Titelthema

Neuer Preiskrieg am Ölmarkt

Die Ölpreise sind im März abgestürzt. Saudi-Arabien hat nach dem Scheitern der »OPEC+«-Sitzung eine deutliche Anhebung der Ölproduktion und eine massive Preissenkung angekündigt. Gleichzeitig bricht die Ölnachfrage wegen der Coronavirus-Pandemie regelrecht weg. Dem Ölmarkt droht daraufhin im zweiten Quartal ein beispielloses Überangebot. Im zweiten Halbjahr dürften die Ölpreise wieder steigen. Denn das Ölangebot wird bei den niedrigen Preisen weniger stark zunehmen, während die Nachfrage nach dem Abebben des Coronavirus von den niedrigeren Preisen profitieren sollte. Wir rechnen mit einem Brent-Ölpreis von 50 US-Dollar je Barrel am Jahresende.

Grafik 1: Ölpreise stürzen auf niedrigstes Niveau seit Anfang des Jahrtausends

»Ein Unglück kommt selten allein.« Diese Redewendung beschreibt trefflich die gegenwärtige Situation am Ölmarkt. Die Ölpreise stürzten im März regelrecht ab. Brent-Öl fiel im Tief unter 25 US-Dollar je Barrel, WTI auf 20 US-Dollar. Dies bedeutet einen Rückgang um mehr als 50 Prozent seit Monatsbeginn. Niedriger notierte Brent zuletzt im Jahr 2003, WTI im Jahr 2002 (siehe Grafik 1). Auslöser war die Ankündigung Saudi-Arabiens, die Ölproduktion ab April auf ein Rekordniveau von 12,3 Millionen Barrel pro Tag zu erhöhen, wo sie auch im Mai verbleiben soll. Gleichzeitig senkte Saudi-Arabien die offiziellen Verkaufspreise für alle Abnehmer im April massiv. So wird Arab Light für Abnehmer in Asien mit einem Abschlag von 3,10 US-Dollar je Barrel gegenüber der Referenz Oman/Dubai angeboten. Gegenüber März bedeutet dies eine Senkung um 6 US-Dollar zusätzlich zum bereits niedrigeren Ölpreis. Abnehmer in Nordwest-Europa zahlen für ein Barrel Arab Light sogar gut 10 US-Dollar weniger als Brent und damit zusätzlich 8 US-Dollar weniger als im März (siehe Grafik 2). Für die Abnehmer dürfte also Öl aus Saudi-Arabien deutlich günstiger sein als am Höhepunkt des letzten Preiskampfs, den Saudi-Arabien im Herbst 2014 eröffnet und erst Ende 2016 mit einem neuen OPEC-Abkommen wieder beendet hatte.

Grafik 2: Saudi-Arabien senkt seine Verkaufspreise massiv

Preisdifferenz für Arab Light

Damit hat Saudi-Arabien einen neuen Preiskrieg um Marktanteile eröffnet. Hauptziel dieser Maßnahme dürfte diesmal jedoch nicht der US-Schieferölsektor, sondern Russland sein. Russland hatte sich beim »OPEC+«-Treffen Anfang März geweigert, die von der OPEC vorgeschlagenen zusätzlichen Produktionskürzungen um 1,5 Millionen Barrel pro Tag mitzutragen und damit die dreijährige Kooperation mit der OPEC faktisch aufgekündigt. Es war offensichtlich nicht mehr länger bereit, weitere Marktanteile an die US-Schieferölproduzenten zu verlieren. Russland könnte laut Angaben des Energieministers Alexander Nowak seine Produktion kurzfristig um 500.000 Barrel pro Tag erhöhen. Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen ihre Produktion ebenfalls ausweiten. Zusammen mit der Produktionsausweitung durch Saudi-Arabien könnten damit im April womöglich 4 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich an den Markt kommen. Falls sich die Ölproduktion in Libyen normalisiert, könnten nochmals bis zu 1 Million Barrel pro Tag zusätzlich an den Markt kommen. Die Ölförderung dort ist aufgrund von Blockaden von Öleinrichtungen und Häfen seit Mitte Januar nahezu zum Erliegen gekommen. Der größte afrikanische Ölproduzent Nigeria ist ebenfalls in den Preiskrieg eingestiegen und bietet sein Öl zu einem rekordhohen Abschlag gegenüber Brent an. Anders ist der Markt auch kaum mehr in der Lage, weiteres Öl aufzunehmen.

