Interview

Finanzbildung muss an oberster Stelle stehen

ANLÄSSLICH DER AUSZEICHNUNG DER REDAKTION VON BOERSE.ARD.DE BEI DER PREISVERLEIHUNG FÜR WIRTSCHAFTSJOURNALISTEN SPRACH DER DDV MIT MARKUS GÜRNE, LEITER PROGRAMMGRUPPE ARD-BÖRSE TV, ÜBER DIE NOTWENDIGKEIT DER WISSENSVERMITTLUNG ZU FINANZPRODUKTEN SOWIE DEN WANDEL IN DER FINANZKOMMUNIKATION.

ideas: Sich mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen ist unerlässlich. Wann wurden Sie das erste Mal mit der Materie der Geldanlage konfrontiert?

Markus Gürne: Als mein Vater starb, da war ich zehn Jahre alt. Meine Mutter war Sekretärin, und wir waren vier Kinder. Es war also schnell klar, dass ich mitarbeiten musste, wenn ich ein Fahrrad haben wollte oder den Führerschein. Neben Blättchen austragen und beim Radio als Assistent anfangen, war es mir schon früh wichtig, dass auch das Geld arbeitet.

Was fasziniert Sie an den Kapitalmärkten und der insgesamt komplexen Materie?
Durch Teilhabe an den Kapitalmärkten haben Menschen die Möglichkeit, an der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Leistungsfähigkeit zu partizipieren. Mich fasziniert, dass das Komplexe so übersetzt werden kann, dass sich jeder an diese Materie herantrauen kann. Das jedenfalls ist unser Anspruch bei »boerse vor acht« – und sowohl Reichweiten als auch Rückmeldungen der Zuschauer und Nutzer bestärken uns in dieser Annahme.

Wenn Sie vom Frankfurter Börsenparkett berichten, ist es Ihnen grundsätzlich egal, in welche Richtung die Märkte laufen?
Ja, das ist mir gleich, denn ich stehe ja nicht auf der einen oder auf der anderen Seite und spekuliere auf schnelle Entwicklungen. Interessant ist doch, dass an der Börse der lange Atem wichtig ist. Umso wichtiger ist es also zu verstehen, warum es jetzt gerade so oder so läuft.

Können Sie immer nachvollziehen, was, wie und warum reguliert wird?
Immer? Nein, das wäre auch, glaube ich, vermessen dies zu meinen. Spannend ist aber, den Tag über Meinungen zu hören, Erkenntnisse zu sammeln und Mehrheiten für eine oder andere These einzuordnen. Oft aber muss ich am Ende auch offen sagen: »Ob Sie das auch meinen, überlasse ich gerne Ihnen.«

Haben Sie das Gefühl, dass die Regulierungsbemühungen bei den Privatanlegern ankommen? Wie vermitteln Sie beispielsweise Änderungen von MiFID II?
Das lasse ich bleiben. Die Erfahrung zeigt uns, dass unsere Zuschauer und Nutzer bei weitem nicht so tief in die Materie einsteigen können oder auch wollen. Den meisten reicht es zu verstehen, was die Aufsicht/Regulierung generell macht und was BaFin eigentlich heißt.

Was braucht es für eine nachhaltige Wertpapierkultur in Deutschland?
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir deutlich mehr Bildung zu den Themen Wirtschaft und Finanzen brauchen. Finanzbildung ist meiner Ansicht nach Verbraucherschutz und nötig in einem Land, das keine Rohstoffe besitzt, aber dessen Wohlstand so eng mit dem Geschäftsmodell »Export« verbunden ist. Oder, um es mit einem Satz zu sagen: »Wer nix im Boden hat, muss es in der Birne haben.« Dazu leisten wir gerne einen Beitrag.

Wie ist es denn generell um die Finanzbildung in Deutschland bestellt?
Mäßig. Oft heißt es, die Schulen machen zu wenig. Ja, ich glaube auch, dass da noch mehr geht. Aber das Thema »Geld« fängt doch zu Hause an. Ich fürchte, in den meisten Familien wird nicht oft über Geld gesprochen. Vielleicht aus Angst, die Kinder reden dann in der Schule darüber. Aber was Geld ist, was geht und was nicht, warum man nicht einfach Dinge nachkaufen kann, weil das Geld endlich ist, das lernt man doch am ehesten zu Hause. Bei uns war das, auch aus der besonderen Situation zu Hause, von Anfang an so. Das hat mir durchaus geholfen, früh einen Bezug zu Geld zu bekommen.

