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Zinsen und ihr Einfluss auf Optionsscheine und Zertifikate

Die Zinspolitik der Notenbanken wird schon seit längerer Zeit viel diskutiert und bewegt Aktien, Indizes und Währungen. In den USA gab es in den vergangenen Jahren schon wieder eine Abkehr von der Nullzinspolitik, in Europa bekommen Sparer aber nach wie vor kaum Zinsen für ihr angelegtes Geld, und ein Ende dieser Politik ist momentan kaum abzusehen. Auch auf Zertifikate und Optionsscheine hat die Höhe des Zinses einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Diesen Einfluss und mit welcher Kennzahl er gemessen wird, betrachten wir in dieser ideas-Ausgabe genauer.

Wenn man im Zusammenhang mit Derivaten von »Zinsen« spricht, so ist in der Regel der risikolose Zinssatz gemeint, der für festverzinsliche Wertpapiere der besten Bonität gezahlt wird. Wegen der einfachen Verfügbarkeit wird häufig auch der Zinssatz im Interbankengeschäft verwendet, der für verschiedene Laufzeiten verfügbar ist. Ein Beispiel dafür ist der Euribor (Euro Interbank Offered Rate). Ein Anleger wird für seine Geldanlage immer mindestens den risikolosen Zinssatz verlangen.

Klassische Optionsscheine
Beginnen wir zunächst mit den klassischen Optionsscheinen und genauer mit einem Kaufoptionsschein, dem Call. Grundsätzlich gilt: »Steigt der Zinssatz, steigt auch der Wert des Calls.« Aber warum ist das so?

Um dies zu veranschaulichen, versetzt man sich am besten in die Lage des Emittenten. Da dieser niemals gegen den Anleger spekulieren wird, wird er eine Absicherungsposition erwerben, die sogenannte Hedge-Position. In der Regel entsteht diese durch den Kauf des zugrunde liegenden Basiswerts des Optionsscheins. Um diesen Hedge zu finanzieren, benötigt der Emittent allerdings mehr Kapital, als er durch den Preis des Optionsscheins vom Anleger erhält. Und nun kommt der Zinssatz zum Tragen, denn bei einem höheren Zinssatz sind auch die Finanzierungskosten für das zusätzlich benötigte Kapital entsprechend höher. Und diese höheren Finanzierungskosten lässt sich der Emittent durch einen höheren Preis des Optionsscheins bezahlen. Verkauft der Anleger seine Optionsscheine zurück an den Emittenten, so löst dieser seine Hedge-Position wieder auf (das heißt Verkauf des Basiswerts).

Der Wert eines Put Optionsscheins wird dagegen bei steigendem Zinssatz sinken. Auch hier versetzen wir uns am besten in die Lage des Emittenten. Dieser tritt bei einem Verkaufsoptionsschein (Put) als sogenannter Stillhalter auf. Dies bedeutet, er verkauft den zugrunde liegenden Basiswert, um sich entsprechend abzusichern. Denn er verpflichtet sich gegenüber dem Käufer des Puts, bei Ausübung des Optionsscheins den Basiswert zum Basispreis abzunehmen bzw. den inneren Wert des Puts auszuzahlen. Um diese Verpflichtung zu erfüllen, hält der Emittent das Kapital vor, das er für den Verkauf des Basiswerts erhalten hat. Bei einem höheren Zinssatz kann er dieses Kapital mit höheren Erträgen risikolos anlegen. Dadurch sinken die Finanzierungskosten des Emittenten, was zu einem niedrigeren Preis des Put Optionsscheins führt.

Wie kann man als Privatanleger die Stärke des Zinseinflusses beurteilen?
Um die Stärke des Zinseinflusses zu beurteilen, benutzt man das sogenannte Rho. Das Rho sagt aus, wie stark sich der Wert einer Option bzw. eines Optionsscheins ändert, wenn sich der risikofreie Zinssatz am Markt um einen Prozentpunkt ändert (ceteris paribus, das heißt, alle anderen Parameter bleiben unverändert). Anleger haben beispielsweise die Möglichkeit, auf verschiedenen Finanzportalen je Optionsschein diese Kennzahl einzusehen und damit den Einfluss der Zinsveränderung auf den Optionsscheinpreis genau zu berechnen.

