Interview

Artur Fischer, Mitglied des Vorstands Börse Berlin und Equiduct

DAX: Erster Realtime-Index in Deutschland

ideas: Herr Fischer, der DAX feiert im Juli 2018 sein 30-jähriges Jubiläum. Sie haben 1988, damals als Direktor bei der Frankfurter Wertpapierbörse, die inzwischen fast schon legendäre DAX-Vollmatrix-Kurstafel auf dem Parkett installieren lassen. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie damals von Frank Mellas (Anm. der Redaktion: ehemaliger Redakteur der Börsen-Zeitung und Erfinder des Deutschen Aktienindex) Idee hörten, einen neuen Index zu kreieren?
Artur Fischer: Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hat Frank Mella das erste Mal von mir etwas über unser Index-Projekt gehört. Was die breite Öffentlichkeit nicht weiß: Es gab einen Vorläufer des DAX als Resultat eines innovativen Technikprojekts der Frankfurter Wertpapierbörse. Dazu vielleicht ein kurzer Rückblick: Wir hatten 1987 gerade die neue Echtzeit-Kurserfassung an der Frankfurter Wertpapierbörse eingeführt, und ich war mit Hans Jürgen Schäfer in seiner Funktion als Leiter der Handelsabteilung der Dresdner Bank und mit Serge Demolière, der den Derivatehandel der Dresdner Bank verantwortete, fast täglich im Gespräch, um Nutzeranforderungen abzustimmen. Im Handelssaal konnten wir ohne Zeitverzögerung die Kursentwicklung hunderter Aktien verfolgen, aber es war immer noch schwierig, die Marktentwicklung als solche sofort zu verstehen. Hans Jürgen Schäfer hat mich daher ermuntert, über die Berechnung eines Index nachzudenken. Wir waren in der Lage, diese Aufgabe kurzfristig in unser Projekt zu integrieren. Unser Fokus lag auf der Echtzeitfähigkeit der Information und nicht so sehr auf dem Indexkonzept, da es ja bereits etablierte Indizes für den deutschen Markt gab. Der F.A.Z.-Index war damals der Gold-Standard in Bezug auf deutsche Indizes. Wie bei allen anderen Indizes zu diesem Zeitpunkt erfolgte die Berechnung einmal am Tag. Das Ergebnis wurde am nächsten Tag in der Zeitung veröffentlicht, es gab damals ja noch kein Internet oder Börsenfernsehen vom Frankfurter Parkett, und BTX steckte noch in den Kinderschuhen. Wir hatten vor, das Konzept des F.A.Z.-Index zu nutzen, um einen Realtime-Index zu veröffentlichen. Die F.A.Z. hat das leider abgelehnt, sodass wir gezwungen waren, auf Basis von Unterlagen der Dresdner Bank ein eigenes Konzept zu entwickeln. In der Börsencommunity gab es weitere Gespräche, denn unser Projekt fand in der Börsenöffentlichkeit statt. Auf dem Parkett kamen täglich fast 1.000 Menschen zusammen. Als wir im Sommer 1988 so weit waren, den Realtime-Index mit dem Arbeitstitel KISS (KISS steht für Kurs Information Service System) Index zu berechnen und anzuzeigen, etablierte sich ungefähr zeitgleich der Index-Arbeitskreis der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Wertpapierbörsen. Frank Mella hat als erwiesener Indexspezialist bei der Börsen-Zeitung den sogenannten Hardy-Index betreut und war, genauso wie ich, Mitglied im Arbeitsausschuss. Frank Mella, wie übrigens auch alle anderen Bankenvertreter im Arbeitskreis, hat mit seinem Fachwissen einen großen Beitrag zur Konzeption geleistet und die Börsen-Zeitung überzeugt, uns die angepasste historische Zeitreihe des Hardy-Index zur Verfügung zu stellen, um dem DAX eine Vergangenheit zu geben. Wir von der Börse hatten die Technologie und waren konzeptionell sehr weit vorn. Wir haben dann unseren Index, der bereits im Testbetrieb lief und zum Großteil auf dem gleichen Konzept beruhte, durch den DAX ersetzt und weltweit mit großem Erfolg vertrieben.