Warum tun sich die Bundesbürger letztlich so schwer mit Kapitalmarktprodukten?
Es ist wohl die Mischung aus Historie, Erziehung aus den Zeiten von Zinsen und den schlechten Erfahrungen des Neuen Marktes. Das sitzt sehr tief. Aber ich habe Hoffnung, denn unsere Erfahrung der vergangenen fünf Jahre ist auch, dass das Interesse daran steigt zu verstehen, wie Politik, Wirtschaft und Finanzen zusammenhängen und welche Auswirkungen diese haben.

Die Wertpapierkultur setzt bei der Wissensvermittlung an. Macht hier die Politik zu wenig für die Finanzbildung in Deutschland?
Ich denke, da sind alle gefragt. Politik, Wirtschaft und Medien. Ich bin der ARD ausgesprochen dankbar, dass es unser Format wie »boerse vor acht« gibt. Und noch dankbarer bin ich den Zuschauern und Nutzern, denn sie sorgen dafür, dass seit fünf Jahren die Reichweiten stetig steigen. 2019 legen wir bisher sogar nochmal eine Schippe drauf. Das freut mich sehr.

Wie sehen Sie Ihren journalistischen Auftrag als Mitarbeiter im öffentlich-rechtlichen Rahmen?
Ich habe in den vergangenen 31 Jahren in verschiedenen Funktionen immer nur aus einem Grund journalistisch gearbeitet. Ich wollte immer, ob aus Bagdad oder Kabul als Auslandskorrespondent, davor als Inlandskorrespondent aus Stuttgart mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Finanzen oder nun mit »boerse vor acht«, Informationen sammeln, bündeln und diese dann an die weitergeben, die sich nicht den ganzen Tag damit beschäftigen können.

Klingt also wahrscheinlich etwas seltsam, aber ich habe es immer als großes Privileg gesehen, Mitmenschen aufzeigen zu dürfen: »Das hier ist spannend, hat Auswirkungen auf uns – schau doch mal.«

Heutzutage muss Finanzkommunikation neue Wege gehen, Stichwort Social Media. Wie schaut hier das Angebot der ARD aus?
Die ARD-Börsenredaktionen sind wie alle schon recht aktiv. Ob im Videoblog, bei Facebook, Twitter oder auch persönliche Accounts wie mein eigener drehen sich um die Themen, die uns bei Radio, TV und online beschäftigen. Aber da ist Luft nach oben und wir werden da noch den einen oder die andere überraschen. :-)

Gibt es Lieblingsthemen innerhalb der Redaktion?
Unendlich viele ...

Würden Sie in Kryptowährungen investieren?
Erwähnte ich noch nicht, dass ich ganz bodenständiger Schwabe bin?

Was halten Sie von Robo-Advisorn und Plattformen, die nach Algorithmen Wertpapiere kaufen und so Depots zusammenstellen? Ist das die Zukunft der Vermögensverwaltung für den »kleinen Mann«?
Das alles können Themen und Dinge sein, die manchen helfen. Aber Grundlage muss das Wissen über Finanzprodukte sein, über den Zusammenhang von Wirtschaft und Finanzen, die Rolle der Politik und auch der Geldpolitik. Auch wenn wir in der Generation der Erben leben, die allermeisten müssen ihr Geld sehr hart verdienen und überlegen sich, ob und wenn ja, wie viel sie sparen können für Vermögensbildung oder Altersvorsorge. Da muss die Finanzbildung an oberster Stelle stehen.

Halten Sie die Angst vor Altersarmut in Deutschland für gerechtfertigt oder übertrieben?
Wenn man sich die demografische Entwicklung ansieht, die Versuche der Politik, die Rentensysteme zu sichern, immer mehr Menschen, die nicht von einer Arbeit leben können, dann gibt es meiner Meinung nach schon Gründe, sich Sorgen zu machen. Und für uns Grund genug, mal zu schauen, wie es die anderen machen. Schweden zum Beispiel, das einen Teil der Rente über einen Fonds finanziert.

Weiß die Bevölkerung in ihrer Mehrheit zu wenig über Vermögensaufbau, Rente und Altersvorsorge?
Ich fürchte, dass dies immer noch so ist, aber seit geraumer Zeit gibt es Anzeichen, dass sich da doch viel ändert. Vor allem die Jüngeren haben erkannt, dass sich Vermögensaufbau und Altersvorsorge weder von selbst machen noch der Staat die perfekten Rahmenbedingungen dafür vorhalten kann. Und deshalb ist ihnen klar, dass sie das selbst machen müssen. Und da kommt nun wieder die Bedeutung der Finanzbildung ins Spiel. Die Menschen finden Finanzbildung und Börse selten sexy, aber sie haben erkannt, dass das wichtige Themen sind und das macht sich bemerkbar. Auch an steigenden Reichweiten und den Rückmeldungen unserer Zuschauer und Nutzer.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Lars Brandau, Geschäftsführer des DDV.