Interview

Martin Weddemann, Sports Agent und Sports Consultant im Spitzensport

Nur wer große Ziele hat, kann auch wahrhaft Großes erreichen

Frank Schneller: Herr Weddemann, der Fußball ist Ihre Welt. Aber nicht nur beruflich bedingt. Wer Sie kennt, weiß: Sie lieben das Spiel. Freuen Sie sich auf die Weltmeisterschaft? Können Sie diese auch wie ein Fan erleben?

Martin Weddemann: Das kann ich, ja. Die Vorfreude ist auch schon groß.

Dabei ist die Qualität vieler WM-Spiele nicht die höchste. Die Faszination einer WM machen andere Faktoren aus.
Richtig. Für einige Fußballromantiker ist es zwar schwer zu ertragen, dass der Fußball längst ein globalpolitisches Event und ein riesiges Business geworden ist. Die Fußball-WM ist aber auch eine große interkulturelle Party, ein friedliches Fest mit globalem Charakter und spätestens seit der WM 2006 steht eine Fußball-WM auch für Völkerverständigung. Deshalb geht es den Initiatoren weniger darum, dass bei einem solchen Turnier der beste Fußball gespielt wird, obwohl meiner Meinung nach der Wettkampf im Spitzensport neben all den positiven Begleiterscheinungen an erster Stelle stehen sollte. Bei der WM wird aber nicht der beste Fußball gespielt, die beiden besten Teams treffen eher im Finale der Champions League aufeinander, nicht im WM-Endspiel. Das ist sportlich erklärbar und auch nicht der entscheidende Anspruch der FIFA an das Turnier.

Bei der WM werden stets auch neue Stars »geboren«. Unterdessen fiebern zahllose Talente zuhause an den Bildschirmen oder auf der Tribüne mit. Da werden auch Träume geträumt. Frage an den Sportwissenschaftler mit nachweislich soziologischem Hintergrund: Sollten sich junge Fußballer und Talente die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft zum Ziel setzen – oder erzeugt das zu viel Druck? Ist so ein Selbstanspruch überhöht?
Jeder Spitzensportler sollte sich die größtmöglichen Ziele setzen und auf diese Ziele step-by-step über viele kleine Etappenziele hinarbeiten. Im Fußballsport ist das größte sportliche Ziel der Gewinn der WM, noch vor dem Gewinn der Champions League. Denn bei der WM werden Legenden geboren und es wird Fußballgeschichte geschrieben. Man muss sich nur Pelé, Beckenbauer, Maradona oder Zidane anschauen – Weltklassespieler, die durch den WM-Titel zu Legenden wurden. Ich finde nicht, dass die Formulierung eines solchen Ziels zu viel Druck bedeutet. Es ist wichtig, die Talente auf ihrem Weg zum Ziel zu fördern, aber auch zu fordern und sie bestmöglich zu begleiten.

Wie kann das in der Praxis aussehen?
Die Talente sollten die einzelnen Etappen mit Spaß, aber auch mit dem nötigen Ehrgeiz angehen. Sie sollten den Weg zum Ziel genießen und lernen, durch Fleiß, Selbstdisziplin und Opferbereitschaft ihre Ziele zu erreichen. Nur wer große Ziele hat, kann auch wahrhaft Großes erreichen. Außergewöhnliche Talente setzen sich außergewöhnliche Ziele und durchschnittliche Talente setzen sich halt durchschnittliche Ziele. Dies ist in jedem Sport und jedem Beruf so. Selbst wenn man dann das große Ziel nicht erreicht hat, aber in den Spiegel schauen und sagen kann, ich habe immer 100 Prozent gegeben, nur waren die anderen besser, dann ist das auch völlig okay und man ist mit sich im Reinen. Man wird viel auf dem Weg gelernt haben und darum geht’s. Lernen und persönliche Weiterentwicklung hören nie auf. Das ist auch ein individueller Prozess.

