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Was Privateigentum wirklich bewegt

Forderungen nach Verstaatlichungen scheinen salonfähig zu werden. Aber das bürgerliche Lager ist sich der Bedeutung des Privateigentums für Frieden, Freiheit und Massenwohlstand kaum mehr bewusst. Eine Rückbesinnung auf die Erkenntnisse großer Ökonomen ist notwendig. Vor allem die österreichische Schule der Nationalökonomie hat die Rolle des Privateigentums in einer Tiefe durchdrungen, die heute vielen Ökonomen fremd ist.

Englische Denker haben Rolle des Privateigentums früh erkannt
Zur Erinnerung: Englische Denker wie Thomas Hobbes (1588 bis 1679) und John Locke (1632 bis 1704) wenden sich im 17. Jahrhundert vom feudalistischen Gesellschaftsmodell ab und sehen im Privateigentum eine Voraussetzung für eine bürgerliche Gesellschaft, die auf freiwilligen Tauschgeschäften basiert. Der Staat wird als unparteiischer Sicherheits- und Rechtsgarant gedacht, soll das Privateigentum auf Basis eines Gesellschaftsvertrags schützen. Auf diesem optimistischen Eigentumsbegriff begründet Adam Smith (1723 bis 1790) die klassische Volkswirtschaftslehre. Das egoistische Streben nach Gewinn und Eigentum führe koordiniert durch die »unsichtbare Hand« des Marktes zu einem gesellschaftlich wünschenswerten Zustand – eine revolutionäre Aussage in einer Zeit, in der die Kirche das Streben nach Reichtum noch vielfach als Sünde brandmarkt. David Ricardo (1772 bis 1823) überträgt Smiths marktwirtschaftliche Gedanken auf den Außenhandel und bringt das protektionistische Weltbild seiner Zeit zum Einsturz.

Österreichische Schule hat ein tiefes Verständnis entwickelt
Die österreichische Schule der Nationalökonomie vertieft das Verständnis für die segensreiche Rolle des Privateigentums. Ökonomen wie Ludwig von Mises (1881 bis 1973) und Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992) sind geprägt von den Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahren, als der Sozialismus sowjetischer und faschistischer Spielart Hochkonjunktur hat. Im Ringen mit dem sozialistischen Mainstream durchdringen sie die Rolle des Privateigentums für eine freie Gesellschaft in einer Tiefe, die heute vielen mathematikverliebten Ökonomen fremd ist. Die Vertreter der österreichischen Schule zeigen, dass das Privateigentum Frieden, Freiheit und eine den Bedürfnissen breiter Bevölkerungsschichten dienende Wirtschaft hervorbringt.

Privateigentum stiftet Frieden durch Tauschgeschäfte ...
Fangen wir mit dem Frieden an: Ein Grundproblem der Menschen ist die Knappheit an Ressourcen. Unsere Vorfahren konkurrieren um Jagdreviere, Ackerland, Wasser, Holz und all die Güter, die die Natur hervorbringt. Sippen, Stämme und Völker bekämpfen sich, um einander zu rauben, worauf sie glauben, Anspruch zu haben. Der Vorteil des einen ist der Schaden des anderen. Mises will diese Herrschaft der Gewalt überwinden. Die Menschen sollen friedlich zusammenleben – indem sie Güter auf freiwilliger Basis miteinander tauschen. Wenn sich zwei Parteien über die Bedingungen eines Tauschs einig sind, ist er für beide vorteilhaft – ansonsten wären sie nicht ins Geschäft gekommen. Tauschen ist ein Akt des Friedens – anders als Raub oder das Zuteilen von Gütern durch einen Stammeshäuptling, Parteifunktionär oder Beamten. Tauschgeschäfte ermöglichen das friedliche Zusammenleben der Menschen, sie wirken wie ein soziales Band.

Aber eine Tauschwirtschaft erfordert zwingend Privateigentum; es geht den Tauschgeschäften logisch voraus. Ich gebe mein Gut im Tausch gegen ein anderes Gut nur her, wenn mir das eingetauschte Gut auch gehört, es mein Eigentum ist, von dessen Nutzung ich andere ausschließen kann.

