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Digitalisierung: Was macht sie mit dem Wachstum?

Die US-Wirtschaft steckt aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung und der ständigen Leistungssteigerung von Hard- und Software mitten in einem Umbruch. So sehen es viele. Aber stimmt das? Eine Analyse der verfügbaren Zahlen zeigt, dass die tatsächlichen Folgen geringer erscheinen, als es die Aufregung um eine potenzielle weitere industrielle Revolution nahelegt. Die Schwierigkeiten bei der statistischen Erfassung der Digitalwirtschaft machen gesamtwirtschaftliche Daten wie das BIP allerdings noch unsicherer, als sie es ohnehin schon waren.

Glaubt man der – teilweise etwas atemlosen – Berichterstattung, so befindet sich die Wirtschaft bereits mitten in einem revolutionären Umbruch. Treiber dieser Veränderung sei die Digitalisierung. Hard- und Software würden immer leistungsfähiger, den Beschäftigten in vielen Branchen droht Konkurrenz vom Kollegen Roboter. Allerdings kommt die Produktivität trotz aller technischen Fortschritte kaum vom Fleck, und das Wachstum kann mit früheren Phasen auch nicht mithalten. Wie passt das zusammen? Eine Erklärung könnte sein, dass die Digitalisierung statistisch unzureichend erfasst und das »wahre« Wachstum viel höher ist. Die US-Statistiker haben kürzlich erstmals umfassendere Daten zur digitalen Wirtschaft vorgelegt, die Licht in die Sache bringen könnten.

Digitale Wirtschaft wächst rasch ...
Wie so oft in der Statistik ist die genaue Abgrenzung der Digitalwirtschaft ein schwieriges Unterfangen. Die vom BEA (Bureau of Economic Analysis) gewählte Definition kreist um das Internet. Bestandteil ist die nötige Netzwerkinfrastruktur (hierunter fallen auch Computerhardware und Telekommunikationstechnik). Weiterhin berücksichtigt werden E-Commerce (Käufe und Verkäufe via Internet) sowie die digitalen Medien. Kostenfreie Internetdienste wie soziale Medien, E-Mail oder Suchmaschinen sind aufgrund fehlender Daten nicht berücksichtigt.

Das BEA hat genauere Zahlen zur digitalen Wirtschaft für die Jahre 2005 bis 2016 vorgelegt. Wenig überraschend ist das Ergebnis: Die digitale Wirtschaft wächst viel schneller als die Gesamtwirtschaft (siehe Grafik 1).

Grafik 1: Digitale Wirtschaft wächst viel schneller als der Rest...

Reale Bruttowertschöpfung. Veränderung gegenüber Vorjahr, Jahresdaten Wachstumsrate der nichtdigitalen Wirtschaft: eigene Berechnungen

Grafik 1: Digitale Wirtschaft wächst viel schneller als der Rest...
Stand: April 2018; Quelle: BEA, Commerzbank Research

Zwischen 2005 und 2016 belief sich die jahresdurchschnittliche Wachstumsrate der realen Bruttowertschöpfung der Digitalwirtschaft auf 5,6 Prozent. Die Gesamtwirtschaft kam im selben Zeitraum nur auf ein Wachstumstempo von 1,5 Prozent.

... das hebt das Wirtschaftswachstum aber nicht in lichte Höhen
Das hohe Wachstum der digitalen Wirtschaft hat das Wachstum der Gesamtwirtschaft angeschoben, allerdings nicht gerade massiv. Der Beitrag zum jährlichen Wirtschaftswachstum von 2010 bis 2016 (also in den Jahren nach der Rezession von 2007/2009) lag bei durchschnittlich 0,3 Prozentpunkten. Damit entfiel etwa ein Siebtel des Wachstums auf die Digitalwirtschaft (siehe Grafik 2).

Grafik 2: ...der Wachstumsbeitrag ist aber bescheiden

Beiträge zum Wachstum der Gesamtwirtschaft, Jahresdaten

Grafik 2: ...der Wachstumsbeitrag ist aber bescheiden
Stand: April 2018; Quelle: BEA, Commerzbank Research

Der Grund für diesen insgesamt bescheidenen Wachstumsbeitrag liegt darin, dass die digitale Wirtschaft nur einen relativ kleinen Anteil an der US-Wirtschaft stellt. 2016 entfielen etwa 6,5 Prozent der amerikanischen Wertschöpfung auf die Digitalwirtschaft. Und dieser Anteil ist in den vergangenen zehn Jahren nur langsam gestiegen (siehe Grafik 3).

