Interview

Prof. Dr. Lutz Johanning, Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Kapitalmarktforschung an der WHU – Otto Beisheim School of Management, Vallendar

Zukunftserwartungen besser als wirtschaftliches Umfeld

ideas: Herr Prof. Dr. Johanning, Sie sind seit 2007 Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Kapitalmarktforschung an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Wie schätzen Sie den Fokus auf die finanzielle Bildung schon im Jugendalter in Deutschland ein und wo sehen Sie Potenziale?
Bei meinen Kindern bekomme ich mit, dass in der Schule wichtige Finanzthemen wie Altersvorsorge und Zinsrechnung thematisiert werden. Diese Inhalte könnten umfangreicher geschult werden, was aber angesichts der Vielzahl der relevanten Themen nicht einfach ist. Meines Erachtens könnte die Ausbildung in Teilen etwas praxisorientierter – beispielsweise durch ein kurzes Börsenspiel – sein.

Das Börsenjahr 2019 ist im Vergleich zum Ende des Jahres 2018 regelrecht fulminant gestartet – und das, obwohl die Unsicherheitsfaktoren noch lange nicht vom Tisch sind. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
An den Börsen werden die Zukunftserwartungen gehandelt und die sehen derzeit besser aus als das aktuelle wirtschaftliche Umfeld. So scheinen sich die Unsicherheiten bezüglich des Brexits und des Handelsstreits zwischen den USA und China eher zu entschärfen. Auch das hat einen positiven Einfluss auf die Kursentwicklungen an den Börsen.

Das Nullzinsumfeld macht es derzeit nicht leicht für Anleger, die das Risiko eines reinen Aktieninvestments scheuen. Inwiefern sehen Sie Zertifikate als Möglichkeit, um mit reduziertem Risiko dennoch an der Entwicklung der Aktienmärkte zu partizipieren?
Zertifikate sind für solche Anlagen prädestiniert. Durch die Strukturierung bei bestimmten Zertifikatetypen – wie Discount-Zertifikaten, Aktienanleihen und Express-Zertifikaten – lassen sich mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit von je nach Risikoklasse von 80 bis 90 Prozent ansehnliche Renditen von 2 bis 5,5 Prozent p.a. erwirtschaften. So kann man mit Zertifikaten an den höheren Aktienrenditen partizipieren und gleichzeitig das Risiko reduzieren.

Sind Zertifikate Ihrer Meinung nach auch für Kleinanleger geeignet?
Ja. Kleinanleger sollten darauf achten, dass sie Produkte mit geeignetem Risikoprofil, Renditepotenzial und Kosten erwerben. Seit 2018 stehen diese Informationen mit den neuen Regulierungen den Anlegern vor Vertragsschluss zur Verfügung. Bei Zertifikaten gab es solche Informationen übrigens schon Jahre vorher, denn die Branche hatte im Interesse der Anleger diese Informationen in Form einer Selbstverpflichtung veröffentlicht.

Wie sehen Sie die massive Zunahme der Regulierung des Finanzsektors in den vergangenen Jahren? Können Privatanleger dadurch wirklich geschützt werden? Oder wird ihnen eher die Selbstbestimmung genommen?
Die grundsätzliche Zielsetzung der Regulierung, Anleger vor Vertragsabschluss mit den wesentlichen Informationen zu Risiken, Renditen und Kosten zu versorgen, ist komplett richtig. Dabei geht der Regulator von einem mündigen Verbraucher aus. Diese zusätzlichen Informationen sollen die Verbraucher befähigen, die Produkte besser zu verstehen und miteinander zu vergleichen.

Problematisch an der Regulierung ist lediglich die Umsetzung. So wurde zum Beispiel eine ungeeignete Methode für die Risikoberechnung gewählt, obwohl bessere Verfahren zur Verfügung stehen. Auch ist die Informationsmenge beispielsweise in den Basisinformationsblättern immer noch viel zu umfangreich.

An Ihrem Lehrstuhl beschäftigen Sie sich mit Empirischer Kapitalmarktforschung. Welche Ihrer Studien lieferte bislang das überraschendste Ergebnis?
In einem Experiment haben wir untersucht, wie gut Anleger Produktinformationsblätter für Fonds verstehen. Dabei haben wir festgestellt, dass mehr Informationen über die Risiken der Fonds die Anleger verwirren. Weniger Information ist also häufig besser. Eine wichtige Empfehlung für den Regulator ist daher, die Informationsmenge für die Anleger auf das Wesentliche zu reduzieren und noch weiter zu beschränken.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.