Interview

Florian Harms, Chefredakteur t-online.de

Digitalisierung – Größte Revolution in der Geschichte der Menschheit

ideas: Herr Harms, Sie haben Islamwissenschaft und Politikwissenschaft in Freiburg und Damaskus studiert, gefolgt von journalistischen Einsätzen unter anderem in Libyen, Ägypten, Jordanien, Syrien und dem Libanon. Zuletzt waren Sie Chefredakteur von Spiegel Online. Jetzt sind Sie Chefredakteur von t-online.de – wie sieht heute ein Tag im Leben des Florian Harms aus?

Florian Harms: Sehr lang (lacht). Er beginnt morgens mit viel Lektüre: andere Newssites, die Digitalausgaben der Tageszeitungen, Twitter. Dann planen und diskutieren wir in der Redaktionskonferenz in unserem Newsroom in Berlin-Mitte unser Tagesprogramm: Welche Themen wollen wir vertieft erklären, welche kommentieren, welche mit Livetickern begleiten, schicken wir Reporter los? Bei welchen Aspekten können wir unsere Nutzer einbinden, zum Beispiel durch eine moderierte Leserdebatte? In den folgenden Stunden arbeite ich im Newsroom oder plane mit den Kollegen in den Ressorts und in Frankfurt – wo unser Produktmanagement, die Technik und die Vermarktung sitzen – den Ausbau von t-online.de zur führenden digitalen Medienmarke. Wir pflegen flache Hierarchien, agile Prozesse und einen kollegialen Arbeitsstil. So fliegen die Stunden dahin. Nach einem Teller Nudeln am Abend setze ich mich in meiner Wohnung an einen alten Holzschreibtisch und schreibe den »Tagesanbruch«, mein Morning Briefing, in dem ich den Lesern am folgenden Morgen einen Überblick über die Lage in Deutschland und der Welt gebe und Perlen der deutschen Presse empfehle (www.t-online.de/tagesanbruch/). Dieses Briefing wird morgens um 6.00 Uhr kostenlos an unsere Newsletter-Abonnenten verschickt, zugleich als Artikel auf der Website veröffentlicht, als Audioversion auf Amazon Alexa, Spotify, iTunes und Podcast-Sites sowie auf den Public Video Screens ausgespielt. Ein echtes Multichannel-Format.

Bei der Vielfalt an deutschen Print- und Online-Medien, warum sollen sich Leser ausgerechnet bei t-online.de ihre Nachrichten holen?
Erstens haben wir eine neue Redaktion mit vielen starken Journalisten aufgebaut, die exklusive Nachrichten, Hintergründe und Analysen liefern. Ein Interview mit dem Chefaufklärer zur Terrorgruppe NSU oder Stefan Effenbergs Analyse der Probleme in der deutschen Nationalmannschaft lesen Sie so nur bei uns. Zweitens haben wir uns der Transparenz verschrieben und unterscheiden uns dabei von vielen anderen deutschen Medien: Unter jedem Artikel auf t-online.de geben wir die Quellen an und trennen strikt zwischen faktenbasierten Berichten einerseits sowie Meinungen andererseits, vermischen also beides nicht. Jeder Kommentar und jede Kolumne, die die Ansichten eines Autors wiedergeben, sind bei uns klar als Meinung gekennzeichnet. So wissen unsere Leser immer sofort, woran sie sind. Drittens sind wir das einzige digitale Medium Deutschlands, das wirklich bundesweit eine breite Leserschaft hat – von Kiel bis Garmisch-Partenkirchen, von Frankfurt/Oder bis Duisburg. Und zwar sowohl im Internet als auch im öffentlichen Raum: Unsere Nachrichten und Erklärvideos veröffentlichen wir auch auf den mehr als 4.500 Public Video Screens von Ströer in Bahnhöfen, Innenstädten und Einkaufszentren. So erreichen wir monatlich 47 Millionen Menschen. t-online.de wird zur informationellen Heimat der Bundesbevölkerung.

Als Chefredakteur von t-online.de haben Sie innerhalb weniger Monate eine mehr als 70-köpfige Redaktion aufgebaut. Was hat Sie an dem Job gereizt?
Ganz einfach: Es ist die spannendste Aufgabe, die man derzeit als Journalist in Deutschland haben kann. Unser Mutterkonzern Ströer arbeitet so konsequent und mit so hohem Tempo digital, wie ich es in keinem der traditionellen Verlagshäuser sehe. Wir halten uns nicht mit der komplizierten Transformation schrumpfender Geschäftsmodelle auf, sondern arbeiten konsequent nach vorn. Von den vielen klugen Köpfen in der Ströer Content Group lerne auch ich jeden Tag Neues.

Wo liegen künftig die größten Herausforderungen der digitalen Medienlandschaft?
Ich finde, das lässt sich schwer verallgemeinern. Jedes Medium muss seinen eigenen Weg finden. Die großen Trends sind aber klar: Mobil, Virtual Reality, Künstliche Intelligenz. Die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen und verarbeiten, wird sich in den kommenden fünf, zehn Jahren radikal verändern. Im Fußballstadion mitfiebern, während man in Wahrheit zu Hause auf dem Sofa sitzt, Gedankenübertragung, binnen Sekunden die Quintessenz aus Milliarden Zahlen herausfiltern – was jetzt wie Science-Fiction klingt, wird unser Alltag werden. Für uns Redakteure und Produktmanager bedeutet das: Wir müssen wach, neugierig und jederzeit bereit sein, unsere Arbeitsprozesse an die Veränderungen anzupassen. Und wir müssen den Menschen die Umwälzungen durch die größte Revolution in der Geschichte der Menschheit erklären. Denn darum handelt es sich bei der Digitalisierung.

Können Sie uns Einblicke gewähren in das spannendste oder schrägste Interview, das Sie je geführt haben?
Oh, da gab es einige. In der libyschen Wüste habe ich mir vor Jahren von einem Offizier das Regierungssystem des Diktators Gaddhafi erklären lassen. Der Mann fand es genauso absurd wie ich und besaß einen köstlichen Humor. In seiner Jugend hatte er eine Ausbildung bei der deutschen Marine absolviert und beherrschte daher ein großes Repertoire deutscher Volkslieder. Zum Beweis trällerte er für mich »Hoch auf dem gelben Wagen«. In der Abendsonne. Auf einer Düne. Anschließend fuhren wir in ein Straßenlokal. Er bestand darauf, dass wir nur ganz frisches Fleisch essen. Also ließ er den Ober ein Lamm schlachten, direkt neben unserem Tisch auf der Terrasse. Die Details erspare ich Ihnen.

Vielen Dank für das Gespräch.