Haben Sie von Anfang an geglaubt, dass sich der DAX als das deutsche Börsenbarometer durchsetzt?
Ja, denn es gab aus meiner Sicht einen entscheidenden Vorteil für den DAX: Er war der erste Realtime-Index in Deutschland, der elektronisch zu jeder Sekunde weltweit den Anlegern die Entwicklung des deutschen Aktienmarkts anzeigte. Andere deutsche Börsen wie zum Beispiel die Berliner Börse hatten auch ihre Kurserfassung und Verteilung auf Computer umgestellt, aber keine andere Börse nutzte diesen Geschwindigkeitsgewinn, um einen Index zu berechnen, der mit nahezu Lichtgeschwindigkeit über Informationsdienste wie Reuters weltweit an alle Finanzmärkte übertragen wurde. Neben den zuvor genannten Punkten ist es von großer Bedeutung, dass der DAX ein Performanceindex ist. Wichtig bei der Verbreitung des DAX war auch die Kostenfrage. Werner Michael Waldeck als Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse hatte bei der Vermarktungsstrategie einen innovativen Weg eingeschlagen. Wir haben den DAX kostenlos weltweit verteilt und nur für die Nutzung des Namens in Zusammenhang mit eigenen Finanzprodukten eine Gebühr verlangt.

Der DAX war nicht der erste deutsche Index. Was hat den DAX damals von den schon bestehenden Indizes unterschieden?
Einer der Gründe, warum der DAX so erfolgreich ist, liegt in der breiten Unterstützung des Konzepts durch die damaligen Akteure des Finanzplatzes Deutschland. Die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Wertpapierbörsen mit Rüdiger von Rosen als Geschäftsführer hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Man darf nicht vergessen, dass die großen Finanzinstitute eigene Indexkonzepte in Konkurrenz zueinander angeboten haben. Mit dem DAX hat sich dann der Finanzplatz auf einen allgemein gültigen Benchmark geeinigt.

Mit der Erfahrung von 30 Jahren: Sehen Sie heute Schwachstellen oder Verbesserungspotenzial beim DAX?
Auch nach 30 Jahren bin ich sicher, dass unser Konzept richtig ist. Kleinere Anpassungen wurden vom Arbeitskreis DAX durchgeführt, der bis zu seiner 100. Sitzung im vergangenen Jahr von Hans Jürgen Schäfer geleitet wurde.

Seit über 30 Jahren sind Sie in der Finanzbranche tätig. Neben der Frankfurter Wertpapierbörse waren Sie unter anderem für die Hypo Bank und die Bankgesellschaft Berlin tätig. Im Jahr 2007 wurden Sie in den Vorstand der Börse Berlin berufen. Welche Momente an den internationalen Börsen waren für Sie die spektakulärsten in den vergangenen 30 Jahren?
Unvergesslich wird mir der Moment in Erinnerung bleiben, als ich am Morgen des 19. Oktober 1987 den Frankfurter Börsensaal betrat und alle Bildschirme flackerten, verursacht durch den starken Kursrückgang. Das war mein erster Börsencrash.
Am 16. September 1992 wurde das britische Pfund aus dem ERM gedrängt. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich in London und mein Gehalt, das in Pfund gezahlt wurde, war plötzlich um einiges weniger wert.
Zu guter Letzt kann ich mich noch gut an die große Schlange von Kunden vor der Bankfiliale von Northern Rock erinnern, die während der Finanzkrise 2008 alle ihre Einlagen abheben wollten. Solche Bilder kannte ich nur aus Berichten über die große Depression der Dreißigerjahre.

1988 waren Aktien beim Privatanleger noch kaum im Depot aufzufinden. 30 Jahre später hat sich dies zwar geändert, dennoch liegt Deutschland im internationalen Vergleich bei der Aktionärsquote deutlich zurück. Sind es Ereignisse wie der Crash am Neuen Markt oder die Finanzkrise, die Anleger von Unternehmensbeteiligungen abhalten?
Ich glaube, dass wir Deutschen generell ein anderes Anlageverhalten als die Angelsachsen haben. Meine Generation ist eher risikoscheu, und natürlich haben Börsencrashs auch eine prägende Wirkung auf die Entscheidung, wie und wo ich mein Vermögen investiere.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.