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Vom Verbündeten Nummer 1 zum Lieblingsfeind

INTERVIEW MIT PROF. DR. CHRISTIAN HACKE, INSTITUT FÜR POLITISCHE WISSENSCHAFT UND SOZIOLOGIE

Herr Prof. Dr. Hacke, Sie sind Politologe und ausgewiesener US-Experte. In den USA stehen im November die Präsidentschaftswahlen an. Der amtierende Präsident Donald Trump tritt für die Republikaner an, Joe Biden, der unter Barack Obama Vizepräsident war, für die Demokraten. Derzeit liegt Joe Biden in den Umfragen deutlich vorn. Wird es ein klarer Sieg der Demokraten oder trauen Sie Trump eine Überraschung zu?
Prof. Dr. Christian Hacke: 
Laut Umfragen führt Joe Biden mit einem komfortablen Vorsprung von ca. 7 Prozent. Aber: Schon 2016 sah die Realität anders aus. Und auch im November ist Donald Trump wieder für eine Überraschung gut. Zwar hat er in zentralen Fragen total versagt, wie in der Coronakrise, und sein politischer Stil ist alles andere als ansprechend, aber seine Anhänger halten weiterhin fest zu ihm, weil er seine Wahlkampfversprechen nachdrücklich umzusetzen sucht.

Gehen wir einmal vier Jahre zurück. Vor allem außerhalb der USA glaubte damals fast keiner an einen Sieg Donald Trumps – zumal er in den Umfragen auch deutlich hinten lag. Kam für Sie der Wahlsieg damals überraschend?
Mich hat das Wahlergebnis 2016 schon überrascht. Aber ebenso die weitgehend undiplomatischen Reaktionen der deutschen Politiker auf Trumps Wahl. Viele haben damit von Anfang an ein Klima von moralisierender Arroganz verbreitet, was der Verfolgung deutscher Interessen abträglich gewesen ist. Trump hatte im Übrigen zu Recht auf viele deutsche Versäumnisse hingewiesen, wie auf die völlig unzureichende deutsche Sicherheitspolitik.

Die USA sind derzeit nicht nur wegen der Auswirkungen der Coronapandemie gebeutelt. Seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten ist auch eine Rassismusdebatte entbrannt, die das Land entzweit. Welchem Kandidaten trauen Sie eher zu, das amerikanische Volk wieder zu vereinen?
Joe Biden würde als Präsident sofort die wichtigste Herausforderung in Angriff nehmen: Amerika im Innern zu versöhnen, also die Konfrontation zwischen den politischen Lagern abzubauen. Er ist ein Brückenbauer und er hat Charisma. Folglich würde er auch die Rassenfrage erneut auf die Tagesordnung bringen. Bei Donald Trumps Wiederwahl würde eine verschärfte Polarisierung auch die Bürgerkriegsgefahr vergrößern. Zustände wie in Nordirland vor einigen Jahren wären dann in den USA nicht mehr auszuschließen. Ähnlich gewalttätige Demonstrationen drohen bei einem knappen Wahlergebnis. Sollte Donald Trump knapp verlieren, wird er vermutlich das Ergebnis anfechten. Dank seiner rücksichtslosen Justizpolitik durch Ernennung konservativer Richter auf allen Ebenen könnte dann durch entsprechende Rechtsprechung, sprich Rechtsbeugung, die innenpolitische Konfrontation gefährlich eskalieren.

Mit Kamala Harris hat Joe Biden zum ersten Mal eine dunkelhäutige Frau zur Vizepräsidentschaftskandidatin gemacht. Ein cleverer Schachzug, oder läuft er Gefahr, dass ihm die charismatische Senatorin aus Kalifornien am Ende noch den Rang abläuft?
Kamala Harris als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin ist eine hervorragende Wahl. Sie weist Trump in die Schranken, denn sie legt seine Schwächen, Fehler und Versäumnisse schonungslos offen. Sie hat Charisma und würde im Falle von Joe Bidens Ableben im Amt eine couragierte Präsidentin abgeben. So gesehen kann man ihre Nominierung als cleveren Schachzug bezeichnen. Sie läuft Biden nicht den Rang ab, aber sie ist ihm, auch wegen seines Alters, schon jetzt eine loyale Kampfgefährtin. Aber: Kann sie ihm mehr Stimmen verschaffen? Das ist zu bezweifeln.

Wäre nicht eine weiße Kandidatin, wie die Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, eine klügere Wahl gewesen? Sie hätte den Demokraten die so dringend notwendigen weißen Stimmen, auch aus der politischen Mitte und im konservativen Wählerspektrum, bringen können.

Das Verhältnis von Deutschland und den USA war in den vergangenen vier Jahren nicht immer das beste: angedrohte Strafzölle, Attacken wie zum Beispiel bei dem Gaspipelineprojekt Nordstream 2 oder auch der US-Truppenabzug aus Deutschland. Denken Sie, dass unter Joe Biden das Verhältnis harmonischer werden könnte?
Unter Donald Trump ist Deutschland in seinen Beziehungen zu den USA vom Verbündeten Nummer 1 in die Rolle des Lieblingsfeindes von Donald Trump mutiert. Das ist bitter und auch auf Fehler und Versäumnisse deutscher Politiker zurückzuführen. Andererseits hat die Bundeskanzlerin die schlimmsten Auswirkungen durch ihre kluge Haltung gegenüber Trump auffangen können. Sie hat ihm elegant und subtil Paroli geboten. Auch deshalb ist sie bei vielen (demokratischen) Amerikanern zur Lieblingspolitikerin des Westens avanciert. Sie genießt in den USA bei vielen mittlerweile Kultstatus.

Ob nun Trump oder Biden – wo sehen Sie die größten Herausforderungen, die der künftige US-Präsident zu meistern hat?
Bleibt Donald Trump auch nach dem 3. November Präsident, drohen den USA und der Welt weitere vier Jahre Ungewissheit, Überraschung und Gefahr. Amerika wird weiter an internationalem Prestige verlieren, die Lösung der Schlüsselfragen der Weltpolitik wird immer komplizierter, das atlantische Bündnis wird weiter erodieren und die autoritären Weltmächte werden weiter an Einfluss gewinnen. So liegt die Hoffnung vieler bei Joe Biden. Die TV-Debatten werden zeigen, ob er Trump überzeugend und couragiert Paroli bieten und ihn in die Schranken weisen kann. Zweifel sind angebracht. Erst in den kommenden Wochen werden wir deshalb sehen, ob der derzeitige demokratische Vorsprung in den Umfragen sich erhärtet.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.