... und Arbeitsteilung
Das Privateigentum übt seine befriedende Wirkung aber nicht nur durch den Tausch aus, sondern auch dadurch, dass der Tausch eine produktivitätssteigernde Arbeitsteilung ermöglicht. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft stellen Menschen ihre benötigten Güter nicht mehr alleine her, sondern spezialisieren sich auf bestimmte Tätigkeiten. Der eine jagt, der andere züchtet Rinder, der nächste baut Getreide an, stellt Werkzeuge her. Das, was sie nicht selbst herstellen, besorgen sie sich durch Tausch.

Vorteilhaft sind Arbeitsteilung und Tausch, weil die Spezialisierung die Fertigkeiten der Menschen verfeinert, die Produktivität steigert und damit die Gesamtheit der hergestellten Güter erhöht. Allen Menschen geht es jetzt durch friedliche Kooperation dauerhaft besser, nicht mehr nur einigen, zeitlich begrenzt, durch Raub. Mit Mises gesprochen: Der Mitmensch »erscheint nicht mehr als Hindernis auf dem Wege zur Erhaltung des eigenen Lebens, sondern als Verbündeter und Genosse im gemeinsamen Streben zur Verbesserung der Daseinsbedingungen«.

Privateigentum schafft Freiheit
Privateigentum stiftet durch Tausch und Arbeitsteilung nicht nur Frieden, sondern stärkt auch die Rolle des Individuums im Verhältnis zum Staat und schafft so Freiheit. Man stelle sich vor, der Staat monopolisiere – wie in der damaligen Sowjetunion – das Eigentum. Beamte und Parteifunktionäre würden alle Entscheidungen treffen. Sie wiesen Menschen den Arbeitsplatz und die Wohnung zu, bestimmten, was in den Regalen der Geschäfte liegt, was Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen berichten und zensierten das Internet. Ein solcher Staat hätte seine Bürger in seiner Gewalt. Das Kollektiv dominierte das Individuum. Es gäbe nur noch Untertanen, die Freiheit wäre dahin.

Das Privateigentum dagegen verteilt die Herrschaft über die Produktionsmittel auf viele Menschen. Sie alle sind frei, individuell zu entscheiden, was sie unternehmen möchten. Keiner von ihnen hat die ausschließliche Macht. Kurzum: Das Privateigentum schafft eine »staatsfreie Sphäre des Individuums« (Mises). Es ist eine Grundbedingung für individuelle Freiheit und für alles, was mit ihr zusammenhängt: Wettbewerb der Ideen, Kultur, Fortschritt, Wohlstand.

Privateigentum schafft Massenwohlstand
Das Privateigentum schafft nicht nur Frieden und Freiheit, sondern richtet das Wirtschaften auch auf die Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten aus. Davon konnte, jeder weiß es, in der vorkapitalistischen Zeit keine Rede sein. Die Bauern gehörten sich nicht einmal selbst; sie waren oft Leibeigene, mussten für die schmale Klasse der Gutsherren arbeiten. Die breite Masse erhielt nur so viel, wie zum Überleben gerade notwendig war. Die Wirtschaft im Feudalismus diente vor allem den Bedürfnissen der Grundherren. Es war eine Fürstenwirtschaft, keine Volkswirtschaft.

Im Kapitalismus darf jeder Eigentum bilden und Unternehmen gründen. Um im Wettbewerb zu bestehen und zu wachsen, produzieren Unternehmer nicht nur für Fürstenhöfe, sondern für breite Bevölkerungsschichten. Sie entwickeln neue Produkte, testen sie am Markt – der Wettbewerb wirkt als »Entdeckungsverfahren« (Hayek). Nicht der erzielt hohe Gewinne, der Leibeigene ausbeutet, sondern der, der die Bedürfnisse der Bevölkerung im Rahmen der arbeitsteiligen Massenproduktion am besten bedient. Produzieren die Unternehmen dagegen am Bedarf vorbei, erwirtschaften sie Verluste – und ihr Eigentum zerrinnt. Mises spricht von einer friedlichen Enteignung durch die Konsumenten.

Privateigentum zwingt die Unternehmen, sich nach den Wünschen der Konsumenten zu richten. Auf diese Weise im Wirtschaftlichen souverän geworden, wollen Konsumenten als Bürger auch politisch souverän werden. Es ist kein Zufall, dass Länder, die das Privateigentum achten, in der Regel Demokratien sind. Das Privateigentum fördert die Demokratie. Das wird auch für Chinas Kommunisten auf Dauer zum Problem, auch wenn sie sich noch so sicher im Sattel sitzend wähnen.