Interview

Handeln in Zeiten des Corona-Crashs

Interview mit Lars Brandau, Geschäftsführer des Deutschen Derivate Verbands

Herr Brandau, für die meisten Anleger werden die vergangenen Wochen der reinste Albtraum gewesen sein. Wie bewerten Sie die Geschehnisse?
Lars Brandau:
In den zurückliegenden Wochen gab es so gut wie keine Gewinner unter den Anlegern von Finanzprodukten. Beim Börsencrash fallen die Kurse viel zu schnell und Anleger, die konservativ in ihren Sparplänen investiert sind, können nur schmerzhaft zuschauen, wie das angesparte Vermögen einen herben Rückschlag erleidet. Sowohl eine Abrechnung als auch gut gemeinte Ratschläge erscheinen im Nachhinein immer unangebracht.

Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?
Schneller ging es niemals zuvor derart abwärts: Lediglich vier Wochen brauchte der DAX, um von einem neuen 50-Tages-Hoch um& 40 Prozent abzustürzen. Dieser Ausverkauf sucht seinesgleichen.

Natürlich ist man hinterher immer schlauer, aber gibt es etwas, was Anleger für die Zukunft mitnehmen können?
Es in jedem Fall vernünftig, sich als Anleger aktiv Gedanken darüber zu machen, was individuell aus den Geschehnissen gelernt werden kann und wie man sich in seiner eigenen Chance-Risiko-Orientierung aufstellt. Also eine gute Gelegenheit, das Gespräch mit seinem Anlageberater oder Vermögensverwalter zu suchen, oder eben als erfahrener Selbstentscheider eigene Schlüsse zu ziehen.

Und gerade hier zeigt sich, dass der breit diversifizierte Einsatz verschiedener Finanzinstrumente sicher hilfreich sein kann, um seine Risiken besser zu allokieren. In Bezug auf alte Börsenweisheiten könnte man sagen, dass der Griff ins fallende Messer sicher schmerzhaft ist. Die Positionen im Depot gegebenenfalls zu hedgen, also gegen Verluste abzusichern, ist in den meisten Fällen sicher sinvoller.

Viele stehen strukturierten Wertpapieren skeptisch gegenüber. Dabei können sie doch gerade in Zeiten fallender Kurse auch als Absicherungsinstrument genutzt werden.
Mittlerweile haben zahlreiche deutsche Anleger strukturierte Wertpapiere in ihrem Depot. Und in der Tat nutzt die Mehrheit der Hebelprodukteanleger sie, um sich gegen allzu große Kursverluste zu schützen. Dies geht aus einer Studie hervor, die die WHU – Otto Beisheim School of Management erstellt hat. Das Vorurteil, diese Instrumente seien nur etwas für Spekulanten, wird darin eindrucksvoll widerlegt. (Siehe Kasten rechts, Anm. d. Redaktion.)

Eines jedoch erscheint im Umfeld der heftigen Kursverluste der zurückliegenden Wochen unsinnig: nämlich die Gesetzesänderung zur künftigen Besteuerung von Kapitalanlagen, die teilweise bereits seit Januar gilt, teilweise erst ab dem kommenden Jahr in Kraft tritt.

Können Sie kurz beschreiben, worum es bei dieser Gesetzesänderung genau geht?
Kernpunkt ist die begrenzte Verlustverrechnung bei Termingeschäften. Anleger können dann Verluste nur noch bis maximal 10.000 Euro innerhalb eines Jahres mit Gewinnen aus derselben Produktgattung verrechnen. Und zwar erst mit der Abgabe der Jahressteuererklärung. Eine unterjährige Anrechenbarkeit von Verlusten soll ab dem kommenden Jahr nicht mehr möglich sein.

Der DDV hat bereits verfassungsrechtliche Bedenken geäußert und spricht sich entschieden gegen diese steuerliche Ungleichheit aus. Steuerexperten gehen davon aus, dass die geplante neue Gesetzesfassung einer gerichtlichen Prüfung nicht standhält, weil derjenige besteuert wird, der Verluste macht. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), die davon überzeugt ist, dass das Gesetz verfassungswidrig ist, will Klagen ihrer Mitglieder unterstützen. Zunächst jedoch finden seitens des DDV, der DSW und anderen Verbänden Gespräche mit dem Finanzministerium sowie den Koalitionsfraktionen statt. Lehnt Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) eine Korrektur ab, dürfte es im nächsten Schritt zu Musterklagen vor den Finanzgerichten kommen.

Sie als Derivateverband intervenieren also schon. Gibt es auch etwas, was Anleger tun können?
Anleger selbst können sich gegen die geplante Regelung wehren, indem sie sich einer Petition gegen die steuerliche Benachteiligung privater Anleger anschließen. Bislang haben sich bei einem halben Dutzend Petitionen mehr als 50.000 Unterstützer gefunden. Unabhängig davon haben Anleger auch immer die Möglichkeit, ihre jeweiligen Wahlkreisabgeordneten anzuschreiben und sie auf die steuerliche Problematik hinzuweisen.

Vielen Dank für das Gespräch.