Dann gibt es keine pauschale Erfolgsformel für junge Talente?
Nein, pauschale Rezepte gibt es leider nicht. Viele erfolgreiche Karrieren zeigen allerdings, dass man die Komponente Glück nicht unterschätzen sollte. Glück kann man nicht planen, aber man kann eine Menge dafür tun, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Seriöse Vorbereitung ist entscheidend, denn letztlich ist Glück oft nichts anderes als Bereitschaft, die auf Gelegenheit trifft. Man muss bereit und vorbereitet sein, wenn die Gelegenheit kommt. Ein gutes Umfeld kann definitiv helfen, diese Gelegenheiten zu antizipieren und rechtzeitig zu erkennen. Die Bereitschaft, diese Gelegenheit auch zu nutzen, hängt dann stark von der internalen Motivationslage des Talents ab, die wiederum auch stark vom direkten sozialen Umfeld geprägt und in der frühen Kindheit und Jugend maßgeblich entwickelt wird.

Der sozialpsychologisch-pädagogische Blickwinkel aber wird in der Öffentlichkeit und in den Medien so gut wie gar nicht thematisiert.
Die sozialpsychologische Perspektive, die das soziokulturelle Umfeld des Talents miteinbezieht, und die pädagogische Perspektive, deren Basis sich aus Kerntugenden wie Fleiß, Freundschaft, Loyalität, Lernwilligkeit und Spaß – also Liebe zum Spiel – speist, sind die Grundvoraussetzungen, um das richtige »Mindset«, die richtige Einstellung zum Spitzensport und somit für Training und Wettkampf zu entwickeln. Hier habe ich mich viel mit dem Lebenswerk des legendären Basketball-Coaches John Wooden beschäftigt, der größten Wert auf Tugenden, Werte, Normen und Charakter gelegt hat. Um das maximale genetische Potenzial eines Talents durch Training entfalten zu können, muss auch das direkte soziokulturelle Umfeld stimmen. Das Talent sollte einen gewissen Wertekanon erlernen bzw. im besten Fall bereits mitbringen, der letztlich zu Selbstreflexion, Selbstkontrolle und zu Selbstbewusstsein sowie zur Ausbildung gewisser Kerntugenden führt, die auf dem Weg vom Talent zum Champion unerlässlich sind.

Faktor Umfeld ...
Genau. Das soziokulturelle Umfeld und die Aktivitäten abseits des Vereinslebens in Elternhaus, Schule und direktem Umfeld nehmen sehr starken Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und Motivation eines jungen Menschen. Hier ist vor allem ein stabiles Elternhaus, das Kerntugenden und ein Wertegerüst vorlebt und vermittelt, von größter Wichtigkeit. Ist dies nicht gegeben, ist oftmals auch das beste Training nutzlos. Es sollte also darauf geachtet werden, dass im direkten sozialen Umfeld keine »schädlichen Einflüsse« wie »falsche Freunde« und unqualifizierte »Berater« zu früh zu viel und oftmals leider den falschen Einfluss auf das Talent ausüben. Denn dies kann zu einer gefährlichen Verschiebung der Wertebasis und der Motivationslage führen – von selbstbestimmt zu fremdbestimmt und von internal, also der Liebe zum Spiel, zu external – das bedeutet Geld, Sachwerte, Schmeicheleien etc. Unaufrichtiges und zu häufiges Lob und zu früh zu viel Geld können bei Talenten mit schwierigem soziokulturellen Hintergrund und instabilen Elternhäusern die oftmals fehlende Selbstreflexion massiv verstärken und das Selbstbild gefährlich verzerren. Die jungen Talente zahlen auf jeden Fall einen sehr hohen Preis für die Realisierung ihres Traums vom Fußballprofi. Im Grunde geben sie ihre Kindheit und Jugend auf. Daher ist ein stabiles Umfeld essenziell, das Tugenden, Werte und Normen vermittelt und dem jungen Menschen als Ratgeber in schwierigen Situationen zur Seite steht.

Ergo ist Talententwicklung ohne die Vermittlung richtiger Werte nicht zielführend. Integrität, Respekt, Motivation, die nicht vom Verlangen nach Geld hervorgerufen wird, Beharrlichkeit, Fokussierung – leben die Spieler von Joachim Löw die von Ihnen beschriebenen Werte? Sind sie deshalb als Team auch so erfolgreich?
Einige versuchen dies sicherlich schon, einige andere offensichtlich aber auch nicht. Über Werte in Interviews zu reden, weil es sich eben gut anhört, ist die eine Seite der Medaille, sie aber dann auch täglich zu leben, ist die andere. Es gibt sicherlich einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit, die solch einen Wertekompass mitbringen und ein Team führen können und kongruent zu ihrem Wertekompass leben.