Grafik 3: Nominal legt die Digitalwirtschaft nur langsam zu

Nominale Bruttowertschöpfung der Digitalwirtschaft, Anteil an der gesamten Wertschöpfung Jahresdaten

Grafik 3: Nominal legt die Digitalwirtschaft nur langsam zu
Stand: April 2018; Quelle: BEA, Commerzbank Research

Eine Besonderheit der digitalen Wirtschaft sorgt dafür, dass ihr Anteil an der nominalen Wertschöpfung kaum steigt: Die Preise für digitale Waren und Dienstleistungen fallen ständig. Dies gilt für die weitaus meisten anderen Güter nicht. So sind die Preise für Digitales zwischen 2005 und 2016 um über 17 Prozent gefallen. Die für die Gesamtwirtschaft gemessenen Preise sind im selben Zeitraum dagegen um 21 Prozent gestiegen (siehe Grafik 4).

Grafik 4: »Digital« wird immer billiger...

Preisindizes der Bruttowertschöpfung, Jahresdaten

Grafik 4: »Digital« wird immer billiger...
Stand: April 2018; Quelle: BEA, Commerzbank Research
Grafik 5: ...vor allem die Hardware

Preisindizes der Bruttowertschöpfung, annualisierte Veränderungsraten von 2005 bis 2016, in Prozent

Grafik 5: ...vor allem die Hardware
Stand: April 2018; Quelle: BEA, Commerzbank Research

Besonders ausgeprägt war der Preisrückgang für Hardware. Dort fielen die Preise um fast 9 Prozent pro Jahr. Dieser Preisrückgang liegt nicht daran, dass der zu zahlende Preis für Computer jährlich um diese Größenordnung fällt. Er liegt vielmehr im Wesentlichen daran, dass die Statistik versucht, die Leistungssteigerung der Hardware zu berücksichtigen. Daher führt die ständig zunehmende Leistungsfähigkeit beispielsweise von Servern dazu, dass diese statistisch billiger werden, selbst wenn der Verkaufspreis eines solchen Geräts in jedem Jahr derselbe wäre. Eine derartige Qualitätsbereinigung der Preisstatistik ist immer kompliziert und zumindest in Teilen willkürlich. Bei Hardware, wo man Merkmale wie Taktfrequenz genau messen kann, mag dieses Problem noch wenig Einfluss haben. Bei Software dürfte der Unschärfebereich erheblich größer sein.

Unterschätzt die Statistik die Digitalwirtschaft?
Kritiker mögen einwenden, dass das Phänomen des permanenten Preisverfalls zu einer Unterschätzung der digitalen Wirtschaft führt. Denn es sei kein Wunder, dass Digitales nur einen recht kleinen Teil der Wirtschaft ausmache, wenn man diesen Befund auf nominale Zahlen stütze. Der Anteil der Digitalwirtschaft an der Gesamtwirtschaft wird (wie in Grafik 3 illustriert) als deren Anteil an den nominalen Ausgaben berechnet. Der Nutzen, den man aus einem bestimmten Gut oder einer Gütergruppe zieht, wird allerdings viel besser durch den realen Wert, also nach Bereinigung um die Preisentwicklung, widergespiegelt. Läge es da nicht nahe, eine reale Quote zu berechnen? In der Tat scheint eine reale Quote die intuitive Diagnose eines stetigen Bedeutungsgewinns der digitalen Wirtschaft besser nachzuzeichnen: Während die nominale Quote, wie bereits gezeigt, nur eine langsame Zunahme des Wertschöpfungsanteils der Digitalwirtschaft zeigt, sieht es bei der realen Quote nach einer rascheren Zunahme aus. Sie ist von 5 Prozent im Jahr 2005 auf 7,8 Prozent im Jahr 2016 gestiegen (siehe Grafik 6).

Grafik 6: Wird »Digital« unterschätzt?

