Interview

Interview mit Prof. Dr. Timo Busch, Chair of Management and Sustainability an der Universität Hamburg

Zeit zum Gegensteuern notwendig

ideas: Herr Prof. Dr. Busch, Sie sind Chair of Management and Sustainability an der Universität Hamburg und forschen unter anderem zu Nachhaltigkeit in Industrieunternehmen. Das Thema Nachhaltigkeit ist durch die Fridays-for-Future-Bewegung in den vergangenen Monaten deutlicher in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Merken Sie diesbezüglich auch eine Veränderung in der Einstellung großer Unternehmen?
Prof. Dr. Timo Busch: Natürlich. Nachhaltigkeit ist zwar schon lange ein wichtiges Schlagwort in der Wirtschaft. Schauen Sie mal, es gibt kein DAX-Unternehmen, das nicht prominent auf seinen Internetseiten das Thema adressiert. Allerdings muss man sich bei einer kritischen Würdigung dann hier und da fragen, wie ernst nehmen die Unternehmen das Thema denn nun wirklich? Ich würde attestieren: Durch die Fridays-for-Future-Bewegung hat das Thema Klimawandel deutlich an Relevanz für Unternehmen gewonnen. Kein Manager möchte der Jugend als zukünftige Konsumenten – bzw. in manchen Fällen sicherlich auch schon derzeitige Konsumenten – auf den Kopf zusagen: Eure Belange interessieren uns nicht. Als Resultat sehen wir beispielsweise viele Bekenntnisse hin zur Klimaneutralität oder die Verpflichtung zur Nutzung von »Science-based Targets«. Hinweisen möchte ich aber darauf, dass Klimawandel nicht gleich Nachhaltigkeit ist. Das Nachhaltigkeitsthema hat viele Facetten und ist noch viel komplexer. Daher existieren noch viele weitere Bereiche, in denen Unternehmen Verantwortung haben und diese genauso ernst übernehmen sollten.

Ist »Fridays-for-Future« nur ein momentaner Hype oder denken Sie, dass es wirklich dauerhaft zu einem Umdenken bei den Menschen kommt?
Gute Frage. Waldsterben oder Ozonloch waren eher temporäre Hypes. Dies liegt sicher auch daran, dass die Menschheit Lösungen gefunden und genutzt hat. Beim Klimawandel existieren auch technologische Lösungen, deren Umsetzung ist aber bei Weitem nicht so einfach. Ein Hauptgrund dafür sehe ich darin, dass sie jeden betreffen und mitunter wehtun (Kosten für Benzin) oder nicht erwünscht sind (wohnortnahe Windräder). Ich glaube aber, je mehr Menschen merken, dass der Klimawandel wirklich stattfindet, desto mehr werden auch die Notwendigkeit zum Handeln erkennen. Meine Hoffnung ist, dass dies rechtzeitig genug geschieht, wir also noch Zeit zum Gegensteuern haben. Somit wäre das Thema Klimawandel tatsächlich nur ein momentaner Hype, weil das Problem dann auch gelöst wäre.

Gerade in den Emerging Markets spielt das Thema Nachhaltigkeit bisher oft keine große Rolle. Ökologisches Verhalten kostet Geld. Wie groß ist der Einfluss von Ländern wie Deutschland wirklich, den sie durch vorbildliches Verhalten nehmen können?
Zunächst mal würde ich die Aussage nicht grundsätzlich unterschreiben, dass Umweltschutz Geld kostet. Im Gegenteil, Geld kann vor allem in zweierlei Hinsicht eingespart werden: zum einen durch einen effizienteren Einsatz von Ressourcen und zum anderen durch das Vermeiden von Umstellungsinvestitionen für umweltfreundlichere Verfahren und Technologien zu einem späteren Zeitpunkt. Aber ja, ich sehe Ihren Punkt, in Emerging Markets scheint das derzeit weniger von Interesse zu sein. Den direkten Einfluss von Deutschland in diesem Kontext erachte ich als eher gering. Durch entsprechende Entwicklungsprogramme wird beispielsweise relativ wenig bewegt. Indirekt kann Deutschland aber eine sehr große Rolle spielen, indem wir aufzeigen, wie eine kohlenstoffarme, ressourceneffiziente und wettbewerbsfähige Wirtschaft gestaltet werden kann. Das Ziel muss doch sein, dass dort nicht dieselben Fehler gemacht werden und dann nachadjustiert werden muss.

Was halten Sie vom Klimapaket der Bundesregierung? Nur ein Tropfen auf den heißen Stein oder ein Schritt in die richtige Richtung?
Das ist ein politischer Prozess, der entsprechende Kompromisse eingehen und Befindlichkeiten berücksichtigen muss. Daher klar ein Schritt in die richtige Richtung. Der Anfang ist gemacht, jetzt kommt es auf die nächsten Schritte an. Ich bin Mitglied im Lenkungskreis zur Wissenschaftsplattform Klimaschutz, der die Bundesregierung aktiv in dieser Hinsicht berät.

Auch in den Depots wird das Thema Nachhaltigkeit immer mehr zum Trend. Allerdings ist eines der größten Vorurteile über nachhaltige Investments, dass sie niedrigere Renditen erwirtschaften. Aber sind nachhaltige Unternehmen nach Ihrer Erfahrung wirklich weniger erfolgreich?
Beides ist möglich. Als Wissenschaftler frage ich mich: Kann man das irgendwie verallgemeinern? Dazu haben wir mehr als 2.000 akademische Studien, die dieser Frage nachgehen, ausgewertet. Die Antwort ist eindeutig: Nur weniger als 10 Prozent aller Studien kommt zu dem Fazit, dass Nachhaltigkeit zu Renditeverzicht führt.

Viele Anleger stehen vor der Frage: Ich möchte gerne in ein nachhaltiges Unternehmen investieren, aber anhand welcher Kriterien finde ich das richtige? Gibt es eine Hilfestellung, wie man ein nachhaltiges und gleichzeitig profitables Unternehmen erkennen kann?
Dies ist eine der größten derzeitigen Herausforderungen. Ähnlich wie in der Realwirtschaft hat sich das Thema Nachhaltigkeit inzwischen auch in der Finanzwirtschaft etabliert. Lange war das Motto: Raus aus der Nische, rein in den Mainstream. Ich denke, das haben wir nun erreicht. Viele Anbieter haben ESG-Produkte in ihrem Angebot. Als Anleger frage ich mich allerdings: Sind die Produkte nun alle gleich gut im Sinne der Nachhaltigkeit? Wo liegen die Unterschiede? Welche Produkte haben einen wirklichen »Impact«? Um hier mehr Transparenz zu schaffen, sind alle relevanten Akteure gefordert: ESG-Ratingagenturen, Asset-Manager, Kundenberater, die Wissenschaft. Eine gute, erste Hilfestellung in dem Sinne bieten Nachhaltigkeitslabels für Investmentprodukte. Die EU hat hier ja große Pläne. Es gibt aber auch schon sehr gute Ansätze wie das Label des FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Inwiefern haben Sie in den vergangenen Jahren Ihr Verhalten in Richtung Nachhaltigkeit verändert bzw. angepasst?
Ich bin kein fundamentalistischer Öko. Ich fliege, habe ein Auto und liebe es zu grillen. Dennoch habe ich mir angewöhnt, mein Verhalten im Alltag kritisch zu hinterfragen. Vieles muss nicht ständig neu gekauft werden und oft ist weniger mehr.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.