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Deutschland – Der Kranke-Mann-Zyklus

Die Industrieproduktion in Deutschland fällt seit über einem Jahr stärker als im Rest des Euroraums – vor allem in der Auto- und Chemiebranche. Die Erosion der Standortqualität Deutschlands beginnt sich zu rächen. Nachdem Deutschland vor zehn Jahren das Image des kranken Mannes erfolgreich überwunden hatte, scheint ein neuer Kranke-Mann-Zyklus eingesetzt zu haben, auch wenn die Arbeitslosenquote hierzulande noch viel niedriger ist als im Rest des Euroraums.

Vom Superstar ...
Als die deutsche Wirtschaft nach der großen Finanzkrise wie Phönix aus der Asche stieg und die südlichen Länder der Währungsunion in die Staatsschuldenkrise rutschten, betrachteten immer mehr internationale Anleger Deutschland als einen ökonomischen Superstar, der wahre Wunder vollbringen kann (siehe Grafik 1).

Grafik 1: Deutschland – Der starke Mann beginnt zu schwächeln

Reales Bruttoinlandsprodukt, Veränderung gegenüber Vorjahr (gleitender 5-Jahres-Durchschnitt) und Arbeitslosenquote, Differenz zwischen Euroraum ohne Deutschland und Deutschland

Grafik 1: Deutschland – Der starke Mann beginnt zu schwächeln
Stand: Oktober 2019; Quelle: Global Insight, Commerzbank Research

... zum Underperformer beim Bruttoinlandsprodukt ...
Mittlerweile hat die optimistische Wahrnehmung Deutschlands ihren Höhepunkt überschritten. Das Blatt hat sich gewendet. Seit Mitte 2018 legt das deutsche Bruttoinlandsprodukt deutlich langsamer zu als im Rest des Euroraums; es ist im Vorquartalsvergleich sogar schon zwei Mal geschrumpft (im dritten Quartal 2018 und im zweiten Quartal 2019), und für das dritte Quartal 2019 zeichnet sich ein weiteres Minus ab, womit die Definition einer technischen Rezession für Deutschland erfüllt wäre.

... und bei der Industrieproduktion ...
Die unterdurchschnittliche Entwicklung ist besonders bei der Industrieproduktion sichtbar. Während sie sich im restlichen Euroraum seit dem Frühjahr 2018 tendenziell seitwärts entwickelt, ist sie in Deutschland deutlich gefallen (siehe Grafik 2). Das liegt an der rückläufigen Produktion dreier Branchen: der Auto-, Chemie- und Pharmaindustrie; ohne sie sinkt die Industrieproduktion in Deutschland ähnlich wie im Rest des Euroraums (siehe Grafik 3).

Grafik 2: Unterdurchschnittliche Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland ...

Industrieproduktion, gleitender 3-Monats-Durchschnitt

Grafik 2: Unterdurchschnittliche Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland ...
Stand: Oktober 2019; Quelle: Global Insight, Commerzbank Research
Grafik 3: ... liegt an der Auto-, Chemie- und Pharmabranche

Industrieproduktion ohne Fahrzeugbau, Chemie und Pharma; gleitender 3-Monats-Durchschnitt

Grafik 3: ... liegt an der Auto-, Chemie- und Pharmabranche
Stand: Oktober 2019; Quelle: Global Insight, Commerzbank Research

Dass diese drei Branchen ihre Produktion in Deutschland überproportional gesenkt haben, liegt teilweise daran, dass sie die Produktion ins europäische Ausland verlagert haben. Das lässt sich vor allem für die Autoindustrie zeigen. Während deutsche Autobauer ihre Produktion hierzulande seit Anfang 2018 zurückfahren, haben sie sie im europäischen Ausland weiter gesteigert (siehe Grafik 4), obwohl sich die Nachfrage gemessen an den Neuzulassungen dort deutlich schlechter entwickelt hat als in Deutschland. Als wichtige Zulieferbranche hat auch die Chemieindustrie ihre Produktion teilweise ins europäische Ausland verlegt.