Anteil der Digitalwirtschaft auf Basis der nominalen und auf Basis der realen Bruttowertschöpfung (statistisch inkorrekte Methode), Jahresdaten

Grafik 6: Wird »Digital« unterschätzt?
Stand: April 2018; Quelle: BEA, Commerzbank Research

Allerdings gibt eine reale Quote kein korrektes Bild wieder:

  • Verbraucher und Unternehmen rechnen natürlich nicht mit »realen« Daten. Ihr Budget besteht aus nominalen US-Dollar. Sie entscheiden sich auf Basis dieses in laufenden Dollar-Werten bemessenen Budgets, wie viel sie für welchen Verwendungszweck ausgeben. Es ist daher sachgerecht, wenn sich die Ausgabenquoten auch an diesem nominalen Budget orientieren.
  • Seit 1996 verwendet das BEA zur Berechnung realer makroökonomischer Aggregate sogenannte »Kettenindizes«. Die zur Berechnung realer Größen verwendeten Preise werden dabei ständig aktualisiert (bis 1996 verwendete man die Preisstruktur eines Basisjahres; alle fünf Jahre wurde diese Preisstruktur angepasst). Dies hat den großen Vorzug, dass Verzerrungen vermieden werden, die durch Güter mit großen relativen Preisänderungen verursacht werden. Eine wichtige Konsequenz der Umstellung auf Kettenindizes ist allerdings, dass reale Aggregate nicht mehr der Summe ihrer Komponenten entsprechen. Damit ist es auch nicht mehr möglich zu berechnen, welchen Anteil eine der Komponenten am Aggregat hat. Eine solche »echte« Quote lässt sich dagegen auf Basis der nominalen Werte berechnen. Diese sind additiv.

Die nominale Quote ist somit die korrekte Berechnungsart und kein Beleg, dass die Statistik die Digitalwirtschaft unterschätzt. Mit viel größerer Berechtigung lässt sich einwenden, dass die Statistik wichtige Aspekte der Digitalwirtschaft wie die sozialen Medien noch nicht erfasst.

Bisher wird die statistisch erfasste Digitalwirtschaft von der »digitalen Infrastruktur« (darunter werden beispielsweise Ausgaben für Hardware und Telekommunikationsdienstleistungen zusammengefasst) dominiert. Diese stand 2016 mit einer Bruttowertschöpfung von 1.070 Milliarden US-Dollar für fast 90 Prozent der digitalen Wirtschaft (siehe Grafik 7). 87,5 Prozent der digitalen Wirtschaft entfallen auf Dienstleistungen, 12,5 Prozent auf Waren (vor allem IT-Hardware).

Grafik 7: Digitalwirtschaft – das »Netz« dominiert

Bruttowertschöpfung in der digitalen Wirtschaft, in Milliarden US-Dollar, Angaben für 2016
Gelbe Balken: Bestandteil der digitalen Infrastruktur

Grafik 7: Digitalwirtschaft – das »Netz« dominiert
Stand: April 2018; Quelle: BEA, Commerzbank Research

Technischer Fortschritt = höhere Produktivität?
Ein Teil der trotz Digitalisierung überraschend schwachen Produktivitätsentwicklung wird, wie gezeigt, mit dem immer noch relativ geringen Gewicht erklärt, das die Statistik der Digitalwirtschaft im BIP zuweist. Einen weiteren Erklärungsansatz bietet die immer wieder gemachte Beobachtung, dass Fortschritt auch Kosten oder unerwünschte Nebeneffekte hat. Diese könnten den produktivitätssteigernden Effekt der Digitalisierung bremsen oder doch zumindest verzögern:

  • Die Einführung neuer Technik oder die Umstellung der gesamten Produktion ist ein komplexes Unterfangen. Unternehmen und Mitarbeiter müssen erst lernen, mit diesen Neuerungen umzugehen. Die Zeit, die für diese Umschulung verwendet wird – und die für die Beseitigung der zu erwartenden zahlreichen Fehler nötigen Ressourcen – sind Kosten, die den Nutzen kurz- bis mittelfristig sogar überwiegen könnten. Dies erklärt wohl auch, dass die »New Economy« erst ab Mitte der Neunzigerjahre zu deutlichen Produktivitätssteigerungen führte, 10 bis 15 Jahre nach der großflächigen Einführung von PCs in den Unternehmen.
  • Die vielen »kostenfreien« Internetangebote sind für Unternehmen tatsächlich kostspielig, wenn ihre Mitarbeiter Arbeitszeit in sozialen Medien zubringen und nicht mit ihren eigentlichen Aufgaben.
  • Ob die neuen Medien die Qualität der Informationen verbessert haben, ist keineswegs sicher. Dies gilt auch für den politischen Prozess, wo »alternative Fakten« (die bei klassischen Medien früher ein Redakteur aussortiert hätte) ungefiltert ihre Wirkung entfalten. Sachgerechte – und damit im wirtschaftlichen Bereich produktivitätssteigernde – Entscheidungen sind damit schwerer geworden. Diese Schwierigkeiten dürften allerdings mit der Zeit an Bedeutung verlieren. Es erscheint uns wenig plausibel, dass die Digitalisierung auch dauerhaft derart geringe Auswirkungen auf das Wachstum hat, wie es aus der Statistik bisher hervorgeht. Diese werden sich vielmehr zeigen, sobald die Unternehmen gelernt haben, die neuen Techniken effizient einzusetzen. Auch in früheren Umbruchphasen dauerte es, bis Neues seine Wirkung entfalten konnte.


Fazit:
»Die« Wirtschaft – noch weniger zu durchschauen
Für die Wirtschaftspolitik und die Notenbanken bietet die Digitalisierung eine besondere Herausforderung. Denn das Bruttoinlandsprodukt ist jetzt schon ein enorm komplexes »Produkt«. Der Bedeutungsgewinn von schwer zu erfassenden Bereichen wie der Digitalisierung erhöht die Unschärfe noch weiter. Dieses Problem wird sich eher noch verschärfen, da ein erheblicher Anteil dieses Bereichs erst noch erfasst werden muss. Dies wird wegen der fehlenden Marktpreise etwa für soziale Medien nur mit erheblichen Unsicherheiten möglich sein. Ob das Bruttoinlandsprodukt (und mit ihm solche für die Geldpolitik zentralen Konzepte wie die Outputlücke) dann noch verlässliche Wegweisung geben kann, steht dahin. Man wird sich wohl noch mehr als bisher auf eine Vielzahl von Indikatoren stützen müssen.

Anlageidee: Zertifikate auf Technologie-Indizes

Sie möchten von der zunehmenden Digitalisierung profitieren? Mit Zertifikaten auf verschiedene Technologie-Indizes haben Sie die Möglichkeit, an Kursveränderungen der jeweiligen Indizes zu partizipieren.

Ein Überblick über das gesamte Spektrum an Zertifikaten der Commerzbank steht Ihnen im Internet unter www.zertifikate.commerzbank.de zur Verfügung.

Index-Zertifikate

WKN

Basiswert

Bezugsverhältnis

Laufzeit

Quanto

Geld-/Briefkurs

CE8 ATW

TecDAX Net Return

10:1

Unbegrenzt

Nein

143,47/143,47 EUR

CB5 TTD

EURO STOXX Technology Return

10:1

Unbegrenzt

Nein

72,63/72,70 EUR

CB2 3ZD

Nasdaq 100

100:1

Unbegrenzt

Ja

67,77/67,84 EUR

702 977

Nasdaq 100

100:1

Unbegrenzt

Nein

54,82/54,82 EUR

Faktor-Zertifikate

WKN

Basiswert

Strategie

Faktor

Laufzeit

Geld-/Briefkurs

CE9 M9A

TecDAX Future

Long

8

Unbegrenzt

11,78/11,89 EUR

CE9 J3W

STOXX 600 Technology Future

Long

8

Unbegrenzt

5,52/5,64 EUR

CE9 J42

STOXX 600 Telecom Future

Long

8

Unbegrenzt

2,47/2,54 EUR

CE8 SJN

Nasdaq Future

Long

8

Unbegrenzt

19,64/19,73 EUR

Stand: 19. April 2018; Quelle: Commerzbank AG

Die Darstellung der genannten Produkte erfolgt lediglich in Kurzform. Die maßgeblichen Produktinformationen stehen im Internet unter www.zertifikate.commerzbank.de zur Verfügung.