Denn gleichzeitig legt die Nachfrage wegen der Coronavirus-Pandemie eine Vollbremsung hin. Immer mehr Länder haben zur Eindämmung des Virus weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens verfügt, was sich in einem drastisch niedrigeren Ölbedarf niederschlagen dürfte. Zudem ist der internationale Flugverkehr nahezu zum Erliegen gekommen. Schon im ersten Quartal war der globale Ölmarkt laut Schätzung der Internationalen Energieagentur IEA trotz der bis dato noch bestehenden Produktionseinschränkung der OPEC+ mit ca. 3,5 Millionen Barrel pro Tag überversorgt. Grund hierfür ist bereits der durch das Coronavirus ausgelöste Nachfrageeinbruch in China und beim Flugverkehr. Im zweiten Quartal droht dem Ölmarkt ein noch nie da gewesenes Überangebot, insbesondere wenn die Produktionssteigerungen tatsächlich umgesetzt werden. Die IEA erwartet für das Gesamtjahr erstmals seit der großen Wirtschaftskrise 2009 einen Nachfragerückgang (siehe Grafik 3). Immer mehr Marktbeobachter prognostizieren wegen des weltweiten Herunterfahrens der wirtschaftlichen Aktivitäten zur Eindämmung der Pandemie sogar einen noch nie da gewesenen Nachfrageeinbruch. So rechnet das Beratungsunternehmen Rystad Energy mit einem Schrumpfen der globalen Ölnachfrage in diesem Jahr um fast 5 Millionen Barrel pro Tag. In ähnlicher Größenordnung bewegt sich auch die Prognose des weltgrößten Ölhändlers Vitol. Damit würde der Nachfrageeinbruch von 2009 bei Weitem übertroffen.

Grafik 3: Nachfrageprognosen wegen Coronakrise im freien Fall

Globale Ölnachfrage 2020, Veränderung gegenüber Vorjahr

Umso wichtiger wäre, dass die Ölproduzenten der schwächeren Nachfrageentwicklung Rechnung tragen und ihr Ölangebot entsprechend anpassen. Bei Saudi-Arabien und Russland sieht es bislang nicht danach aus, auch wenn US-Präsident Donald Trump ein Eingreifen in den Preiskrieg angekündigt hat. Im Gespräch ist dabei auch eine enge Kooperation zwischen den USA und Saudi-Arabien in Ölfragen. Bis dahin bleibt vorerst nur das Ölangebot außerhalb der OPEC, das wegen des niedrigen Preisniveaus ausgebremst wird und damit einen Beitrag zur Stabilisierung des Marktes leisten dürfte. Bislang rechnet die IEA für 2020 noch mit einem Zuwachs um gut 2 Millionen Barrel pro Tag. Dieser dürfte nun deutlich geringer ausfallen. Insbesondere die Erwartungen für die US-Ölproduktion dürften spürbar zurückgeschraubt werden. Viele US-Frackingfirmen standen angesichts hoher Schulden und Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung bereits vor dem jüngsten Preiseinbruch mit dem Rücken zur Wand. Die Bohraktivität ging über einen Zeitraum von einem Jahr kontinuierlich zurück und erreichte Mitte Januar das niedrigste Niveau seit fast drei Jahren, wo sie seither stagnierte. Die Schieferölproduktion stieg zuletzt nur noch in einem Vorkommen (Permian Basin). In allen anderen war sie dagegen bereits rückläufig. Das ohnehin schon schwierige Umfeld für die Frackingfirmen hat sich mit dem Absturz des WTI-Preises in den tiefen 20er-Bereich nochmals massiv verschlechtert. Dies dürfte sich in den kommenden Monaten in geringeren Investitionen, weniger Bohrungen und einer fallenden Produktion niederschlagen. Die US-Energiebehörde EIA trägt dem in ihren aktuellen Prognosen bereits Rechnung. So soll die US-Rohölproduktion im April ihren Hochpunkt erreichen und danach sinken (siehe Grafik 4). Das Produktionsniveau Ende 2020 soll ca. 500.000 Barrel pro Tag niedriger liegen als bislang erwartet. Im nächsten Jahr soll sich der Produktionsrückgang fortsetzen. Auch mehrere größere Ölunternehmen haben bereits deutliche Kürzungen ihrer Investitionsbudgets bekannt gegeben. Angesichts dessen und des inzwischen erreichten sehr niedrigen Preisniveaus sind weitere Abwärtsrevisionen bei der Produktion zu erwarten. Auch in Kanada dürfte es bei einem Preis von nur noch 10 US-Dollar je Barrel für Western Canada Select neuerliche Einschnitte bei der Ölproduktion geben, weil der Abbau von Ölsanden bei diesem Preisniveau nicht mehr kostendeckend ist. Auch die Anordnung von Produktionseinschränkungen durch die Provinzregierung von Alberta ist vorstellbar, wie dies bereits Ende 2018 der Fall war. Ähnliches forderten zuletzt auch einige US-Ölunternehmen von der für die Regulierung der Ölproduktion in Texas verantwortlichen Eisenbahnbehörde.