Grafik 4: Deutsche Autoindustrie verlagert Produktion ins Ausland

Von deutschen Autofirmen in Deutschland und im europäischen Ausland gefertigte Autos, Quartalswerte

Grafik 4: Deutsche Autoindustrie verlagert Produktion ins Ausland
Stand: Oktober 2019; Quelle: VDA, Commerzbank Research

... was auch an der nachlassenden Standortqualität Deutschlands liegt
Diese Standortentscheidungen gehen auf unterschiedliche Faktoren zurück. Viele sind unbedenklich wie der Teil des Fachkräftemangels, der auf die gute Lage am deutschen Arbeitsmarkt zurückgeht, oder die seit vielen Jahren zu beobachtende Abwanderung umweltbelastender Produktionen. Teilweise spielen – wie in der Pharmaindustrie – Produktionszyklen eine Rolle, bei der eine erfolgreich in Deutschland angelaufene Produktion nach einer bestimmten Zeit routinemäßig ins billigere Ausland verlagert wird. Aber nach unseren Recherchen sind zunehmend wirtschaftspolitisch verursachte Standortschwächen mitverantwortlich:

  • Deutsche Unternehmen zahlen in der EU mit Abstand die höchsten Strompreise. Sie sind fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt der EU. Das belastet besonders die Chemieindustrie.

  • Die Qualität der Verkehrsinfrastruktur ist in den zurückliegenden Jahren im Vergleich zu anderen EU-Ländern massiv gefallen. Verfügte Deutschland nach einer Umfrage der Weltbank vor zehn Jahren nach Frankreich über das zweitbeste Straßensystem des Euroraums, ist es mittlerweile hinter die Niederlande, Portugal und Österreich zurückgefallen (siehe Grafik 5). Das ist ein großes Thema für die Autoindustrie – vor allem, was den pünktlichen Bezug von Vorleistungen per Lkw anbelangt. Auch die Chemieindustrie leidet unter der mittlerweile schlechten Qualität der Schienen- und Wasserwege.

  • Die steuerliche Belastung eines mittelgroßen Industrieunternehmens ist in Deutschland mittlerweile viel höher als im Rest des Euroraums. Berücksichtigt man Steuerfreibeträge und sonstige Abzüge, führen deutsche Unternehmen der Weltbank zufolge 23 Prozent ihrer Gewinne an den Fiskus ab; das ist das doppelte des EU-Durchschnitts und 5,5 Prozentpunkte mehr als 2009.

  • Der Fachkräftemangel behindert zunehmend die Unternehmen. Unsere Befragung deutscher Mittelständler ergab, dass 83 Prozent der Unternehmen Ausbildungsstellen nicht besetzen konnten, weil es keine geeigneten Bewerber gab. Das liegt vor allem an mangelnden Rechen- und Rechtschreibfähigkeiten und deutet auf massive Mängel im deutschen Schulwesen hin. Außerdem fehlen IT-Kräfte, ohne dass klar ist, ob das Fachkräfteeinwanderungsgesetz spürbar Abhilfe schaffen wird.
Grafik 5: Deutschland fällt bei der Qualität der Verkehrswege immer weiter zurück

Qualität der Straßen, Umfragewerte; Index: 0 = schlechtester Wert, 7 = bester Wert

Grafik 5: Deutschland fällt bei der Qualität der Verkehrswege immer weiter zurück
Stand: 2018; Quelle: Weltbank, Commerzbank Research

Ein neuer Kranke-Mann-Zyklus hat begonnen
Deutschland ist noch lange nicht so krank wie am Anfang des Jahrtausends nach dem Platzen der Aktienmarktblase, als die Zahl der Arbeitslosen die psychologisch wichtige Marke von 4 Millionen überschritt und der damalige Kanzler Gerhard Schröder Deutschland eine wirtschaftspolitische Rosskur verordnete, mit der das Land schrittweise das Image des kranken Mannes überwand. Aber die positive Wahrnehmung Deutschlands als ökonomischer Superstar hat ihren Höhepunkt überschritten.

Die deutsche Wirtschaft hat begonnen, sich unterdurchschnittlich zu entwickeln. Gleichzeitig rollt die Bundesregierung die Arbeitsmarkt- und Rentenreformen der Schröder-Ära weiter zurück, was Staatsausgaben bindet und den Spielraum für dringend benötigte Infrastrukturinvestitionen beschneidet. Es ist zu befürchten, dass ein neuer Kranke-Mann-Zyklus eingesetzt hat. Deutschland könnte in einigen Jahren wirtschaftlich ähnlich dastehen wie am Anfang des Jahrtausends, sofern die Wirtschaftspolitik nicht rasch umsteuert.