Interview

Interview mit Dragan Radanovic, Geschäftsführer der Börse Stuttgart

Wir müssen Menschen ermutigen, den ersten Schritt zu machen

ideas: Herr Radanovic, der Januar 2020 war der umsatzstärkste Monat seit fast fünf Jahren an der Börse Stuttgart. Ein Großteil des Umsatzes entfiel dabei auf verbriefte Derivate. Worauf beruht dieser Anstieg?
Dragan Radanovic: Zu Jahresbeginn ist häufig intensiver Handel zu beobachten, weil viele Anleger sich positionieren. Anfang dieses Jahres hat zusätzlich die Nachrichtenlage mit Iran-Krise und Coronavirus für Nervosität an den Märkten gesorgt. Kurzfristig orientierte Anleger wollten in diesem Umfeld auf die Schwankungen eingehen und ihre Chancen nutzen. Entsprechend stieg unser Umsatz mit derivativen Hebelprodukten im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast 50 Prozent.

Stark zugelegt hat auch der Handel mit Exchange Traded Products (ETPs): Hier haben wir im Januar mit rund 1,8 Milliarden Euro sogar einen neuen Umsatzrekord erzielt. Immer mehr Privatanleger handeln ETFs in Stuttgart, weil sie bei uns während der gesamten Handelszeit von 8.00 bis 22.00 Uhr beste Preise vorfinden.

Sehen Sie ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass es auf absehbare Zeit wirklich keine Zinsen mehr gibt und es höchste Zeit für Alternativen zu Sparbuch & Co. ist?
Viele Menschen erkennen mittlerweile, dass für den Vermögensaufbau im Niedrigzinsumfeld kein Weg an Wertpapieren vorbeiführt. Wenn immer mehr Banken Strafzinsen verlangen, könnte das auch zu einem Umdenken beitragen. Aber Deutschland hat leider noch keine ausgeprägte Wertpapierkultur. Hier ist die Politik ebenso gefragt wie Banken und Börsen: Wir alle müssen Menschen ermutigen, den ersten Schritt zu machen und eigene Erfahrungen mit Wertpapieren zu sammeln.

Als führende Wertpapierbörse für Privatanleger haben Sie auch einen Auftrag zur Aufklärung und Bildung in Sachen Geldanlage. Wie setzen Sie ihn um?
Wir führen mit Anlegern einen Dialog auf Augenhöhe – ob bei Seminaren, über unsere kostenfreie Kundenhotline, in Frage-Antwort-Formaten auf unserem YouTube-Kanal oder auf der jährlichen Finanzmesse Invest im April in Stuttgart. Wir wollen Menschen dabei unterstützen, ihr Finanzwissen zu erweitern und ihre Geldanlage in die eigenen Hände zu nehmen. Das Interesse am Austausch ist da: Unser kostenfreier Anlegerclub hat mittlerweile rund 30.000 Mitglieder.

Welche Vorteile sind mit einer Anmeldung im Anlegerclub verbunden?
Der Anlegerclub der Börse Stuttgart bietet online ein breites Spektrum an Informationsquellen, das von aktuellen Marktberichten bis zu kostenfreien Magazinen zu Anlagethemen reicht. Live-Webinare und Seminare vermitteln fundiertes Börsenwissen, sowohl für Einsteiger als auch für Fortgeschrittene. Hinzu kommen Vorteilsangebote für Mitglieder, etwa Vergünstigungen für Workshops, Vorträge und andere Events.

Ende vergangenen Jahres wurde der Trading Desk der Börse Stuttgart unter trading.boerse-stuttgart.de überarbeitet. Welche Tools stehen tradingaffinen Anlegern dort zur Verfügung?
In unserem Trading Desk ermöglichen Daten zu Wertpapieren, Indizes, Rohstoffen und Währungen einen umfassenden Marktüberblick. Registrierte Anleger können selbst Listen zusammenstellen und individuell gliedern – etwa nach Kennzahlen oder technischen Indikatoren. Für die Analyse einzelner Papiere lassen sich Charts definieren und als Vorlage speichern. Eingezeichnete Trendlinien werden auf Wunsch automatisch fortgeschrieben, und auch die automatische Erkennung von Chartmustern ist eine Funktion des Trading Desks.

Im Januar 2019 hat die Gruppe Börse Stuttgart die BISON-App gelauncht, die den Handel mit Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum oder Ripple ermöglicht. Wie ist die Idee seinerzeit entstanden und wie ist Ihr Fazit gut ein Jahr nach Markteinführung?
Wir wollen für Privatanleger Zugang zu interessanten Produkten und Anlageformen schaffen. Der Ansatz von BISON ist, den Handel mit Kryptowährungen so einfach wie möglich zu machen und technische Hürden konsequent abzubauen. Das stößt auf große Resonanz: Momentan sind rund 86.000 Nutzer bei BISON aktiv. Als nächste neue Features stehen eine Desktop-Version und die Einführung von Bitcoin Cash als weiterer handelbarer Kryptowährung auf der Agenda.

Die Börse Stuttgart ist für ihre Innovationen bekannt. Worauf können sich Anleger in nächster Zeit freuen?
Wir haben ein Ohr am Markt und arbeiten ständig daran, unser Angebot als Qualitätsbörse noch attraktiver zu machen. Stichwort beste Preise: Seit kurzem bietet die Börse Stuttgart spreadlosen Handel für ausgewählte ETPs. Bei 41 ETFs auf die Indizes DAX, EURO STOXX 50 und MSCI World sowie einem Gold-ETC sind die Kauf- und Verkaufspreise identisch. Anleger profitieren bei ihrer Order vom kompletten Wegfall der im Spread enthaltenen impliziten Kosten und erhöhen so die Performance ihres Investments.

Im Aktienhandel an der Börse Stuttgart entfällt zum 1. März 2020 das fixe Transaktionsentgelt. Mit der Entgeltanpassung werden nahezu alle Aktienorders bei uns günstiger. Besonders hoch ist die Ersparnis bei kleineren Orders: Bei einer 5.000-Euro-Order in DAX-Werten beträgt sie mehr als 47 Prozent. Anleger profitieren von der Streichung des fixen Transaktionsentgelts, da Depotbanken Börsenentgelte in der Regel als Fremdspesen weitergeben. Dabei ändert sich nichts an unserer hohen Preisqualität im Aktienhandel, auch in Nebenwerten und in den Nebenhandelszeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.