Mathematisch betrachtet ist das Rho die erste partielle Ableitung der Black-Scholes-Formel nach dem Zins. Für Kaufoptionsscheine ist das Rho positiv, für Verkaufsoptionsscheine negativ. Eine genaue Erklärung und die dazugehörige Formel finden Sie im Internet unter www.zertifikate.commerzbank.de/wissen im Beitrag »Optionstheorie – Rho: Der Einfluss der Zinsen«.

Discount-Zertifikate
Um den Einfluss des Zinssatzes auf den Preis eines Discount-Zertifikats am einfachsten nachvollziehen zu können, zerlegt man am besten das Zertifikat in seine Bestandteile. So besteht ein Discount-Zertifikat zum einen aus einem Zero-Strike-Call, also einem Call Optionsschein mit einem Basispreis von null, und zum anderen aus einer verkauften Call Option mit einem Basispreis in Höhe des Caps des Zertifikats.

Der Einfluss des Zinssatzes auf den Zero-Strike-Call liegt bei nahezu null. Steigt nun der Zins, so gewinnt der verkaufte Call wie bereits beschrieben aufgrund der höheren Finanzierungskosten an Wert. Da für die Konstruktion des Discount-Zertifikats der Call allerdings verkauft wird, führt dies wiederum zu einem sinkenden Wert des Zertifikats. Reduziert sich der Zinssatz dagegen, würde sich der Preis des verkauften Calls verringern, was wiederum zu einem steigenden Preis des Discount-Zertifikats führen würde.

Unlimited Turbo-Optionsscheine
Bei Unlimited Turbo-Optionsscheinen haben Zinsveränderungen ähnliche Auswirkungen wie bei Optionsscheinen. Bei einem Turbo-Optionsschein Call erhält der Emittent ähnlich wie bei den klassischen Call Optionsscheinen durch den Preis des Produkts nicht den kompletten Betrag, den er für seine Absicherungsposition benötigt. Es fallen also auch hier Finanzierungskosten für den Emittenten an, um das Produkt für den Anleger darzustellen.

Aufgrund der fehlenden fixen Endfälligkeit bei Unlimited Turbo-Optionsscheinen können die Finanzierungskosten, die im Wesentlichen von der Zinshöhe abhängen, nicht über ein Aufgeld wie bei einem Classic Turbo-Optionsschein eingepreist werden. Bei diesen Produkten werden deshalb die Zinsen (und zusätzlich die Risikokosten) durch einen täglichen Anpassungsbetrag berücksichtigt. Dies führt bei einem Turbo-Optionsschein Call (ceteris paribus) zu einem steigenden Basispreis und damit zu einem sinkenden Preis des Optionsscheins. Sollten die Zinsen höher als die entsprechende Risikoprämie sein, wird bei einem Turbo-Optionsschein Put der Basispreis ebenfalls nach oben angepasst. Dies führt ceteris paribus zu einem steigenden Optionsscheinpreis.

Kapitalgeschützte Zertifikate
Kapitalgeschützte Zertifikate bestehen in der Regel aus einer sogenannten Nullkuponanleihe und einer Call Option. Wie oben gezeigt wirkt ein steigender Zins positiv auf den Preis des Kaufoptionsscheins. Bei Anleihen verhält sich dies allerdings anders, denn wenn die Zinsen steigen, sinken die Anleihen im Kurs. Da der negative Einfluss auf die Anleihe meist den positiven Effekt auf den Optionsschein überwiegt, führen steigende Zinsen unterm Strich zu einem sinkenden Preis des kapitalgeschützten Zertifikats.

Fazit: Es zeigt sich, dass verschiedene Zinskonstellationen unterschiedliche Auswirkungen auf die verschiedenen Produkte haben. Auch wenn der Einfluss des Zinssatzes in der Regel deutlich geringere Auswirkungen hat als beispielsweise die Volatilität, sollten Anleger die zukünftige Zinserwartung dennoch bei ihren Anlageentscheidungen stets berücksichtigen.