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Vorsicht beim digitalen EZB-Euro

Die EZB und andere Zentralbanken machen sich zu Recht Gedanken darüber, digitale Alternativen zu ihren physischen Münzen und Geldscheinen zu entwickeln. Ich habe fünf Bedingungen entwickeln, damit digitales Zentralbankgeld in der Praxis funktioniert. Denn ohne Risiken ist es nicht.

Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) diskutieren über das Für und Wider, eine digitale Alternative zu ihren physischen Münzen und Geldscheinen herauszugeben. Das können digitale Euro auf Speichermedien wie Geldkarten oder Mobiltelefone sein, die die Funktion einer Geldbörse übernähmen. Denkbar wäre auch, dass die Bürger Guthaben direkt auf Konten bei der EZB halten. Mit solchen digitalen Varianten des Euro könnte die EZB darauf reagieren, dass Bargeld von Teilen der Bevölkerung zunehmend als unbequem empfunden und durch Banküberweisungen zurückgedrängt wird.

Auf dem Zentralbankgeld basiert ...
Die meisten Menschen dürften darin kein Problem sehen. Aber viele übersehen, dass das Bargeld der EZB etwas anderes ist als die Guthaben auf ihren Bankkonten. Münzen und Geldscheine der EZB – ob physisch oder vielleicht auch bald digital – sind das einzige gesetzliche Zahlungsmittel, sie müssen von allen Gläubigern angenommen werden. Dieses Geld kann der EZB nie ausgehen, weil sie das alleinige Recht hat, es herauszugeben. Insofern ist Zentralbankgeld sicher, es ist das eigentliche Geld.

... die Glaubwürdigkeit des Geschäftsbankengelds
Dagegen handelt es sich bei Bankguthaben, mit denen immer mehr Zahlungen per Überweisung abgewickelt werden, um Geschäftsbankengeld. Letztlich ist es nur deshalb mit Bargeld vergleichbar, weil Bankkunden verlangen können, sich ihre Guthaben komplett in bar, also in Form von Zentralbankgeld, auszahlen zu lassen. Darauf basiert die Glaubwürdigkeit des Geschäftsbankengelds.

Digitales Zentralbankgeld nur bei strengen Auflagen
Wenn aber irgendwann Bargeld – wie von der schwedischen Zentralbank befürchtet – aus dem Geschäftsleben verschwände, fehlte dem Geschäftsbankengeld dieser Vertrauensanker. Deshalb sollte die EZB über eine digitale Alternative zum Bargeld nachdenken. Aber falsch ausgestaltet könnte ein digitaler Euro zu neuen Risiken führen. Er sollte nur eingeführt werden, wenn folgende fünf Bedingungen erfüllt sind:

  • Erstens sollte digitales Zentralbankgeld das physische nicht vollständig ersetzen, sondern nur ergänzen. Die Bürger und nicht die Zentralbanken sollen entscheiden, womit sie bevorzugt zahlen.
  • Zweitens sollte digitales Zentralbankgeld wie Bargeld zinslos sein: Gegenwärtig verhindert Bargeld, dass die Zentralbanken die Marktzinsen massiv in den negativen Bereich drücken können. Denn setzten sie den Leitzins beispielsweise auf –2 Prozent, wäre es für Anleger günstiger, auf zinsloses Bargeld auszuweichen – trotz Lager- und Versicherungskosten. Bargeld hindert also die Zentralbank daran, in der Realwirtschaft tiefe negative Zinsen durchzusetzen. Das würde sich ändern, wenn digitales Zentralbankgeld das physische vollständig ersetzte und mit einem negativen Leitzins verzinst würde – mit all den Folgen wie dem Anfachen der Immobilienpreise. Ich bin deshalb gegen den Vorschlag angelsächsischer Volkswirte, digitales Zentralbankgeld mit einem (möglicherweise negativen) Leitzins zu verzinsen.
  • Drittens darf die Zentralbank nicht die Kreditvergabe verzerren: Wenn ein Bürger sein Giroguthaben in digitales Zentralbankgeld umtauschen will, muss ihm seine Bank Zentralbankgeld in entsprechender Höhe auf sein Konto bei der Zentralbank überweisen. Dagegen wird durch das Ausbuchen der Giroguthaben kaum Zentralbankgeld frei, weil solche Bankguthaben nur mit wenig Zentralbankgeld unterlegt sind. Diese Finanzierungslücke müsste die Zentralbank schließen. Das sollte sie jedoch nur in der Form tun, dass sie den Banken das benötigte zusätzliche Zentralbankgeld gegen Sicherheiten leiht. Dagegen sollte sie Zentralbankgeld nicht dadurch bereitstellen, dass sie ihnen Unternehmens- oder Staatsanleihen abkauft. Die Zentralbank würde dann nämlich indirekt einzelne Unternehmen oder den Staat finanzieren, sie gegenüber anderen Kapitalnachfragern bevorzugen und so die Anlage der volkswirtschaftlichen Ersparnisse verzerren.
  • Viertens braucht es Vorkehrungen gegen Bank-Runs, weil Anleger ihre Giroguthaben bei echten oder vermeintlichen Krisen per Mausklick oder Wischbewegung in sicheres Zentralbankgeld tauschen und das Bankensystem so viel schneller destabilisieren könnten als im Fall des trägeren Bargelds. Zwar steht die Zentralbank grundsätzlich bereit, solventen Banken ausreichend Zentralbankgeld zur Verfügung zu stellen. Aber Schnelligkeit und Umfang eines digitalen Bank-Runs könnten die Zentralbank operativ überfordern. Um diesen Risiken zu begegnen, sollten die Bürger nur so viel Geld kostenlos in digitale Euro umtauschen dürfen, wie sie für ihre laufenden Zahlungen benötigen. Für Bankguthaben, die dagegen der reinen Geldanlage dienen, sollte die EZB Tauschgebühren erlassen. Dabei sollte sie sich an den Kosten orientieren, die beim Transport, Lagern und Versichern großer Bargeldmengen anfallen.
  • Fünftens müsste für die Einführung digitalen Zentralbankgelds möglicherweise EU-Recht geändert werden. Das dürfen die weniger stabilitätsorientierten Mitgliedsländer aber nicht zum Anlass nehmen, die EZB noch mehr für die Staatsfinanzierung einzuspannen.

Im Zweifel sollte sich Deutschland querstellen
Wenn die fünf genannten Forderungen in der Währungsunion politisch nicht durchsetzbar wären, überwögen die Risiken die Chancen eines digitalen Euro. Die Bundesregierung und die Bundesbank sollten sich dann querstellen. Schließlich besteht beim digitalen Euro kein Zeitdruck. In den meisten Ländern ist Bargeld noch beliebt.