Aktuelles

Geschichte hautnah erleben

Interview mit Bianca Thomas, Redakteurin/Reporterin der ntv-Wirtschaftsredaktion

ideas: Frau Thomas, viele unserer Leser kennen Sie wahrscheinlich von den ntv-Zertifikate-Sendungen. Was viele aber nicht wissen ist, dass Sie lange Zeit auch im RTL-/ntv-Korrespondentenbüro in New York tätig waren und unter anderem über die Wahl Barrack Obamas zum US-Präsidenten berichteten. Gerade ist der Wahlkampf in den USA wieder in vollem Gange. Wie schätzen Sie die Geschehnisse derzeit ein?
Bianca Thomas: 
So ein Wahljahr gab es in den USA wohl noch nie. Eigentlich würde jetzt ein Wahlauftritt den nächsten jagen, nach den spektakulären Parteitagen mit den Nominierungsreden von US-Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Konkurrenten Joe Biden. Ich war im Sommer 2008 bei Barrack Obamas Rede in Denver dabei. Die Veranstaltung war ein irres Erlebnis und hat Obama ein Momentum verliehen. Wegen der Coronapandemie ist alles anders, das Gesundheitsrisiko ist einfach zu groß. Dies macht es den Wählern nicht einfacher, sich ein klares Bild von Trump und Biden und deren Wahlprogramme zu machen.

Wird Corona den Wahlausgang beeinflussen?
Ja, natürlich. Die USA gehören zu den am stärksten betroffenen Ländern weltweit. Wegen der Pandemie ist die US-Wirtschaft im zweiten Quartal so stark geschrumpft wie noch nie zuvor. Und das wiederum hat große Auswirkungen auf das Leben vieler Amerikaner. Momentan ist noch nicht einmal klar, wie die Wahl stattfinden wird. Auch wenn Trump die Rechtmäßigkeit anzweifelt, das Gesetz sieht vor, dass die Amerikaner am ersten Dienstag im November ihre Stimme abgeben. Ändern könnte dies nur der Kongress. Klar ist, dass wir in der Wahlnacht nicht mit einem schnellen Ergebnis rechnen dürften, weil die Briefwahl diesmal eine größere Rolle spielen könnte.

Was hat Sie damals dazu bewegt, den Big Apple zu verlassen und wieder nach Deutschland zu kommen?
Zehn Jahre habe ich in New York verbracht und währenddessen über viele Ereignisse berichtet – von 9/11 bis hin zur Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten, dazwischen über Häftlinge in Guantanamo Bay, Hurrikans, den Start des Spaceshuttles Discovery in Florida und über vieles mehr. Besser geht es einfach nicht für eine Journalistin. Dennoch spürte ich irgendwann den Wunsch nach Veränderung. Aber der Umzug und die erste Zeit zurück in Deutschland waren hart. Ich musste mich wieder an mein Heimatland gewöhnen. Inzwischen lebe ich aber sehr gerne in Köln. New York vermisse ich weiterhin sehr, zugleich bin ich zutiefst dankbar für die traumhaften Jahre, die ich in der pulsierenden Metropole erleben durfte.

Seit 2016 moderieren Sie die Zertifikate-Sendungen auf ntv. Welche Faszination haben für Sie die internationalen Kapitalmärkte?
Mein Interesse an der Finanz- und Wirtschaftswelt ist extrem groß. Die Marktgespräche finde ich ebenso spannend wie die Diskussionen über die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Anlagestrategien. Klasse finde ich vor allem Themen rund um die Nachhaltigkeit, digitale Transformation oder auch die neue Mobilität.

In den Augen vieler hat Deutschland noch immer keine Aktienkultur. Allerdings wäre es im momentanen Tiefzinsumfeld durchaus wichtig, dass sich mehr Menschen mit einem Investment an den Aktienmärkten beschäftigen. Inwiefern sehen Sie und Ihre Kollegen bei ntv es als Aufgabe an, bei diesem Thema Aufklärungsarbeit zu leisten?
Es ist sehr wichtig, den Anlegern die Chancen am Aktienmarkt zu zeigen. Und noch viel wichtiger, die Risiken nicht zu vergessen. Wir haben zum Glück bei ntv die Möglichkeiten und Sendezeiten, Anleger umfassend zu informieren – über den gesamten Tag hinweg. Dabei geht es in den Zertifikate-Sendungen, in der Telebörse und auch mehrmals die Stunde in den Live-Schalten vom Parkett um die unterschiedlichsten wirtschaftlichen Zusammenhänge – damit sich Investoren ein gutes Bild vom Geschehen machen können. Denn das Interesse an Wirtschaftsfakten ist weiterhin groß und in der Coronakrise nochmals gewachsen.

Wie haben Sie den »Corona-Crash« im Februar und März dieses Jahres erlebt?
Das war sehr intensiv! Es ging ja alles Schlag auf Schlag. Wir wurden in der ntv-Wirtschaftsredaktion Zeuge, wie der DAX beispiellos abstürzte, DAX-Konzerne ins Straucheln gerieten und auch andere Börsen rund um den Globus wie die Wall Street in New York erdrutschartig in den Keller sausten. Die Wirtschaft stand plötzlich still. Das gab es noch nie. Kein Wunder, dass es auch bei uns in der Redaktion so manches Mal ganz schön drunter und drüber ging. Ich habe die Anschläge vom 11. September in New York erlebt, stand während des Irak-Kriegs fast täglich an der UN und beim Zusammenbruch von Lehman Brothers vor deren Wolkenkratzer-Zentrale in Manhattan. Es ist sehr bewegend, Geschichte hautnah zu erleben. Die Coronakrise gehört jetzt dazu.

Haben Sie mit einer so schnellen Erholung der Märkte gerechnet?
Noch liegt die Coronakrise nicht hinter uns! Das zeigen die weiterhin starken Schwankungen bei Aktien und Währungen und der scheinbar endlos kletternde Goldpreis. Ich denke, die große Aufgabe ist nun, den Spagat zu meistern, die Menschen vor dem Virus zu schützen und gleichzeitig die Wirtschaft zu stützen.

Erlauben Sie uns zum Schluss noch eine persönliche Frage: Eine Ihrer großen Leidenschaften ist es, die Welt zu bereisen. Aber wie sieht Ihr Urlaub 2020 aus?
Wenn ich das wüsste. Für Globetrotter wie mich sind die momentanen Reisewarnungen eine Qual, auch wenn sie wichtig und nachvollziehbar sind. Unter normalen Umständen hätte ich Ihnen jetzt von Südafrikas Schönheit vorgeschwärmt. Auf dem Plan standen Kapstadt und die Highlights der Garden Route entlang der Küste. Leider hat die Coronapandemie diese Reise verhindert. Die Urlaubstage sind auf den Herbst verschoben. Das Ziel wird spontan entschieden. Es gibt ja auch im nahen Umfeld tolle und sehenswerte Ecken. Dennoch freue ich mich schon jetzt darauf, irgendwann auch mal wieder meine Freunde in New York besuchen zu können.

Frau Thomas, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.