Interview

Interview mit Mario Lochner, Redakteur für Focus-Money und Moderator für den YouTube-Kanal »Mission Money« (powered by Focus-Money)

Wir sind kritisch, blicken aber optimistisch in die Zukunft

ideas: Herr Lochner, Sie arbeiten als Redakteur für Focus-Money und stehen für den YouTube-Kanal »Mission Money« (powered by Focus-Money) als Moderator vor der Kamera. Sie bloggen auch privat als Mister Mario über Geld und Motivation. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie sich beruflich und privat damit beschäftigen möchten?
Mario Lochner: Fasziniert hat mich Geld schon immer. Meine erste Aktie kaufte ich mit 16 Jahren (Allianz). Doch ein Schlüsselmoment war im August 2007, der Beginn der Finanzkrise. Damals arbeitete ich als Praktikant bei einer Bank und erlebte, wie nervös die Händler über die Gänge rannten. Man raunte sich zu, dass es so schlimm sei wie nie zuvor. Es wirkte wie ein Krimi auf mich – nur in real. Ich wollte die Psychologie dieses Spiels und die Hintergründe verstehen. Als Finanzjournalist kann ich heute zwei Dinge vereinen, die mich am meisten motivieren: spannende Geschichten erzählen und mehr aus meinem Geld machen.

Sie haben inzwischen über 108.000 Abonnenten bei »Mission Money«. Hier haben Sie schon unter anderem Max Otte, Dirk Müller, Thomas Middelhoff und Sahra Wagenknecht interviewt. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Interviewpartner aus und wer kam bisher am besten bei den Zuschauern an?
Meine Mission-Money-Kollegen Peter Bloed, Matthias Dworak und ich achten auf Kompetenz und Relevanz. Wir wollen Experten, die etwas zu sagen haben. Wir wollen unseren Zuschauern dabei Vielfalt bieten. Wir lassen Pessimisten genauso zu Wort kommen wie Optimisten, ETF-Fans genauso wie Fondsmanager. Unser erfolgreichstes Video haben wir bislang mit dem Volkswirt Dr. Markus Krall aufgezeichnet (850.000 Aufrufe).

Können Sie sich noch an Ihr erstes Video erinnern?
An das erste Video im Jahr 2016 kann ich mich noch genau erinnern: Wir versuchten damals, einen ETF-Sparplan zu erklären. Aber wir wussten nicht, wie wir anfangen sollen. Wir mussten den Einsteigern ja noch nebenher beibringen, was eine Aktie überhaupt ist und der DAX und ein ETF und der Cost-Average-Effekt. Wir haben das Video bestimmt fünfmal gedreht, bis es endlich fertig war.

Als Finanz-YouTuber bringen Sie Ihren Followern das Thema Geldanlage näher, was eine Verantwortung mit sich bringt. Hierbei ist eine gewisse Neutralität unabdingbar. In den sozialen Medien wie YouTube ist aber oft das Gegenteil gefragt, um Aufmerksamkeit und Klicks zu generieren. Wie bekommen Sie diesen Spagat hin?
Wir schaffen es durch die Vielfalt auf unserem Kanal. Wir sind kritisch, blicken aber optimistisch in die Zukunft. Es empfiehlt sich der Weg des Zweiflers, also der Weg der Mitte. Es ist eben unsere Aufgabe als Journalisten, die Dinge einzuordnen und die richtigen Fragen zu stellen. Jeder soll sich seine eigene Meinung bilden. Wir können nur Impulse dafür liefern.

Sie hatten unter anderem auch einen Frugalisten zu Gast. Das Ziel von Frugalisten ist es, durch eine extrem sparsame Lebensweise möglichst schnell zu einer kompletten finanziellen Unabhängigkeit zu kommen. Wie stehen Sie zu dieser, nennen wir es einmal »Lebensplanung«?
Jeder muss seine Balance zwischen Investieren und Konsumieren finden. Gefühl sollte an der Börse eigentlich keine Rolle spielen, aber trotzdem muss die Strategie zur Persönlichkeit passen. Bei unserem Gast hatte ich das Gefühl, dass der Frugalismus zu ihm passt und er glücklich damit ist. Ich finde es sehr wichtig, die Kosten im Griff zu haben, und bin eher sparsam, aber mir wäre diese »Lebensplanung« zu extrem.

Mit welcher Vorgehensweise wählen Sie neue Investments aus?
Bevor ich eine Aktie kaufe oder verkaufe, lasse ich mir Zeit und spiele mehrere Szenarien durch. Ich bin sozusagen mein eigener Advocatus Diaboli. Man sollte sich immer die Frage stellen: Warum? Warum soll die Aktie steigen? Aber auch: Warum könnte die Firma pleitegehen? Im Zweifel Nein zu sagen, empfinde ich als wichtige Qualität eines Investors. Ich will auf keinen Fall zu viele Aktien in meinem Depot haben. 100 Aktien bieten nur eine Scheinsicherheit, dann lieber gleich einen ETF.

Im Format »Roast my Depot« analysieren Sie Depots Ihrer Follower. Wie oft »roasten« Sie Ihr eigenes Depot?
Als Anfänger habe ich die Kurse alle fünf Minuten kontrolliert, aber das habe ich mir schon lange abgewöhnt. Der Mathematiker Blaise Pascal hat es auf den Punkt gebracht: »Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können.« Wir unterliegen gerne einem Action Bias – wir glauben also, dass wir erfolgreicher sind, wenn wir handeln – aber das ist oft eine Illusion. Bei der Recherche stoße ich ständig auf neue Aktien und Strategien. Aber ich fühle mich wohl mit meiner Strategie und es reicht mir, das Depot einmal pro Jahr grundlegend zu überprüfen. Wenn sich allerdings die Fakten ändern, kann sich auch meine Meinung ändern. Ich versuche, mein Ego aus dem Spiel zu lassen und habe kein Problem damit, mir mal einen Fehler einzugestehen. Aber die meisten Investments betrachte ich langfristig und dabei setze ich auf Automatisierung. Es geht nicht darum, wer das »beste« Depot hat oder wer recht hat. Das lässt sich zwar theoretisch an der Rendite messen, aber jeder hat andere Ziele und einen anderen Zeithorizont. Wie soll man das Depot von einem 20-Jährigen objektiv mit dem von einem 80-Jährigen vergleichen?

In Zeiten der Nullzinspolitik ist es für die meisten unerlässlich – gerade für die private Altersvorsorge – sich am Kapitalmarkt zu engagieren. Dem steht eine große Skepsis vieler Bürger gegenüber. Was entgegnen Sie denjenigen, die aus Angst vor Aktienkursverlusten lieber das Risiko eingehen, dass das Ersparte von der Inflation »aufgefressen« wird?
Ein Vorschlag: Sie geben mir 100 Euro und kriegen in einem Jahr 98 Euro wieder. Klingt nach einem schlechten Deal, oder? Genau das macht aber jeder, der sein Geld auf dem Sparbuch versauern lässt. Unser Gehirn schätzt Risiken leider sehr oft falsch ein. Bei der »Mission Money« glauben wir, dass Aktien langfristig eine vernünftige Geldanlage sind und jeder sich selbst um sein Geld kümmern sollte. Wer mit Plan investiert und sein Vermögen breit streut, sollte langfristig gut abschneiden.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.