Grafik 4: US-Ölproduktion niedriger als bislang erwartet

Wie geht es mit den Ölpreisen weiter? Es kommt stark darauf an, ob Saudi-Arabien und Russland ihren Worten wirklich Taten folgen lassen und den Ölhahn trotz einer fallenden Nachfrage aufdrehen. In diesem Fall dürfte sich der Preisrückgang fortsetzen. Ansonsten ist eine längere Phase der Bodenbildung mit stärkeren Preisausschlägen in beide Richtungen zu erwarten. Das deutliche Überangebot und die durch das Coronavirus geschwächte Nachfrage dürften einer Preiserholung bis zur Jahresmitte entgegenstehen. Möglicherweise zwingt das niedrige Preisniveau die OPEC-Länder und Russland nach einiger Zeit zurück an den Verhandlungstisch. Das niedrige Preisniveau dürfte helfen, die Ölnachfrage anzuschieben, sobald die nachfragebelastenden Auswirkungen durch das Coronavirus nachlassen. Damit rechnen wir im zweiten Halbjahr. Außerdem dürfte China seine Vorratskäufe für die strategischen Reserven massiv steigern. Damit käme das Land auch seinen Verpflichtungen aus dem Phase-1-Handelsabkommen mit den USA nach, das stärkere Käufe von US-Rohöl vorsieht. Das dürfte den Ölpreisen Unterstützungsimpulse liefern und die Stimmung am Markt wieder verbessern. Das Jahr 2016 könnte hier als Blaupause dienen. Damals legten die Ölpreise nach dem Absturz auf 30 US-Dollar im Januar bis zum Jahresende auf 55 US-Dollar zu. Allerdings brach damals die Nachfrage nicht derart weg und es gab zudem Spekulationen auf Produktionskürzungen der OPEC und Russlands. Von daher dürfte der Preisanstieg diesmal nicht so stark ausfallen. Wir erwarten einen Brent-Ölpreis von 50 US-Dollar je Barrel und einen WTI-Preis von 47 US-Dollar je Barrel am Jahresende. Der Preis für Diesel dürfte dann wieder bei 500 US-Dollar je Tonne liegen. Der Dieselpreis ist im Zuge der Coronavirus-Krise zwischenzeitlich noch stärker gefallen als der Rohölpreis, da die Dieselnachfrage vom Virusausbruch besonders stark getroffen wurde (siehe Grafik 5). Zuletzt hat sich die Dieselmarge aber wieder normalisiert. Sollten die pessimistischen Prognosen eintreten und das Coronavirus die Nachfrage für längere Zeit erheblich bremsen, würde der Ölpreis auch im zweiten Halbjahr niedrig bleiben, weil der Ölmarkt überversorgt bliebe. Dann würde aber auch der Druck auf Saudi-Arabien und Russland steigen, sich doch noch auf marktstabilisierende Maßnahmen zu einigen. Zudem wäre dann mit einem noch stärkeren Rückgang der Ölproduktion in den USA sowie zusätzlichen Produktionseinschnitten in anderen Ländern wie Kanada oder Brasilien zu rechnen.

Grafik 5: Dieselpreis wegen Coronavirus besonders stark gefallen