Interview

Frauen sollten Geldanlage selbst in die Hand nehmen

Die Geldanlage ist weltweit offenbar nach wie vor überwiegend Männersache. Studien belegen, dass sich vergleichsweise viele Frauen noch wenig oder gar keine Gedanken darüber gemacht haben, wie sie ihr Erspartes anlegen sollen. Zudem scheint gerade unter Frauen der Bedarf an Aufklärung über Finanzthemen groß zu sein. Anne E. Connelly erklärt im Interview, wie sie sich mit ihrem eigenen Portal hermoney.de für die finanziellen Belange von Frauen einsetzt.

ideas: Wie entstand die Idee von www.hermoney.de und auch den Fondsfrauen?
Anne E. Connelly: Ich habe bereits als junges Mädchen beobachtet, dass viele Frauen finanziell von ihren Ehemännern abhängig waren. Für mich war daher klar, dass ich mein eigenes Geld verdienen wollte, um unabhängig sein zu können. Als ich dann die Auswirkungen der neuen Scheidungsgesetze gesehen habe, die viele Frauen oft mittellos zurückließen, wollte ich etwas tun, damit Frauen sich endlich um ihr Geld kümmern.

Die Gründung des Karrierenetzwerks der Investmentfondsbranche »Fondsfrauen« war eine parallele Entwicklung. Als die Quotenregelung Gesetz wurde, habe ich mich gefragt, was macht eigentlich die Fondsbranche für Frauen? Nichts. Als einige der wenigen Frauen in einer verantwortlichen Position fand ich, dass es an der Zeit war, das zu ändern.

Wie viele Menschen erreichen Sie mit www.hermoney.de?
herMoney wird im Gegensatz zu den gängigen Finanzpublikationen zu über 80 Prozent von Frauen gelesen. Das ist schon mal sehr wichtig! Das Portal ist noch im Aufbau und erreicht mit unserem Newsletter zurzeit ca. 3.000 Leser.

Irgendetwas scheint mit der Gleichberechtigung nicht zu funktionieren. Warum brauchen Frauen 2018 überhaupt eine eigene Finanz-Lobby?
Nun, ob herMoney eine Finanz-Lobby ist, wage ich zu bezweifeln. Im besten Falle eine Bewegung... Fakt ist, dass Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger verdienen als Männer. Fakt ist auch, dass Frauen im Schnitt 40 Prozent weniger Rente beziehen als Männer. Ich denke, das sind zwei sehr gute Gründe, die für ein spezielles Angebot für Frauen sprechen.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Anstrengungen?
Ich setze mich dafür ein, dass Frauen sich um ihre finanziellen Belange kümmern. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie selbst Geld verdienen oder zum Beispiel in einer Beziehung leben, in der ihr Partner der Hauptverdiener ist. Wenn Frauen kein aktives Einkommen haben, ist es umso wichtiger, Vereinbarungen mit dem Partner zu treffen. Darin bestärken wir Frauen, ebenso, wie ihr Geld nicht auf dem Sparbuch verrotten zu lassen.

Was denken Sie, wie lange es dauern wird, bis Sie das Ziel erreicht haben?
Wichtig ist zunächst, dass das Bewusstsein für diese Belange geschärft wird. Dann kann eine Veränderung stattfinden. Es ist ein Prozess, der einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück: Was unterscheidet Frauen grundsätzlich beim Umgang mit den Themen Geld und Altersvorsorge von Männern?
Von den Männern wird erwartet, dass sie sich um Geld und Altersvorsorge kümmern. Also machen die meisten das auch, irgendwie. Von Frauen wurde das früher nicht erwartet. Den Frauen war es bis in die Sechzigerjahre untersagt, ein Bankkonto ohne Zustimmung des Mannes zu führen. Gleichermaßen hatte der Ehemann das Recht, seiner Frau einen eigenen Beruf zu verbieten. Der Sozialisierungsaspekt wirkt stark nach, sodass es selbst heute noch als unangemessen empfunden wird, wenn Frauen sich klug für Geldthemen engagieren.

Legen Frauen in der Anlage mehr Wert auf Sicherheit und nehmen dafür weniger Rendite in Kauf?
Dem würde ich bedingt zustimmen. Wichtig zu wissen ist, dass Frauen verstehen möchten, in was sie investieren. Wenn das der Fall ist, sind sie durchaus kluge Anlegerinnen. Studien zeigen, dass Frauen, im Gegensatz zu den Männern, an ihren Anlagestrategien festhalten und eine stetere Performance haben.

Wie erklären Sie sich, dass das Interesse an Finanzthemen insgesamt auch bei gut ausgebildeten Frauen und Männern vergleichsweise gering ist?
Ich denke, das hat größtenteils mit mangelnden Vorkenntnissen zu tun, die in der Schule nicht vermittelt werden. Der Praxisbezug fehlt den meisten. Wenn in der Familie sich aktiv darum gekümmert wurde und die Bedeutung und das Wissen weitergereicht wurden an die Kinder, dann wird das im Erwachsenenleben eher praktiziert. Aber das ist nun mal nicht flächendeckend der Fall.

