Interview

Vorteile der Globalisierung bewahren

Interview mit Prof. Dr. Galina Kolev, Institut der deutschen Wirtschaft

Frau Professorin Kolev, Sie sind Leiterin der Forschungsgruppe Gesamtwirtschaftliche Analysen und Konjunktur am Institut der deutschen Wirtschaft. Können Sie unseren Lesern kurz erläutern, mit welchen Themen sich Ihre Forschungsgruppe beschäftigt?
Die Forschungsgruppe beobachtet, analysiert und prognostiziert die aktuelle und auch die langfristige Entwicklung der deutschen Wirtschaft als eine offene Volkswirtschaft, die viele Vorprodukte aus dem Ausland bezieht und täglich Waren und Dienstleistungen in Milliardenhöhe exportiert. Auf Basis unserer Analysen erarbeiten wir Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik und präsentieren sie durch Publikationen, Vorträge und Medienbeiträge. Auf diese Weise erreichen wir einen großen Adressatenkreis, darunter auch wichtige Entscheidungsträger. Zurzeit beschäftigen wir uns vornehmlich mit den Auswirkungen der Covid-19-Krise auf die deutsche Wirtschaft. Dabei zeigen wir Wege und Maßnahmen, die die Politik ergreifen kann, um der deutschen Wirtschaft aus der Krise zu helfen.

Angesichts der weltweiten Coronapandemie und ihrer Auswirkungen auf die Wirtschaft – sind wir zu globalisiert?
Die momentane Krise hat die mit der Globalisierung verbundenen Risiken in den Vordergrund gestellt. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, welche Vorteile damit verbunden sind. Der internationalen Arbeitsteilung verdanken wir einen großen Anteil unseres heutigen Wohlstands in Deutschland. Günstige Vorprodukte aus dem Ausland machen die deutsche Wirtschaft konkurrenzfähig. Zudem hat die Globalisierung es den deutschen Unternehmen ermöglicht, am rasanten Wirtschaftswachstum vieler Schwellenländer teilzuhaben. Als »zu globalisiert« würde ich die deutsche Wirtschaft nicht bezeichnen.

Hätte der Grad der Globalisierung auch ohne Corona früher oder später zu Problemen geführt?
Wir haben bereits in den vergangenen Jahren eine Verlangsamung der Globalisierung beobachtet. Seit dem Jahr 2011 ist der Anteil der ausländischen Vorprodukte an den Exporten und der inländischen Nachfrage im Durchschnitt sowohl in Deutschland als auch in anderen großen Exportländern wie den USA und China gesunken. Zum einen ist das durch die Verlangsamung der wirtschaftlichen Entwicklung in China und anderen großen Schwellenländern zu erklären. Zum anderen wurden immer weniger Handelsbarrieren abgebaut und neue eingeführt. Beides hat dazu geführt, dass weniger Vorteile aus der internationalen Arbeitsteilung erzielt werden können.

Deutschland ist eine Exportnation. Wie stark würde eine abnehmende Globalisierung unsere Wirtschaftsleistung und damit unseren Wohlstand reduzieren?
Deutschlands Hersteller hätten viel zu verlieren, sollte der Globalisierungsprozess etwa durch neu eingeführte Handelsbarrieren beeinträchtigt werden. Wenn sie keine günstigen Vorprodukte aus dem Ausland mehr beziehen können, dann müssen sie einen höheren Preis für ihre Produkte verlangen. Ihre Wettbewerbsfähigkeit würde sinken. Wenn deutsche Hersteller nur nach Überwindung zusätzlicher Handelsbarrieren ihre Produkte im Ausland verkaufen können, dann müssen sie ihre Preise noch weiter steigern. Das würde auch Deutschlands Wohlstand erheblich gefährden.

Was bedeutet das konkret?
Man kann diese Entwicklung anhand eines hypothetischen Beispiels darstellen: Wenn deutsche Automobilhersteller keine Möglichkeit hätten, die produzierten Autos zu exportieren, dann würde ein enormer Teil des Marktes wegfallen. Die Folge wäre ein massiver Stellenabbau in der Automobilindustrie. Dafür würden Branchen eine Renaissance erleben, in denen wir vornehmlich auf Importprodukte zurückgreifen, wie die Textilindustrie. In einer Stunde kann ein Arbeiter jedoch in der Automobilindustrie bei Weitem einen größeren Wert produzieren als in der Textilindustrie – und seine Entlohnung ist dort heute wesentlich höher, als sie im hypothetischen Beispiel in der Textilindustrie wäre.

Als großer Fan des Protektionismus gilt Donald Trump, der – nach einer kurzen Coronapause – wieder voll in den Handelsstreit mit China einsteigt. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?
Wir beobachten in den vergangenen Jahren eine Verschiebung der Gravitationszentren der globalen Wirtschaft. Mit China ist eine Weltmacht entstanden, die zunehmend als Konkurrent bei der Entwicklung neuer Technologien auftritt und den Anspruch erhebt, bei Zukunftstechnologien die technologische Führerschaft zu erlangen. Bei dem Konflikt zwischen den USA und China geht es daher um viel mehr als die Handelspolitik. Zudem steht momentan neben der Coronakrise auch der Wahlkampf für Donald Trump im Mittelpunkt vieler Entscheidungen. Der entschlossene Kurs gegenüber China kann ihn auf dem Weg zur zweiten Amtszeit unterstützen.

Sei es Corona oder Trump – wie sollten sich deutsche Unternehmen für die Zukunft rüsten?
Die Covid-19-Krise wird sicherlich dazu führen, dass die mit der Globalisierung und der Internationalisierung der Produktion verbundenen Risiken neu bewertet werden. Die Krise ändert jedoch nichts an den mit der internationalen Arbeitsteilung verbundenen Vorteilen. Auch nach der Krise wird es für viele Unternehmen vorteilhaft sein, sich auf einzelne Produkte oder Produktionsschritte zu spezialisieren und andere Produkte aus dem Ausland zu beziehen. Dabei können sie ihre Abhängigkeit von einzelnen Ländern oder Lieferanten reduzieren, indem sie eine Diversifizierungsstrategie verfolgen oder auch höhere Lagerbestände bei wichtigen Vorprodukten aufbauen. Wenn ein Hersteller auf mehrere Lieferanten aus verschiedenen Ländern zurückgreifen kann, dann kann es selten zu Lieferengpässen kommen und auch die Preise der Vorprodukte sind aufgrund des Konkurrenzdrucks geringer. Ähnliches gilt in Bezug auf Absatzmärkte. Wenn ein Unternehmen seine Produkte in vielen Ländern absetzt, dann wird es weniger betroffen sein, wenn die Entwicklung eines Marktes rückläufig ist. Insgesamt sind die deutschen Unternehmen gut beraten, ihre Position auf dem Weltmarkt zu halten.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.