Interview

Interview mit Dr. Hartmut Knüppel, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbands (DDV)

Den Anleger konsequent in den Mittelpunkt stellen

ideas: Herr Dr. Knüppel, Sie setzen sich als Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbands für die deutsche Zertifikatebranche ein. Kaufen Sie denn auch selbst Zertifikate?
Ja klar. In meinem Depot liegen zwar nicht nur Zertifikate, aber ihr Anteil ist schon recht groß und bis auf eine Ausnahme habe ich mit meinen Anlagezertifikaten immer Gewinne erzielt, manchmal kleinere, häufig aber auch recht stattliche.

Ende Februar scheiden Sie nach elf Jahren an der Verbandsspitze altersbedingt aus dem DDV aus. Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie zurückblicken?
Kurz nach der Gründung des Verbands habe ich gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen die DDV-Transparenzinitiative ins Leben gerufen. Sie ist bis heute ein zentraler Bestandteil unserer Verbandskommunikation. Diese Initiative beinhaltet unter anderem unsere einprägsame Produktklassifizierung, die Derivate-Liga, und die europaweit detailliertesten Marktstatistiken und nicht zuletzt den Fairness Kodex. Diese Selbstverpflichtung für alle unsere Mitglieder schreibt ein Höchstmaß an Produkt- und Kostentransparenz fest. Im Vergleich zu anderen Branchen hatten wir hier lange Zeit die Nase vorn. Außerdem war es mir wichtig, das inhaltliche Profil des Verbands zu schärfen. Mit der Reihe »Daten, Fakten, Argumente« setzen wir Fakten gegen Vorurteile, und auch der von mir entwickelte Informationsdienst für politische Entscheider INFORUM als wichtiger Bestandteil der politischen Kommunikation findet sehr positive Resonanz. Der Deutsche Derivate Tag als zentraler Branchenevent zählt sicherlich auch zu den Highlights.

Womit sind Sie nicht zufrieden?
Bei der Wertpapierkultur liegt in Deutschland noch sehr viel im Argen. Wertpapiere sind für den Vermögensaufbau und die Altersvorsorge unverzichtbar, die meisten Deutschen interessieren sich aber kaum für Finanzen und machen um Wertpapiere einen großen Bogen. Insofern gibt es auch beim Marktvolumen der Zertifikate noch Luft nach oben. Positiv ist allerdings, dass die Privatanleger bei ihren Investitionsentscheidungen immer stärker auf passive Finanzprodukte setzen. Diese sind transparent, kostengünstig und liquide, und die Chancen stehen ganz gut, dass dieser Trend auch neuen Schwung in den Zertifikatemarkt bringen wird.

Wie hat sich der Zertifikatemarkt in den vergangenen elf Jahren verändert?
Der Zertifikatemarkt hat sich inzwischen zu einem reifen Markt entwickelt mit dem größten Produktuniversum aller Wertpapiergattungen. Jeder Anleger kann hier ein Zertifikat finden, das für ihn maßgeschneidert ist. Ein Zertifikat, das seiner Markteinschätzung sowie seiner individuellen Risikoneigung und Renditeerwartung entspricht. Außerdem hat die Branche im Rahmen der Selbstregulierung in den vergangenen Jahren eine Menge erreicht. Die Branchenstandards für den Anlegerschutz und für die Transparenz und Verständlichkeit der Produkte können sich sehen lassen. Aber gleichzeitig schnürt die staatliche Regulierung vor allem auf europäischer Ebene das Korsett für die Banken immer enger und treibt die entsprechenden Kosten nach oben, ohne dass damit der Anlegerschutz nachhaltig verbessert wird.

Was ärgert Sie an der Politik?
Viele der europäischen und nationalen Regulierungsmaßnahmen, mit denen die Banken in den vergangenen Jahren förmlich überrollt wurden, sind zwar gut gemeint, aber nicht gut gemacht und vor allem nicht gut aufeinander abgestimmt. Die Anlageberatung ist mittlerweile dermaßen überfrachtet mit Vorschriften, dass sowohl den Privatanlegern als auch den Banken der Spaß an der Wertpapieranlage vergeht. Das Motto »weniger ist manchmal mehr« gilt hier in jedem Fall. Um den bürokratischen Vorschriftendschungel zu lichten, braucht man inzwischen keine Heckenschere, sondern eine Kettensäge.

Wie könnte ein guter Anlegerschutz denn aussehen?
Transparenz und Verständlichkeit dürfen nicht länger nur Lippenbekenntnisse sein. Regulatorische Vorgaben müssen praxisgerechter gestaltet werden. Kundeninformationen dürfen sich nicht mehr hinter komplexen juristischen Formulierungen verstecken. Hier muss der Anleger konsequent in den Mittelpunkt gestellt und Vorschriften müssen an seine Bedürfnisse angepasst werden. Das war vielleicht auch die anfängliche Intention des Gesetzgebers, davon ist aber heute nicht mehr viel zu spüren.

Herr Knüppel, Sie gehen jetzt in den Ruhestand ...
... Ruhestand, das klingt für mich ein wenig befremdlich. Ich habe immer viel gearbeitet und das sehr gerne, solange ich etwas gestalten und bewegen konnte.

Also, was werden Sie ab Frühjahr machen?
In meinem bisherigen Berufsleben konnte ich in den Bereichen Kommunikation und Politik sehr viele Erfahrungen sammeln, und diese will ich als Berater in Berlin sowohl politischen Entscheidern als auch Verbänden zur Verfügung stellen. Außerdem schließe ich im Sommer gemeinsam mit meiner Frau meine Ausbildung zum NLP-Coach ab und ergänze damit mein Beratungsangebot.

Und ansonsten machen Sie mehr Urlaub?
Nicht ganz. Ich habe einen Lehrauftrag an der Universität Tübingen angenommen und werde mich schwerpunktmäßig um Sustainable Finance und insbesondere um nachhaltige Geldanlagen kümmern. Ich habe 1980 in meiner Diplomarbeit den Begriff der »ökologischen Marktwirtschaft« geprägt und bei den Jungen Liberalen programmatisch verankert. Über umweltpolitische Instrumente habe ich promoviert, und so schließt sich der Kreis. Und nicht zu vergessen meine vier Enkeltöchter. Die werden schon dafür sorgen, dass keine Langeweile aufkommt.

Dann drücken wir Ihnen für Ihre vielfältigen Vorhaben die Daumen und wünschen dabei viel Spaß und Erfolg!
Das Interview führte Anja Weingärtner.