Interview

Norman Welz, Trading-Psychologe und Trader-Coach

So entspannt wie möglich handeln

ideas: Herr Welz, Sie sind nicht nur Inhaber einer Praxis für Psychotherapie, sondern seit über zwölf Jahren auch Trading-Psychologe und Trader-Coach. Wie kann man sich die Arbeit eines Trader-Coachs vorstellen?

Norman Welz: Zunächst geht es darum, das Ziel des Klienten zu bestimmen. Als Nächstes, ob dieses Ziel auf der persönlichen, mentalen Ebene erreichbar ist oder ob es darum geht, die Logik seines Handelsplans zu verbessern. Dafür prüfe ich den Trading-Plan sowie die Trading-Aufzeichnungen des Kunden. Oft ist zu erkennen, dass die meisten ihren Börsenhandel viel zu kompliziert gestalten. Das hat immense Nachteile und verhindert den Erfolg erst recht. Weniger ist hier definitiv mehr.

Das hört man oft: Keep it simple, stupid. Wieso ist das so?
Das menschliche Gehirn ist mit komplexen Strukturen völlig überfordert. Und statt sich daran zu halten, schaltet es dann auf Autopilot und geht seine eigenen Wege. Im Nachklang denkt man »so wollte ich das doch nie traden«. Richtig. Aber unser Unterbewusstsein ist nun mal wesentlich stärker als die Logik.

Gibt es mental betrachtet Unterschiede, ob ich als Daytrader, Swingtrader oder Investor eine Rendite an der Börse selbst erwirtschaften möchte?
Ja, hier gibt es enorme Unterschiede! Daytrading ist die Königsklasse. Man muss eine sehr stabile Persönlichkeit dafür haben. Denn die eigenen Emotionen werden ständig stark gereizt. Zudem erfordert es viel Disziplin. Der Umgang mit sinnvollem Geldrisiko ist hier mit das A und O. Swingtrading ist da einfacher, aber auch nicht zu unterschätzen. Man hat aber viel mehr Zeit bei der Auswahl seiner Trades. Das bringt Ruhe in den Handel. Und Anleger sollten wissen, dass der Besitz von ETFs (börsengehandelte Fonds) auch Trading ist. Denn man entscheidet auch hier selbst über Kauf- und Verkaufszeitpunkt.

Wo liegen die häufigsten Fehler beim Trading?
Ich selbst spreche nie von Fehlern. Man macht immer das, was man kann, sonst würde man es ja anders machen. Als Coach und Psychotherapeut habe ich etwa 15.000 Sitzungen begleitet. Und es zeigt sich immer wieder, dass die Kindheitsprägungen großen Einfluss bei der Selbstentwicklung haben. Ob im Privatleben oder dem Trading: Wir sind das Abbild unserer programmierten Persönlichkeit. Viele Trader bemerken erst im Coaching, wie stark die Einflüsse hier sind. Wer zum Beispiel als Kind nie seinen eigenen Weg gehen durfte, der hat es auch schwer, beim Trading seinen eigenen Weg zu gehen. Der folgt lieber sogenannten Traderprofis. Und wundert sich, wieso er nicht erfolgreich wird.

Sie haben neben der Psychologie auch umfangreiche Erfahrung im Bereich Journalismus – unter anderem haben Sie fast 3.000 Livesendungen moderiert. Außerdem absolvierten Sie eine zweijährige Ausbildung zum Börsenhändler. Eine interessante Kombination. War die Börse schon immer Ihre Leidenschaft oder hat sie sich erst im Laufe der Zeit entwickelt?
Darauf gebracht hat mich ein Verwandter. Der kaufte nur unterbewertete Blue Chips. Und war damit außerordentlich erfolgreich. Das wollte ich auch und fing an, mich mit der Welt der Aktien zu beschäftigen. Das ist jetzt 30 Jahre her. Die Faszination hatte mich nie mehr losgelassen. Seit etwa 15 Jahren beschäftige ich mich täglich intensiv mit dem Thema Börse. Es ist faszinierend zu sehen, wie denkungsgleich Trading und menschliche Psychologie sind. Trading ist für mich eine spezielle Form einer Psychotherapie. Man kann Großartiges über sich lernen.

Der Schwerpunkt Ihrer Arbeit als Psychologe sind »Ängste«. Man hört oft, dass viele Menschen »Angst« vor einem Aktieninvestment haben. Welchen Rat geben Sie hier aus psychologischer Sicht?
Sicherheit ist eine Illusion. Alles im Leben birgt Risiken und Gefahren. Nur ist uns das nicht bewusst, weil wir jeden Tag hunderte von positiven Erlebnissen haben. Beim Geldverlieren geht es aber um das Panikgefühl Existenzverlust. Und das erzeugt riesigen Stress in uns. Der wiederum führt meist zu unbedachten Übersprunghandlungen. Wer an der Börse agiert, sollte darauf achten, dass er so entspannt wie möglich handelt.

Als Trader-Coach haben Sie meist mit kurzfristig orientierten Tradern zu tun. Gibt es Maxime, die sowohl kurzfristig als auch langfristig orientierte Anleger beherzigen sollten?
Überschätzen Sie sich nicht! Besser sein zu wollen als professionelle Geldmanager ist nur ganz wenigen vorbehalten. Zudem braucht man eine Strategie, die zur eigenen Persönlichkeit passt. Investieren Sie in nichts, was Sie mental nicht aushalten können. Das führt zu ungewollten Problemen und hohen Verlusten. Schneller Reichtum an der Börse ist in der Regel Glück, nicht Können.

Was sind die häufigsten Fehler, die Trader machen? Bzw., welche psychologischen Fallstricke werden Anlegern oft zum Verhängnis?
Ängste und die eigenen Illusionen sind die größten Hindernisse. Trading ist ein Beruf. Und zwar kein einfacher. Hier bekommt man es zu 100 Prozent mit seinen Unzulänglichkeiten zu tun. Das muss man aushalten und managen können. Sonst wird das nichts mit dem Erfolg. Die allermeisten haben gar keine profitable Handelsstrategie. Sie wissen oft gar nicht, ob ihr Regelwerk wirklich Geld verdient. Und traden es trotzdem immer weiter. Das ist so, als würde ich auf der Autobahn die Abfahrt versäumt haben und fahre trotzdem weiter, weil ich hoffe, dass dieselbe Abfahrt irgendwann schon noch einmal kommen wird. Sich den Chart der Vergangenheit anzuschauen und dann zu behaupten, »mein System ist profitabel«, ist absoluter Quatsch. Kein Profi macht das so. Das wäre so, als würde ich die Lottozahlen der vorigen Woche anschauen und sagen »die Zahlen tippe ich jetzt, damit gewinne ich ja Millionen«.

Sie sind auch selbst als Daytrader aktiv. Haben Sie sich selbst schon einmal dabei erwischt, in eine psychologische Trading-Falle getappt zu sein?
Als Trader bin ich wohl in alle Fallen gelaufen. Das tat nicht selten verdammt weh. Ich habe erkannt, dass Daytrading nicht dauerhaft zu mir passt. Meine Persönlichkeit deckt sich eher mit dem längerfristigen Swingtrading. Das zeigt sich auch bei den Ergebnissen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.