Märkte

Brüchiges Gleichgewicht am Ölmarkt

Nach einer erstaunlich schnellen Erholung traten die Ölpreise im Sommer wochenlang auf der Stelle. Doch das fragile Gleichgewicht geriet zuletzt ins Wanken, weil die Nachfragesorgen wieder die Oberhand gewannen. Die Rohstoffanalyse der Commerzbank denkt, dass sich der Preis für Brent-Öl auf dem momentanen Niveau von 40 US-Dollar je Barrel etablieren wird.

Die Ölpreise haben sich nach ihrem coronabedingten Absturz erstaunlich schnell erholt. Anfang Juni überwand Brent wieder die Marke von 40 US-Dollar je Barrel. Danach ging der Erholung allerdings die Puste aus. Wochenlang pendelte Brent im Sommer in einer ungewöhnlich engen Handelsspanne, die sich nur noch graduell nach oben schob und sich am Ende um 45 US-Dollar herum weiter verengte (siehe Grafik 1). Im Juli und August lagen zwischen Monatshoch und -tief jeweils weniger als 4 US-Dollar. Eine so enge Handelsspanne an zwei aufeinanderfolgenden Monaten gab es zuletzt Anfang 2004. Die Tagesschwankungen beliefen sich dabei häufig auf weniger als 1 US-Dollar. Die implizite Volatilität am Ölmarkt war daraufhin auf das niedrigste Niveau seit Ende Februar gefallen, also bevor die Coronakrise die Ölpreise auf Talfahrt schickte. Wenn es das Ziel der OPEC+ war, den Ölpreis zu stabilisieren, dann war es dem erweiterten Produktionskartell zu dieser Zeit eindrucksvoll gelungen. Anfang September gab es aber das böse Erwachen. Kurz nachdem der Brent-Ölpreis auf ein 6-Monats-Hoch von 46,5 US-Dollar gestiegen war, stürzte er binnen weniger Tage ab und fiel zwischenzeitlich sogar unter die Marke von 40 US-Dollar.

Grafik 1: Ölpreis nach wochenlangem Seitwärtshandel wieder unter Druck

Die schrittweise Rücknahme der Produktionskürzung durch die OPEC+ konnte die Ölpreise zunächst nicht aus ihrer Sommer-Lethargie wecken. Die seit Mai geltenden massiven Produktionskürzungen von 9,7 Millionen Barrel pro Tag wurden vom erweiterten Produktionskartell nicht mehr über Juli hinaus verlängert. Von Anfang August bis Ende des Jahres verringert sich die Produktionskürzung somit auf 7,7 Millionen Barrel pro Tag. Da Mexiko seit Juli nicht mehr an den Kürzungen teilnimmt, fällt sie genau genommen nochmals 100.000 Barrel pro Tag geringer aus. Die Umsetzung der Produktionskürzung lag in den ersten drei Monaten des Kürzungsabkommens laut OPEC+ bei durchschnittlich 94 Prozent, wobei dazu auch freiwillige Produktionseinschränkungen über die vereinbarte Menge hinaus im Juni durch Saudi-Arabien und zwei weitere Länder aus der Golfregion beitrugen. Doch nicht alle Länder haben die zugesagten Produktionskürzungen vollständig umgesetzt. Eine mangelnde Förderdisziplin zeigten Kongo, Gabun und Äquatorial-Guinea sowie die aufgrund ihrer deutlich größeren Produktionsmengen gewichtigeren Länder Angola, Nigeria und der Irak (siehe Grafik 2).

Grafik 2: Nicht alle Länder haben Ölproduktion hinreichend reduziert

Umsetzung der vereinbarten Produktionskürzung, Mai bis Juli

Die zwischen Mai und Juli aufgelaufene Überproduktion soll sich laut einem internen Dokument der OPEC+ auf 2,3 Millionen Barrel pro Tag summieren. Sie soll nach Vorstellung der OPEC+ durch stärkere Kürzungen der Nachzügler im August und September ausgeglichen werden. Dies würde somit Kürzungen um 1,15 Millionen Barrel pro Tag erfordern. Der Irak und Nigeria hatten angekündigt, ihre Ölproduktion im August und September um 400.000 bzw. 114.000 Barrel pro Tag zusätzlich kürzen zu wollen. Vorliegenden Zahlen für August zufolge haben beide Länder im Vergleich zum Vormonat zusätzlich gekürzt. Der Irak blieb aber hinter seinen Versprechungen zurück. Die Vereinigten Arabischen Emirate produzierten im August wegen eines höheren Eigenbedarfs sogar deutlich mehr als eigentlich erlaubt, wollen dies aber durch stärkere Kürzungen im Oktober wieder ausgleichen. Insgesamt produzierte die OPEC im August laut IEA-Schätzung 24,5 Millionen Barrel pro Tag, rund 800.000 Barrel mehr als im Vormonat. Das entsprach zwar fast exakt der Vereinbarung, aber die Kürzung ging auch nicht deutlich darüber hinaus.

