Interview

Interview mit Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG

»Whatever-it-takes«-Politik geht in die Verlängerung

ideas: Herr Halver, vor ziemlich genau einem Jahr befand sich der DAX quasi im freien Fall, der pünktlich zum Jahreswechsel ein Ende fand. Im Jahr 2019 konnte der Deutsche Aktienindex wieder deutlich an Boden gut machen, obwohl sich die weltpolitische Lage kaum von der vom vorigen Jahr unterscheidet. Woher kam dieses Jahr Ihrer Meinung nach die gute Stimmung, die dem DAX ein Plus von 25 Prozent bescherte?

Robert Halver: Im transpazifischen Handelskrieg sind endlich Friedenstauben aufgestiegen. Die so geschaffene Vision eines wiederbelebten Welthandels hilft insbesondere exportlastigen Aktien aus Europa und Deutschland. Daneben bilden sich die politischen Risiken in Europa zurück. Da die Briten die EU mindestens mit einem Abkommen verlassen, bleiben die schlimmsten wirtschaftspolitischen Reibungsverluste aus. Im Übrigen bleibt das Brot-und-Butter-Geschäft einer üppigen Geldpolitik erhalten. Zins- ist gegenüber Aktiensparen so attraktiv wie Fußpilz. Das sind gleich drei Gründe für einen robusten Aktienmarkt.

Seit dem 1. November 2019 ist Christine Lagarde im Amt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Ihr Vorgänger Mario Draghi wird mit seinem Ausspruch »Whatever it takes« wahrscheinlich in die Geschichtsbücher eingehen. Welche Erwartungen haben Sie an die Amtszeit von Lagarde?
Die »Whatever-it-takes«-Politik geht mit Frau Lagarde in die Verlängerung. Sie soll konjunkturelle Misstöne und jede neue Schulden- oder Finanzkrise im Keim ersticken. Ebenso verleiht die zunehmende Klimaschutzorientierung der EZB Alibis, Staatsanleihen von Euro-Staaten aufzukaufen, wenn ihre Zwecke umweltpolitischer Natur sind. Wer will dieser ökologischen Ausweitung des geldpolitischen Mandats moralisch wirklich widersprechen?

Die Fed hat ihrerseits in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2009 wieder die Zinsen gesenkt – und das gleich drei Mal. Donald Trump bezeichnete die US-Notenbanker öffentlich als »Dummköpfe«, da ihm die Zinssenkungen nicht drastisch genug waren. Inwieweit, denken Sie, lässt sich die Fed von Trump beeinflussen?
Die Fed als bedeutendste Notenbank der Welt wird ihre Glaubwürdigkeit und Reputation niemals aufs Spiel setzen, indem sie politischen Forderungen nach Zinslockerungen folgt. Ich glaube aber, dass die US-Notenbank die Leitzinsen ohne Einmischung des US-Präsidenten schon früher gesenkt hätte. Letztendlich hat für die Fed das konjunkturelle Wohlergehen Amerikas erste Priorität.

Apropos Trump, wie groß schätzen Sie die Chance für seine Wiederwahl ein?
Zur Wiederwahl im November 2020 wird der US-Präsident keine Konjunkturdelle über einen eskalierenden Handelskrieg mit Negativausschlag auf die Aktienmärkte riskieren. Dem Plan der Demokraten, Trump über ein Amtsenthebungsverfahren zu Fall zu bringen, stellen sich die Republikaner ziemlich geschlossen entgegen. Diesen parteipolitischen GAU wird man nur ein Jahr vor der nächsten Präsidentschaftswahl vermeiden. Damit fehlt die Zustimmung für eine tatsächliche Amtsenthebung im republikanisch beherrschten Senat. Überhaupt, angesichts der Demontage der demokratischen Gegenkandidaten untereinander, schmälert die Opposition ihre Wahlchancen selbst.

Immer wieder ist in den Medien von einer schlechteren Stimmung in der Industrie und einer drohenden Rezession die Rede. Bisher zeigen sich die Aktienmärkte davon unbeeindruckt. Wird das auch 2020 so bleiben? Oder sollten Anleger langsam die Aktiengewinne »ins Trockene bringen«?
Das europäische und das deutsche Verarbeitende Gewerbe befinden sich auch auf der Gewinnseite der Unternehmen in der Rezession. Allerdings schauen die Aktienbörsen nicht auf das, was ist, sondern auf das, was sein wird. Eine markante Börsenweisheit lautet: Aktien bezahlen die Zukunft. Tatsächlich gibt es Licht in der bislang rabenschwarzen Handelsnacht, zumal auch im transatlantischen Handelskonflikt abgerüstet wird.

Das spricht für eine zunehmende Aufhellung der Konjunkturfrühindikatoren, sodass die Weltkonjunktur das Tal der Tränen bald durchschritten hat. Die umfangreichen Investitionsbudgets, die Unternehmen bis dato aus Gründen der Zoll- und politischen Verunsicherung nicht abgerufen haben, lassen zukünftig gewaltige Investitionsimpulse erwarten, die die Aktienmärkte auch fundamental, nicht nur zinsseitig, beflügeln.

Insofern werden Aktienanleger exportlastigen Industrie- gegenüber Defensivtiteln wieder mehr Bedeutung beimessen. Und genau diese Werte finden sich in Deutschland, schwerpunktmäßig im MDAX, TecDAX und SDAX. Ohnehin profitieren deutsche Technologietitel vom Megathema Digitalisierung.

Zwischenzeitliche Kursrückgänge aufgrund einer gewiss nicht krisen- und Tweet-freien Welt sind zwar nicht ausgeschlossen. Doch kann man ihnen mit regelmäßigen Aktiensparplänen gut begegnen. Denn auch hier liegt im Einkauf der Gewinn.

Ein furioses Comeback hat in diesem Jahr Gold hingelegt – mit einem neuen Allzeithoch in Euro. Davor befand sich das Edelmetall in einer Art Dornröschenschlaf. Können Anleger aus Ihrer Sicht noch auf den Zug aufspringen oder ist dieser sprichwörtlich abgefahren?
Insbesondere die handelspolitische Verunsicherung, die heftige Brexit-Debatte und der Kapitalismus ohne Zins haben den Goldpreis aus der langjährigen Seitwärtsbewegung nach oben ausbrechen lassen.

Zuletzt jedoch haben Entspannungstendenzen an den Krisenfronten dem Krisenmetall Gold Schwung zugunsten von Aktien genommen. Ohnehin haben Zentralbanken kein Interesse an einer stark steigenden Parallelwährung »Gold«, die die Akzeptanz von Geld zur Finanzierung der überbordenden Schuldenwelt gefährden würde.

Und dennoch bleibt Gold garantiert die sicherste aller Vermögensformen und sollte daher jedem Anleger etwas Wert sein. Dass Zentralbanken unvermindert physisches Gold anhäufen, sollte die letzte Skepsis gegenüber dem Goldbesitz nehmen.

Eine anhaltend schwache Konkurrenz von Zinsanlagen und grundsätzliche stabilitätspolitische Risiken haben als Argumente für Gold definitiv weiterhin Bestand. Gold sollte bis Ende 2020 mindestens einen moderaten Preisanstieg hinlegen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.