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Deutscher Derivate Verband

Sind Zertifikate intransparent?

Jeder Anleger sollte nur das Finanzprodukt kaufen, dessen wesentliche Eigenschaften und Funktionsweise er auch wirklich kennt. Dafür muss das Produkt transparent sein. Ob es transparent ist oder nicht, lässt sich mit objektiven Kriterien überprüfen. Wer Zertifikate und andere Finanzprodukte einer solchen Prüfung unterzieht, wird möglicherweise überrascht sein.

Fakten
In der Finanzwissenschaft lassen sich bei Finanzprodukten sechs Formen von Transparenz unterscheiden: Transparenz der Basiswerte, Szenariotransparenz, Risikotransparenz, Kostentransparenz, Liquiditätstransparenz und Werttransparenz. Dabei sind folgende Fragen zu beantworten: Welcher Basiswert liegt dem Produkt zugrunde? Welche Bedingungen sind an die Rendite geknüpft? Werden Risiken klar benannt und gibt es dafür Kennzahlen? Welche Kosten entstehen? Kann ein Anleger das Produkt jederzeit problemlos wieder verkaufen? Ist dabei stets der aktuelle Wert der Anlage bekannt? Zur Transparenz gehört aber auch, dass die Informationen zur Struktur und Entwicklung des jeweiligen Marktes verfügbar sind. Die folgenden Fakten zu all diesen Fragen belegen, dass Zertifikate sowohl eine sehr hohe Produkt- als auch Markttransparenz aufweisen. Sie schneiden sogar besser ab als viele andere etablierte Finanzprodukte.

Produkttransparenz
Für den Anleger ist es wichtig zu wissen, welche Werte einem Finanzprodukt zugrunde liegen. Die Transparenz dieser sogenannten Basiswerte ist hoch, wenn die Einzelbestandteile des Finanzprodukts bekannt und jederzeit öffentlich verfügbar sind. Auch die Wertentwicklung eines Zertifikats ist stets an einen Basiswert gekoppelt. Das können zum Beispiel Aktien, Indizes, Rohstoffe oder Währungen sein. Jeder Zertifikateanleger kennt den Basiswert seines Zertifikats, denn es ist das wichtigste Ausstattungsmerkmal.

Wenn die Wertentwicklung eines Produkts für verschiedene Entwicklungen und Szenarien der jeweiligen Basiswerte schon vor dem Kauf des entsprechenden Produkts gezeigt wird, spricht man von Szenariotransparenz. Bei Zertifikaten weiß der Anleger von vornherein, was er je nach Entwicklung des Basiswerts als Auszahlung erhält. In den Basisinformationsblättern werden die Renditechancen und potenziellen Risiken der Produkte transparent dargestellt.

Wenn sämtliche Risiken des Finanzprodukts beschrieben, ihre Größen und die entsprechenden Berechnungsverfahren verfügbar sind, liegt Risikotransparenz vor. Dabei sind das Bonitäts- und das Marktrisiko zu unterscheiden.

Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen und unterliegen damit wie Anleihen einem Bonitätsrisiko. Die Zertifikateemittenten lassen ihre Bonität, also ihre Kreditwürdigkeit, regelmäßig von Ratingagenturen bewerten. Auch Credit Default Swaps (CDS) helfen dem Anleger, die Bonität des jeweiligen Zertifikateemittenten richtig einzuschätzen. Je niedriger der Wert, umso höher die Bonität. Der DDV veröffentlicht unter www.derivateverband.de börsentäglich Informationen zu den aktuellen CDS der wichtigsten Emittenten.

Bei fast allen Zertifikaten kann der Anleger das jeweilige Marktrisiko leicht einschätzen. Der Gesamtrisiko-Indikator des Basisinformationsblatts stuft alle Anlagezertifikate und Hebelprodukte in eine von sieben Risikoklassen ein, die von sicherheitsorientiert bis spekulativ reichen. In die Berechnung des Gesamtrisiko-Indikators fließt neben dem Marktrisiko auch das Kreditrisiko ein.

Das Kriterium der Kostentransparenz ist erfüllt, wenn die einzelnen Kostenkomponenten eindeutig benannt und die Kostenhöhen publiziert sind. In den gesetzlich vorgeschriebenen Basisinformationsblättern bzw. Produktinformationsblättern weisen die Emittenten für Zertifikate die Produktkosten aus. Sie umfassen gemäß der europäischen Finanzmarktrichtlinie die Einstiegskosten, die fortlaufenden Kosten und die Ausstiegskosten. Die Produktkosten enthalten unter anderem die beim Emittenten entstehenden operativen Kosten für Strukturierung, Market-Making und Abwicklung des jeweiligen strukturierten Wertpapiers und beinhalten auch den erwarteten Gewinn für den Emittenten.