Damit die OPEC+ ihr Ziel des Marktausgleichs erreicht, ist es unabdingbar, dass alle Länder ihre Kürzungszusagen strikt einhalten. Saudi-Arabien, das in den Monaten zuvor zusätzlich gekürzt hatte, produzierte im August exakt nach Vereinbarung und ist demnach nicht mehr bereit, für die Nachzügler in die Bresche zu springen. Zudem tragen die drei von den Kürzungen ausgenommenen Länder Iran, Venezuela und Libyen mit Produktionsrückgängen unfreiwillig dazu bei, dass die OPEC-Produktion fällt. Zwar gibt es Berichte, wonach die Ölproduktion in Venezuela demnächst sogar auf null fallen könnte. Genauso gut ist es aber vorstellbar, dass sich die Ölproduktion in Libyen nach einer Einigung der Konfliktparteien zumindest teilweise erholt.

Während also das Produktionskartell sein Angebot ausgeweitet hat, überraschten die USA mit einem deutlichen Produktionsrückgang. Die US-Energiebehörde EIA berichtete für Mai einen Einbruch der Produktion gegenüber dem Vormonat um knapp 2 Millionen auf rund 10 Millionen Barrel pro Tag (siehe Grafik 3). Das war mit Abstand der stärkste Monatsrückgang aller Zeiten. Zuvor hatte die EIA die Monatsproduktion im Mai noch auf 11,2 Millionen Barrel pro Tag geschätzt. Der US-Produktionsrückgang zwischen März und Mai übertraf damit sogar die im Rahmen des »OPEC+«-Abkommens freiwilligen Kürzungen Russlands und Saudi-Arabiens von jeweils 2,5 Millionen Barrel pro Tag. Auch wenn die EIA in ihrem Septemberbericht die US-Produktion rückwirkend ab Juni nach oben revidiert hat, bleiben die Perspektiven für die USA verhalten. Schließlich ist die Bohraktivität trotz eines WTI-Ölpreises von konstant über 40 US-Dollar je Barrel im August auf ein 15-Jahres-Tief gefallen. Offensichtlich setzen die vielfach hoch verschuldeten Schieferölunternehmen anstatt auf neue Investitionen zunächst auf Schuldenabbau, zumal ihnen der Zugang zu frischem Kapital massiv erschwert ist.

Grafik 3: Deutlich stärkerer Rückgang der US-Ölproduktion

Zunehmend belastet aber die ins Stocken geratene Erholung der Ölnachfrage, was auch den Preisrutsch Anfang September mit auslöste. Sowohl die OPEC als auch die Internationale Energieagentur (IEA) hatten ihre Nachfrageprognosen für das laufende Jahr bereits im August nach unten revidiert. Im September folgte die nächste Kürzung. Die IEA erwartet nun einen Rückgang um 8,4 Millionen Barrel pro Tag gegenüber dem Vorjahr. Die OPEC rechnet für 2020 sogar mit einem Nachfrageminus von 9,5 Millionen Barrel pro Tag. Ausschlaggebend hierfür ist der beispiellose Einbruch der Nachfrage im ersten Halbjahr, dem nun eine weniger dynamische Erholung folgen soll. Der Ölverbrauch soll im vierten Quartal laut IEA ca. 600.000 Barrel pro Tag hinter der bisherigen Erwartung zurückbleiben und am Jahresende noch ca. 5 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen (siehe Grafik 4). Als wichtigen Grund hierfür nennt die IEA die anhaltend schwierige Situation im Luftverkehr, der sich bislang kaum vom massiven Rückgang im Zuge der Coronapandemie erholt hat. Im Juli lag die Zahl der Flugkilometer noch immer 67 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres, nach einem Minus von 80 Prozent im April. Im Straßenverkehr bremst die steigende Zahl von Corona-Neuinfektionen die Nachfrageerholung aus. Dies zeigt sich auch bei der US-Benzinnachfrage, die seit Mitte Juni kaum noch steigt und weiterhin ca. 10 Prozent unter dem jahreszeitüblichen Niveau liegt.

Grafik 4: Ölnachfrage vom Einbruch erholt, aber weiterhin unter dem Vorkrisenniveau

Ohne China, das bereits im Frühsommer zum Nachfrageniveau vor dem Ausbruch der Coronapandemie zurückgekehrt ist, sähe die Nachfrageerholung noch deutlich verhaltener aus. Die chinesischen Rohölimporte erreichten im Mai und Juni sogar Rekordniveaus, ebenso wie die Rohölverarbeitung im Juli (siehe Grafik 5). China hat die niedrigen Ölpreise im März und April zu opportunistischen Käufen weit über den eigentlichen Bedarf hinaus genutzt. Ein beträchtlicher Teil dürfte dabei in die Lagerhaltung geflossen sein. Im August hat das Kaufinteresse Chinas aber spürbar nachgelassen. Auch für die nächsten Monate deutet sich eine langsamere Gangart bei der Ölnachfrage Chinas an. Saudi-Arabien sah sich deswegen bereits dazu veranlasst, seine Verkaufspreise für Oktober-Lieferungen deutlicher zu senken. Die EIA revidierte zudem die Nachfrageprognose für 2021 wegen eines geringer als erwarteten Anstiegs in China deutlich nach unten.

