Interview

Trumps Strategie ist ausgefeilt!

DER DROHENDE HANDELSKRIEG ZWISCHEN DEN USA UND CHINA HÄLT DIE MÄRKTE SEIT WOCHEN IN ATEM. WELCHE AUSWIRKUNGEN DIESER KONFLIKT FÜR BEIDE PARTEIEN HAT UND OB AUCH DIE EU AUF ABSEHBARE ZEIT BETROFFEN SEIN KÖNNTE, ERKLÄRT PROF. DR. GUNTHER SCHNABL, LEITER DES INSTITUTS FÜR WIRTSCHAFTSPOLITIK AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG.

ideas: Derzeit heißt es die Nummer 1 gegen die Nummer 2 der größten Wirtschaftsmächte der Welt. US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, Zölle auf chinesische Importe zu erheben. Wie sehen Sie aus der Sicht eines Professors für Wirtschaftspolitik die Intention Trumps?
Prof. Dr. Gunther Schnabl: Trumps Strategie ist ausgefeilt! Er hat zunächst Zölle auf alle Stahl- und Aluminiumimporte angekündigt und dann die meisten Handelspartner wie die EU verschont. Er hat damit drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Erstens hat er mit China den wichtigsten Gegenspieler der USA isoliert. Zweitens hat er die EU zu Dankbarkeit verpflichtet und so eine europäisch-chinesische Allianz unter der Flagge des Freihandels verhindert. Drittens hat er die im Wahlkampf lautstark versprochenen Maßnahmen gegen China umgesetzt. Das dient seiner Popularität.

Wie stark wird China unter den angekündigten Zöllen leiden?
China wird stark leiden! Das Reich der Mitte hat seit der Jahrtausendwende – nicht zuletzt mithilfe billiger Kredite aus den USA – große Überkapazitäten in der Industrie aufgebaut, insbesondere in der Stahl- und Aluminiumindustrie. Die Überproduktion kann seit langer Zeit nur mithilfe von Kreditsubventionen auf den Weltmärkten abgesetzt werden. Die breit angelegten Zölle werden das Problem nochmals deutlich potenzieren und die chinesische Führung in innenpolitische Bedrängnis bringen. Denn ein kommunistisches Regime fürchtet nichts mehr als die Arbeitslosigkeit, die der Abbau der Überkapazitäten verursachen würde.

Ist es nur der »America First«-Gedanke, der hinter den Strafzöllen steckt?
Die eigentliche Schlacht wird auf den Kapitalmärkten geschlagen, wovon der Scheinhandelskonflikt ablenken soll. Um Arbeitslosigkeit zu verhindern, dürfte die chinesische Führung noch mehr Druck auf den staatlich kontrollierten Bankensektor ausüben, die zahlreichen unrentablen Unternehmen mit billigen Krediten am Leben zu erhalten. Das wird die wirtschaftliche Dynamik in China weiter lähmen, sodass der Anreiz für Chinas Leistungsträger weiter steigen wird, das Land mit ihrem Vermögen zu verlassen. Viel Kapital und Know-how wird in die USA flüchten, wovon vor allem der US-Finanzsektor profitieren wird. Das chinesische Kapital wird auch helfen, das Konsumniveau in den USA hochzuhalten.

Wird es auch Verlierer in den USA geben?
Mit einem wachsenden Umfang von chinesischen Vergeltungszöllen werden einige Branchen in den USA leiden, zum Beispiel die Landwirtschaft. Das ist für Trump zweitrangig, weil das große Geld ohnehin im politisch einflussreichen Finanzsektor gemacht wird. Führen die Kapitalzuflüsse dazu, dass die Aktien- und Immobilienpreise in den USA weiter steigen, dann werden sich die Verteilungseffekte der immer noch sehr lockeren Geldpolitik der Fed weiter potenzieren. Junge Menschen aus der Mittelschicht, die noch Vermögen aufbauen wollen, werden weiter zu den Verlierern gehören. Der Keil in der US-amerikanischen Gesellschaft dürfte noch größer werden.

Kann Europa vom Konflikt USA–China in Mitleidenschaft gezogen werden?
In Europa haben die Politiker stolz einen gemeinschaftlichen Sieg für den Freihandel verkündet. Allerdings könnte China versucht sein, seine Überkapazitäten nun vermehrt in Europa abzusetzen, was dort viele Industrien in Bedrängnis bringen könnte. Vergeltungsmaßnahmen gegen China werden in Europa nicht einfach umzusetzen sein, weil Interessenkonflikte vorprogrammiert sind. Die mittel- und osteuropäische Stahlindustrie könnte stark leiden und auf Vergeltungsmaßnahmen drängen. Hingegen dürften die deutschen Auto- und Maschinenbauer an einem guten Verhältnis mit China interessiert sein, um die dortigen Produktionsstätten und den riesigen Markt zu sichern.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen von möglichen Gegenmaßnahmen Chinas ein? Ein Tropfen auf den heißen Stein oder kann China einen Wirkungstreffer erzielen?
China hat bei den Vergeltungszöllen gegen die USA nochmals kräftig nachgelegt, um sein Gesicht als Weltwirtschaftsmacht zu wahren. Trotzdem ist das Reich der Mitte in einer schwachen Position, weil das chinesische Wachstumsmodell auf die Industrie ausgerichtet ist. Das Land ist deshalb auf die großen Märkte der USA und der EU angewiesen. Auf der strukturschwachen Seidenstraße wird China auf jeden Fall wenige neue zahlungskräftige Kunden finden. Das gebetsmühlenartige Plädoyer für Freihandel kann auch als Zeichen von Schwäche gewertet werden.

Die EU konnte sich vorerst aus der Schusslinie bringen. Ist dies nur als kleiner Etappensieg zu werten oder möchte es sich Trump nicht auch noch mit Europa verscherzen?
Trump hat kein Interesse an einem eskalierenden Handelskrieg mit der Europäischen Union, weil der auch die USA wirtschaftlich schwächen würde. Er kann vielmehr darauf vertrauen, dass sich die Europäische Union mit immer mehr Finanzmarktregulierung und einer – von der deutschen Groko anvisierten – Finanzmarkttransaktionssteuer selbst ein Bein stellt. Mit der Unternehmenssteuerreform und der Rücknahme der Regulierung des Finanzsektors hat er auch der Kapitalflucht aus Europa das Tor weit geöffnet.

Vor allem die deutschen Autobauer sind dem US-Präsidenten ein Dorn im Auge. Sind Autoimporte aus Deutschland wirklich so ein großes Problem, wie von Donald Trump dargestellt?
Die deutschen Autohersteller haben in den vergangenen Jahren kräftig in den USA investiert. Bereits jetzt gehört jeder sechste Arbeitsplatz in der US-Autoproduktion zu deutschen Herstellern. Als Teil der Kapitalflucht in die USA könnten die deutschen Autohersteller noch mehr Produktion in die USA verlagern. Das ergibt auch Sinn, weil die US-Bürger dank der Kapitalzuflüsse im Vergleich zu den Europäern an Kaufkraft gewinnen werden. Setzen sich die Verteilungseffekte der US-Geldpolitik fort, dann wird auch die Nachfrage nach den hochwertigen deutschen Automobilen weiter steigen. Ein reicher Manager von Goldman Sachs fährt doch lieber Porsche als Chevrolet.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.