie entscheiden wird. Wir bewerten es positiv, dass die Politik den Weg hierfür nun engagierter ebnen will. Die Bundesregierung hat die Digitalisierung zur strategischen Aufgabe erklärt. Das Bundesverkehrsministerium bereitet zum Beispiel ein Gesetz vor, auf dessen Grundlage fahrerlose Fahrzeuge im Regelbetrieb unterwegs sein können. Ziel ist es, bis 2022 Fahrzeuge mit autonomen Fahrfunktionen in den Regelbetrieb zu bringen. Auch wenn in anderen Feldern noch viel zu tun bleibt, damit setzt sich Deutschland international an die Spitze der Entwicklung in diesem Bereich. Die Automobilindustrie wird die Erprobungsmöglichkeiten in Deutschland konsequent nutzen.

Erlauben Sie uns zum Schluss noch eine persönliche Frage: Welches Auto steht denn im Hause Müller in der Garage?
Ich fahre sowohl beruflich als auch privat ein Hybridfahrzeug, für mich das Beste aus beiden Welten.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.