Grafik 5: China importierte und verarbeitete im Sommer rekordhohe Mengen an Rohöl

Die Nachfrageerholung wird momentan vor allem durch die weiterhin starke Ausbreitung des Coronavirus gefährdet. Sorgen bereitet dabei insbesondere das drittgrößte Ölverbrauchs- und Importland Indien. Die OPEC+ rechnet im Falle einer stärkeren und länger anhaltenden zweiten Infektionswelle in Europa, den USA, China und Indien mit einem Nachfragerückgang um 11,2 Millionen Barrel pro Tag und einem fortgesetzten Lageraufbau in diesem Jahr. Der auf ein 17-Jahres-Tief gesunkene Crackspread von Gasöl gegenüber Brent sowie der ausgeprägte Contango in der Brent-Terminkurve deuten zudem auf einen eher überversorgten Markt hin. Die IEA wies schon im August zu Recht darauf hin, dass der weitere Marktausgleich, also der fortgesetzte Abbau des vorherigen massiven Überangebots am Ölmarkt, eine heikle Angelegenheit sein wird. Für die OPEC+ bedeutet dies bis auf Weiteres Fahren auf Sicht und kaum Spielraum für eine Ausweitung der Ölproduktion, so sehr die einzelnen Länder auch auf höhere Öleinnahmen angewiesen sind. Eine Rückkehr der Preise auf die im Sommer erreichten Mehrmonatshochs ist daher unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte sich der Preis für Brent-Öl im Herbst bei dem momentanen Niveau von 40 US-Dollar je Barrel einpendeln.

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Aber Achtung: Da die von Société Générale angebotenen Produkte in Euro notieren, der Handelspreis von Brent und WTI allerdings in US-Dollar, besteht für den Investor ein Währungsrisiko, wenn der Euro/US-Dollar-Wechselkurs steigen sollte. Um das Wechselkursrisiko für den Anleger auszuschalten, bietet Société Générale in der Regel neben einer nicht währungsgesicherten Variante (Non-Quanto) auch eine währungsgesicherte bzw. währungsoptimierte (Quanto) Variante an.

Tracker-Zertifikate mit unbegrenzter Laufzeit

WKN

Basiswert

Bezugsverhältnis

Quanto

Geld-/Briefkurs

CU0 L1R

Brent-Öl-Future

1:1

Ja

39,59/39,61 EUR

CU0 L1S

Brent-Öl-Future

1:1

Nein

33,63/33,64 EUR

Discount-Zertifikate

WKN

Basiswert

Cap

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Max. Ren- dite p.a.

Quanto

Bewertungstag

Geld-/Briefkurs

SB2 NHM

Brent-Öl-Future

34,00 USD

26,67 %

6,32 %

Ja

27.04.2021

32,64/32,74 EUR

SB2 NJM

Brent-Öl-Future

34,00 USD

27,05 %

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27.04.2021

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WTI-Öl-Future

32,00 USD

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Ja

17.05.2021

30,48/30,58 EUR

SB2 NRG

WTI-Öl-Future

32,00 USD

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25,65/25,74 EUR

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WKN

Basiswert

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Basispreis/Knock- Out-Barriere

Hebel

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Laufzeit

Geld-/Briefkurs

CL9 496

Brent-Öl-Future

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35,179 USD

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Unbegrenzt

5,72/5,73 EUR

CL9 49X

Brent-Öl-Future

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35,283 USD

5,8

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Brent-Öl-Future

Put

47,424 USD

7,4

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4,85/4,86 EUR

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Brent-Öl-Future

Put

46,684 USD

8,5

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WTI-Öl-Future

Call

33,638 USD

5,9

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Unbegrenzt

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WTI-Öl-Future

Put

45,990 USD

6,5

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Unbegrenzt

5,26/5,27 EUR

CL5 MWQ

WTI-Öl-Future

Put

46,481 USD

6,0

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Stand: 22. September 2020; Quelle: Société Générale

Die Darstellung der genannten Produkte erfolgt lediglich in Kurzform. Die maßgeblichen Produktinformationen stehen im Internet unter www.sg-zertifikate.de zur Verfügung. Den Basisprospekt sowie die endgültigen Bedingungen und die Basisinformationsblätter erhalten Sie bei Klick auf die WKN.

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