Interview

Interview mit Prof. Dr. Steffen Meyer

Eigene Impulsivität kontrollieren und Ruhe bewahren

ideas: Herr Professor Meyer, Sie sind Professor am Institut für Geld und internationale Finanzwirtschaft und Direktor des Hannover Center of Finance e.V. sowie wissenschaftlicher Leiter der Research-Initiative »Individual Investor Trading and Investing«. Können Sie unseren Lesern kurz Ihre tägliche Arbeit bzw. Ihre Forschungen beschreiben?

Wir beschäftigen uns in unserer täglichen Forschung mit Anlageentscheidungen von privaten Haushalten und untersuchen, welche Faktoren Menschen bei ihren Entscheidungen bewegen, wie Entscheidungen getroffen werden und am Ende, ob diese Entscheidungen den Investoren den erhofften Mehrwert gebracht haben.

Wir stellen leider oft fest, dass Anleger im Vergleich zu Benchmarks, den eigenen Erwartungen oder auch im Vergleich mit den Empfehlungen, die sich aus der Forschung ableiten lassen, oft suboptimale Entscheidungen treffen. Sie übergewichten deutsche Aktien, halten wenig diversifizierte Portfolios, handeln impulsgesteuert und häufig zu viel und erwischen dabei auch oft noch den falschen Zeitpunkt für ihre Aktivität.

Wir versuchen, weitere systematische Anlagefehler zu finden, zu verstehen, warum solche Entscheidungen getroffen werden und schlussendlich auch Lösungen vorzuschlagen und zu testen, die Menschen Hilfestellung für bessere Anlageentscheidungen geben.

Welche Erkenntnisse der vergangenen Jahre würden Sie als besonders bahnbrechend oder überraschend bezeichnen?
Das ist eine interessante Frage. Für mich sind das drei Erkenntnisse. Wir haben in Zusammenarbeit mit einem Online-Broker Anlegern per E-Mail und Telefon Anlageberatung angeboten, die als Beratung kostenlos war, kostengünstige, international diversifizierte Portfolios angeboten hat und den Kunden eine Liste mit durchzuführenden Transaktionen an die Hand gegeben hat. Diese Beratung war aus wissenschaftlicher Sicht gut. Überraschend für uns war, dass weniger als 25 Prozent der Beratungsempfehlungen umgesetzt worden sind, obwohl eine Umsetzung das Risiko-Rendite-Verhältnis im Vergleich zum tatsächlichen Portfolio deutlich verbessert hätte. Dies zeigt, dass, wenn man das Ziel einer Verbesserung von Anlageentscheidungen privater Anleger durch Beratung erreichen möchte, die Nachfrageseite auch eine wichtige Stellschraube ist, an der zum Beispiel durch geeignete Kommunikation gedreht werden sollte.

Die vergangenen Monate waren für Privatanleger am Aktienmarkt nicht leicht und oft mit Verlusten verbunden. Welchen Rat können Sie Investoren in diesem Marktumfeld geben, um nicht in typische Behavioral-Finance-Fallen zu tappen?
Ein Anleger, der ein breit diversifiziertes, kostengünstiges Portfolio hat, ist gut für jede Marktphase aufgestellt und wird so am wahrscheinlichsten langfristig am Aktienmarkt gewinnen. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind – also breite Diversifikation und kostengünstiges Portfolio – heißt es deshalb auch im aktuellen Marktumfeld: Ruhe bewahren und Kurs halten.

Natürlich sollte man je nach persönlicher Risikoeinstellung und -tragfähigkeit das Portfolio jährlich überprüfen, ob man bei der Aktienquote möglicherweise ein Rebalancing vornehmen sollte.

Welche makropolitischen Ereignisse haben Ihrer Erfahrung nach die größten Auswirkungen auf Anlageentscheidungen von Investoren?
In der Vergangenheit waren Events wie der Brexit, Fukushima oder auch die Pleite der Lehman Brothers Ereignisse, die private Anleger bewegt und zu großer Aktivität geführt haben. In der Forschung zeigt sich immer wieder, dass Anlageentscheidungen, die aufgrund eines Impulses, der durch eine erhöhte Aufmerksamkeit entsteht, für Anleger selten zu positiven Renditen oder einer Reduktion des Risikos führen. Wir können zum Beispiel zeigen, dass Anleger in Zeiten, die von gefühlter, erhöhter ökonomischer Unsicherheit geprägt sind, eher dazu neigen, ihre Gelder aus dem Aktienmarkt abzuziehen, diese Gelder aber in ruhigeren Phasen nicht wieder in den Markt reinvestieren. Dies führt auf Dauer zu einer Reduktion der Aktienmarktpartizipation.

Darüber hinaus befinden wir uns seit einiger Zeit in einem Umfeld niedriger Zinsen. Hier sollte man eigentlich erwarten, dass Menschen verstärkt Investitionen suchen, die eine höhere Verzinsung und Inflationsschutz bieten. Deshalb hätten wir erwartet, dass eine Aktienmarktpartizipation über das ohnehin existierende Equity-Premium hinaus attraktiver wird und deutlich ansteigt. Es ist eher das Gegenteil passiert. Menschen haben ihre Gelder in Sichteinlagen oder Tagesgeldern geparkt, aber nicht in Depots überführt. Gerade und insbesondere bei längeren Anlagehorizonten wäre aber eine diversifizierte, kostengünstige Anlage in Aktienprodukte sicherlich sinnvoller gewesen.

Die Regulierung hat in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen, mit dem Ziel, den Privatanleger zu schützen. Sind diese Maßnahmen aus Ihrer Sicht sinnvoll und haben sie schon eine Verbesserung gebracht?
Grundsätzlich sind Privatanleger mit einem Informationsdefizit ausgestattet. Dieses durch erhöhte Transparenz zu minimieren, ist grundsätzlich eine gute Sache. Für den uninformierten und damit schützenswerten Anleger sind dadurch Beratungsprozesse entstanden, die im Wesentlichen auf breit gestreute Fondsanlagen setzen. Das ist sicherlich eine Entwicklung, die in die richtige Richtung geht, allerdings entstehen so zwar diversifizierte aber potenziell auch relativ teure Portfolios.

Neben dieser Gruppe von privaten Anlegern gibt es aber noch die Gruppe von Anlegern, die sich intensiv mit dem Thema Finanz- und Anlageentscheidungen auseinandersetzen. Hier wünsche ich mir, dass wir weniger in Richtung Verbote und Einschränkungen denken, sondern viel eher auf personalisierte Informationen und Tools zur Entscheidungsunterstützung setzen. Dies könnten Portfolioreports sein, die diese Kunden über ihren Status quo informieren, oder Tools, die es ermöglichen, die Konsequenzen für das Portfoliorisiko ex ante einschätzen zu können.

Welche Faktoren sollten Anleger bei der Geldanlage – neben dem Klassiker Diversifikation – beachten?
Die anderen beiden wichtigen Faktoren wären: Meine eigene Impulsivität kontrollieren und deshalb Ruhe bewahren und bei Anlagen stets darauf achten, kostengünstig zu investieren.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.