Nämlich?
Ich denke da an erster Stelle an Per Mertesacker, der zur neuen Saison die ARSENAL Academy leiten wird. Diese Position hat er sicherlich in erster Linie wegen seines Wertekompasses bekommen und seiner Vorbildfunktion auf und außerhalb des Platzes. Eine Führungspersönlichkeit, die international alles überstrahlt, ist sicherlich Gianluigi Buffon. Seine menschliche Größe hat man beim tragischen Tod des Fiorentina-Kapitäns Davide Astori gesehen. Buffon ist eine lebende Legende, auf und außerhalb des Platzes.

Im Weltsport steht hier sicherlich Roger Federer an vorderster Stelle. In der derzeitigen deutschen Mannschaft bin ich gespannt, wer sich da als Führungsperson hervortun wird. Einen Typ Lahm, Mertesacker, Buffon oder Federer sehe ich da momentan nämlich noch nicht.

Eben dieser Mertesacker hat sich mit dem Karriereende vor Augen öffentlich ausgelassen über den Druck, unter dem er zeit seines Profidaseins immens gelitten hat. Das wurde nicht nur mit Lob quittiert, sondern zog auch manche Kritik aus der Szene nach sich. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Zuerst einmal fand ich das Interview von Per bemerkenswert – unglaublich ehrlich und mutig. Hut ab dafür. Generell geht aber jeder Mensch anders mit Druck um. Manche Menschen motiviert solch ein Druck, andere Menschen zerbrechen daran. Was man derzeit beobachten kann ist, dass gesamtgesellschaftlich der Druck massiv steigt, egal ob im Spitzensport, im Berufsleben, in der Politik oder selbst in der Freizeit. Diese Entwicklung finde ich bedenklich, diese unglaubliche Beschleunigung in unserem Leben. Es bleibt keine Zeit mehr, um innezuhalten. Es wird 24/7-Verfügbarkeit von jedem erwartet, das ist Druck! Ich glaube, insbesondere durch social Media, wo im Grunde genommen massiv in die Privatsphäre von Menschen eingegriffen wird, da man jederzeit »live gehen« und »live berichten« kann, gibt es keine wirklichen Erholungsphasen mehr.

Und Fußballstars sind besonders exponiert ...
Eben. Diese ganze Entwicklung ist insbesondere für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, höchst nachteilig. Durch die Digitalisierung und Kommerzialisierung hat sich auch das Umfeld im Fußball brutal verändert. Fußball ist ein Milliardenbusiness, ein Medienereignis mit einer riesigen Tragweite geworden, fast eine Art Ersatzreligion für viele Menschen, deren Wochenhighlight die Spiele ihrer Mannschaft sind. Bei einer WM verfolgt dein ganzes Heimatland die Spiele und erwartet nicht weniger als den Titel. Dieser Druck ist natürlich enorm, er entsteht aber in erster Linie im Kopf des jeweiligen Athleten, unsere Realität bilden wir uns selbst. Trotz diverser Druckbewältigungsstrategien und guter Sportpsychologen kann ich mir allerdings sehr gut vorstellen, dass die Trainer und Athleten diesen Erwartungsdruck auch körperlich enorm spüren.

Gibt es irgendeine Art von Schutz?
Ganz wichtig ist es, sich ein Umfeld aufzubauen, das hilft, den Druck zu bewältigen und Ängste abzubauen. Eines, indem Spaß und Genuss beim Wettkampf in den Vordergrund rücken können, die Lust am Höchstleisten, unabhängig von der medialen Berichterstattung. Jeder Athlet muss für sich Strategien der eigenen Realitätssteuerung und des Druckmanagements erarbeiten. Ein erster wichtiger Schritt ist, sich bewusst zu sein, dass Druck ein höchst individuelles Ereignis ist, eine Folge von Wahrnehmung, Perspektive und Verarbeitung. Bei der WM wird man beobachten können, wem dies gelingt.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Frank Schneller, Medienmannschaft.