Bewertungstransparenz besteht, wenn der Wert des Finanzprodukts jederzeit bekannt ist. Die An- und Verkaufspreise von Zertifikaten werden von den Börsen in Stuttgart und Frankfurt im Sekundentakt aktualisiert und veröffentlicht. Auch im außerbörslichen Handel stellen die Emittenten für die Produkte fortlaufend Kauf- und Verkaufskurse, zu denen ein Handel möglich ist.

Liquiditätstransparenz ist gegeben, wenn Möglichkeit, Schnelligkeit und Kosten von Kauf und Verkauf eines Finanzprodukts beschrieben und beziffert werden. Die Zertifikateemittenten und Börsen stellen für alle Anlagezertifikate und Hebelprodukte fortlaufend Kauf- und Verkaufskurse, sodass ein Handel jederzeit möglich ist. Die Anleger erhalten die wesentlichen Informationen zu diesen sechs Transparenzkriterien auf den Webseiten der Zertifikateemittenten und Börsen sowie auf vielen Finanzportalen.

Markttransparenz
Neben der Transparenz der Finanzprodukte ist für den Anleger auch die Transparenz des jeweiligen Marktes von Bedeutung. Hier hat der DDV gemeinsam mit seinen Mitgliedern und Fördermitgliedern wichtige Standards gesetzt.

Produktklassifizierung: Eine wesentliche Voraussetzung für Transparenz ist die Produktklassifizierung des DDV, an der sich alle deutschen Emittenten orientieren. Sie gibt dem großen Produktuniversum der Anlagezertifikate und Hebelprodukte eine Struktur. Diese sogenannte Derivate-Liga vergleicht dabei die wichtigsten Produktkategorien mit den elf Spielpositionen einer Fußballmannschaft. Im Wesentlichen unterscheiden sich die Produkttypen in Funktionsweise und Risikogehalt.

Transparenz von Finanzprodukten im Vergleich

Transparenz hinsichtlich ...

Basiswert

Szenario

Risiko

Kosten

Bewertung

Liquidität

Offene Fonds (mit aktivem Management)

0

++

+

+

++

Exchange Traded Funds (ETF)

++

++

++

+

++

++

Zertifikate

++

++

++

+

++

++

Lebensversicherungen

––

0

0

+

++ sehr hoch, + hoch, 0 mittel, – gering, –– sehr gering; Quelle: Einschätzung des DDV

Einheitliche Fachbegriffe: Auch bei der Definition und Festlegung der Fachbegriffe, die zur Erläuterung der Zertifikate und deren Funktionsweise erforderlich sind, hat der DDV einen wichtigen Marktstandard gesetzt. An ihm orientieren sich die Mitglieder des DDV sowie die Börsen Stuttgart und Frankfurt.

Marktstatistiken: Der DDV veröffentlicht regelmäßig sehr detaillierte Statistiken zu Marktvolumen, Börsenumsätzen und Marktanteilen.

ORIENTIERUNGSHILFEN FÜR ANLEGER

Informationsblätter
Seit Anfang 2018 wird allen potenziellen Anlegern vor dem Kauf von verpackten Anlageprodukten ein Basisinformationsblatt zur Verfügung gestellt. Dies gilt im Wesentlichen für Zertifikate, kapitalbildende und fondsgebundene Lebensversicherungen und ist (teilweise erst ab 2020) auch für Investmentfonds vorgesehen.

Das Basisinformationsblatt stellt auf drei Seiten die wesentlichen Merkmale und die Funktionsweise eines Finanzprodukts dar, beschreibt ausführlich die damit verbundenen Risiken und Chancen unter verschiedenen Szenarien und nennt auch die Kosten. Der Gesamtrisiko-Indikator zeigt anschaulich anhand von sieben Stufen, wie hoch das Risiko der Anlage ist. Die Basisinformationsblätter sollen auch den Vergleich zwischen verschiedenen Finanzprodukten erleichtern.

Anlage-Checkliste
In Kooperation mit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hat der DDV eine Checkliste mit insgesamt 18 Fragen und Erläuterungen entwickelt, mit deren Hilfe Anleger die wichtigsten Punkte vor dem Kauf eines Zertifikats klären können. Die Checkliste gibt einen guten Überblick über die Informationen, die ein Anleger einholen sollte, bevor er sich für den Kauf eines Zertifikats entscheidet. Außerdem kann der Anleger überprüfen, ob er sich über die Bedingungen des von ihm ausgewählten Zertifikats im Klaren ist und ob er alle wesentlichen Punkte verstanden hat.

Die Derivate-Liga: Produktklassifizierung des DDV
Die Derivate-Liga: Produktklassifizierung des DDV
Quelle: Deutscher Derivate Verband (DDV)