Interview

Der DDV im Gespräch mit Markus Koch

Tech ist die Gegenwart und erst recht die Zukunft

Der Deutsche Derivate Verband (DDV) hat Markus Koch als Journalist des Jahres 2019 ausgezeichnet. Am Rande der Verleihung der Preise für Wirtschaftsjournalisten sprachen wir mit dem Gewinner unter anderem über die Unterschiede in der Wertpapieranlage in Deutschland und Amerika sowie die ungewollten Auswirkungen von zu viel Regulierung.

DDV: Seit mehr als 20 Jahren beschäftigen Sie sich mit Finanzen und Börse. Was fasziniert Sie an den Kapitalmärkten?
Markus Koch: Die Ungewissheit und der rasante Wandel. Beides erfordert die Bereitschaft, sich neu zu erfinden. Das hält mich trotz grauer Haare jung.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Börsenlandschaft seit dem Beginn Ihrer Karriere verändert?
Nur eines ist geblieben: das Ziel, Gewinne zu machen. Wir sehen rapide technologische Fortschritte, einhergehend mit einer massiven Datenexplosion. An der Börse ist Intelligenz nun weniger ein Merkmal des Einzelnen, sondern eine Eigenschaft des kollektiven Verstands, erweitert durch die Intelligenz der Maschine. Es findet ein Umbruch statt, der bestehende Regeln aufbricht und Gesetze vollends neu definiert.

Und welche Veränderungen haben Sie in der Finanzberichterstattung bemerkt?
Die Innovationsbereitschaft geht, wie in der traditionellen Finanzbranche selbst, oft nicht weit genug. Die Gefahr, den Anschluss zu verpassen, nimmt zu, auch weil sich Technologie und Software gleichzeitig beschleunigen. In einem solchen Umfeld können disruptive Innovationen auch eine Marktrevolution auslösen.

Gibt es noch immer große Unterschiede zwischen der amerikanischen und deutschen Wertpapierkultur?
Deutschland hat keine Aktienkultur, weil es am politischen Zuspruch mangelt. Es ist ein Irrglaube, davon auszugehen, dass die schlechte Bildung bei Finanzthemen daran schuld sei. Amerikaner sind auf dem Gebiet wesentlich ahnungsloser und trotzdem ist der Besitz von Aktien weit verbreitet. Die steuerlich begünstigte private Altersvorsorge basiert meist genauso auf Aktien wie die Betriebsrenten.

Stichwort Regulierung. Wie schätzen Sie die Entwicklungen der zurückliegenden Jahre ein?
Die Katze beißt sich hier in den eigenen Schwanz und die Regulatoren sind teils über das Ziel hinausgeschossen. Banken haben sich vom Eigenhandel verabschiedet und schließen Hedgefonds. Dadurch wurde am globalen Kapitalmarkt aber die Liquidität verringert und die Volatilität angefacht. Die Risiken wurden angefacht. Am Rande sei bemerkt, dass wir durch MiFID II in Deutschland quasi eine Entmündigung des Anlegers erleben.

Worauf sollten Anleger achten, die sich zum ersten Mal mit Wertpapieren beschäftigen?
Wenn die Flut an der Börse alle Boote anhebt, darf man Glück nicht mit Können verwechseln. Trading ist kein Spiel, sondern ein Job, der Erfahrung erfordert. Eiserne Disziplin gehört dabei genauso dazu wie Fachwissen. Nur weil jemand gerne Bäcker wäre, kann man morgen nicht auch gleich eine Bäckerei eröffnen.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie selbst bei Ihren Investments? Sind Sie eher konservativ oder progressiv in Ihrer Anlageentscheidung?
Ich verdiene mit der Wall Street mein Einkommen und investiere mein Einkommen dann wieder an der Wall Street. Mein Risiko ist dementsprechend hoch, was ich in meiner Anlagestrategie berücksichtigen muss. Ich trade aktiv nur mit Geld, das ich verlieren darf. Meine Altersvorsorge ist langfristig aufgestellt. Da wir uns im sechsten Jahr des Bullenmarkts befinden, habe ich eine reduzierte Aktiengewichtung.

Sie haben einmal gesagt: »Wer sich selbst nicht kennt, der hat an der Börse nichts verloren.« Wie meinen Sie das?
Wie viel Schmerz kann ich ertragen, ist eine entscheidende Frage bei der Geldanlage. Weiß ich zwischen realen Gefahren und irrationalen Ängsten zu unterscheiden? Wie sich Angst anfühlt weiß jeder von uns; aber nur wenige befassen sich mit der Frage, was Angst bedeutet. Kurzum: Wer die Börse beherrscht, kann jede Beziehung meistern.

Haben Sie mit Ihren Anlagen auch schon mal richtig danebengelegen; und wie haben Sie reagiert?
Meine Finanzkrise hatte nichts mit Aktien zu tun, sondern vor allem mit meiner Ex-Frau. Wobei auch hier eine goldene Börsenregel vorn stand: Cut your losses while you can!

Was ist Ihr persönliches Highlight in all den Jahren an der Wall Street?
Es gab so viele Highlights, es ist kaum auszuhalten. Ich bin vor allem dankbar dafür, dass ich die Neunzigerjahre auf dem Parkett der New Yorker Aktienbörse miterleben durfte. Mit den damals über viertausend Menschen auf dem Floor konnte man noch beobachten, was Börse ausmacht. Stolz, Verantwortung, Zusammenhalt, Wettbewerb und Tradition: There is no place like the Floor!

Amerikanische Unternehmen besetzen zurzeit 15 Plätze auf der Liste der 20 größten börsennotierten Firmen – so viele wie noch nie seit 2003. Wie sehr bestimmen Apple, Microsoft, Amazon, Google & Co. das Treiben an der Wall Street?
Tech ist die Gegenwart und erst recht die Zukunft. Die hohe Marktgewichtung ist auch in diesem Jahr an der Wall Street absolut entscheidend. Das hat viele Vorteile, bringt durch die hohe Konzentration aber auch Risiken mit sich.

Was erwarten Sie vom amerikanischen Aktienmarkt 2019?
Meine Erwartungen für das Gesamtjahr wurden binnen vier Monaten vollends erfüllt und das leichte Geld ist verdient. Es ist viel Hoffnung eingepreist und es bleibt zu hoffen, dass die Konjunktur und die Unternehmen den Erwartungen gerecht werden. Das halte ich für alles andere als garantiert.

Abschließend noch die entscheidende Frage: Auf welche amerikanischen Börsenwerte sollten Anleger einen Blick werfen?
Das kommt auf den jeweiligen Anleger an, auf dessen Ziele, den Zeithorizont und die Strategie. Am besten sollte man natürlich nur die Aktien kaufen, die einem Gewinne einbringen. Wie das funktioniert, erkläre ich gerne rückblickend im nächsten Interview.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Lars Brandau, Geschäftsführer DDV.