Braucht es spezielle Finanzprodukte für Frauen oder wie erklären Sie sich das Desinteresse?
Es braucht keine speziellen Finanzprodukte, was es braucht, ist eine andere Ansprache. Das leisten wir mit herMoney. Wir erreichen die Frauen über ihre Lebensphase und nicht über das »beste« Finanzprodukt. Frauen möchten ihre Finanzsituation in den Griff bekommen, von der To-do-Liste streichen sozusagen, und sich nicht täglich damit auseinandersetzen.

Die Finanzbranche ist männlich geprägt, auch die Finanzpublikationen. Dass Frauen sich hierbei nicht angesprochen fühlen, ist kein Wunder. Es mangelt an Vielfalt, die ein Fingerspitzengefühl für Anlegerinnen zulassen würde.

Mit welchen Instrumenten lässt sich Ihrer Meinung nach, unabhängig vom Lebenspartner und der gesetzlichen Rentenversicherung, Vermögen aufbauen?
Nun, ich habe meine komplette Karriere in der Investmentfondsbranche verbracht, aus gutem Grund! Ich halte einen Vermögensaufbau mit Fonds für ein optimales Instrument. Eine Immobilie zu besitzen im Alter ist ebenso ein guter Weg.

Sind Volksvertreter besser im Reden als im Umsetzen? Inwieweit würden Sie mehr Schützenhilfe von der Politik erwarten?
Ich fände es sehr gut, wenn praktische Finanzbildung in den Lehrplänen einen festen Platz bekommt. Allerdings sehe ich hier keine große Bewegung. Bewegung sehe ich sehr wohl im Hinblick auf den Angleich der Löhne und Renten bei Frauen. Dazu werden Zahlen erhoben, veröffentlicht und Gesetzesgrundlagen wie das Entgelttransparenzgesetz geschaffen.

In der Finanzwirtschaft gibt es vergleichsweise wenige Frauen in Führungspositionen. Wie stehen Sie einer Quotendiskussion gegenüber?
Da sich nachweislich in der Wirtschaft und insbesondere in der Finanzwirtschaft wenig getan hat, um mehr Frauen in Führung zu bringen, ist die Quote eine logische Konsequenz. Ich halte es für richtig, da sich sonst nichts bewegt. Quoten per se sind nicht sexy, aber sie sind eine gute Starthilfe. Es wäre schön, wenn wir sie irgendwann nicht mehr brauchen.

Nun kommen Sie, beruflich betrachtet, aus dem Fondsbereich. Was halten Sie von anderen Kapitalmarktprodukten?
Mit Fonds kenne ich mich recht gut aus und sie sind fester Bestandteil meines Depots. Aktien halte ich gleichermaßen, wie auch ETFs oder etwas Gold.

Was denken Sie über strukturierte Wertpapiere zur Depotbeimischung, vor allem vor dem Hintergrund der zunehmend schwankungsanfälliger werdenden Märkte?
Für informierte Anleger kann das von Interesse sein.

Was halten Sie von Robo-Advisorn und Plattformen, die nach Algorithmen Wertpapiere kaufen und so Depots zusammenstellen?
Das ist eine interessante Entwicklung, die sicherlich weiter an Dynamik gewinnen wird. Die Visualisierung von Finanzinformationen wird es Anlegern erleichtern, einen Zugang zu komplexeren Sachverhalten zu schaffen. Ob die Robos eine bessere Performance abliefern, bleibt noch offen. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Plattformen nicht die persönliche Finanzberatung ersetzen werden. Im Gegenteil, das eine wird das andere nicht ausschließen.

Würde ein Depot für eine Frau Ihrer Meinung nach anders aufgestellt werden müssen als das für einen Mann? Wo lägen die Unterschiede?
Frauen leben in der Regel länger als Männer und sollten daher einen höheren Aktienanteil haben, um die Rendite auf Dauer zu erzielen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Lars Brandau (Geschäftsführer Deutscher Derivate Verband).

ANNE E. CONNELLY
Anne E. Connelly gilt als Pionierin der Investmentfondsbranche und startete ihre Karriere 1989 bei Pioneer Investments in den USA. 1992 kehrte sie nach Deutschland zurück und war im Vertrieb und Management bei Pioneer (heute Amundi) tätig. Danach war sie langjährige Geschäftsführerin von Morningstar Deutschland und verantwortlich für den Aufbau der D-A-CH-Region (2001 bis 2009). Anschließend wechselte sie in eine europäische Managementfunktion für Morningstar Europe.

Seit 2016 engagiert sie sich hauptberuflich für Genderthemen in der Investmentfondsbranche. Connelly gründete 2017 hermoney.de, das unabhängige Finanzportal für Frauen. Die zweifache Mutter initiierte 2015 das Karrierenetzwerk »Fondsfrauen«, das sie heute leitet. Sie ist unabhängige Aufsichtsrätin bei der Fondsgesellschaft BayernInvest.