Interview

Blockchain noch in den Anfängen

Alle reden von Blockchain, Bitcoin und Co. – Was steckt wirklich dahinter und sind diese Themen für die Deutsche Börse relevant und interessant? Das erläutert Dr. Stefan Teis, SVP, Group Business & Product Development, Deutsche Börse, im Gespräch

Bitcoin, Ether, Ripple und andere Kryptowährungen haben 2017 exorbitante Kurszuwächse erreicht, im Jahr 2018 haben sie bislang heftig an Wert verloren. Was macht sie interessant, und was unterscheidet sie von »normalen« Währungen?
Dr. Stefan Teis: Viele »Geeks« haben sich 2011 für die damals exotische Technologie und die nonkonformistischen Gedanken hinter der Währung – keine staatliche Kontrolle, keine Banken als Intermediäre – erwärmt und entsprechend Bitcoins »geschürft« und so erworben. Diese Begeisterung hält bis heute an, die Community ist stetig gewachsen und »viral« geworden. Mit der Zeit hat sich ein Hype entwickelt, dessen Auswüchse wir jetzt in den hohen und sehr volatilen Kursen sehen.

»Normale« Währungen (sogenanntes FIAT-Geld) sind durch den jeweiligen Staat über Zentralbanken vorgegeben – der Wert einer Währung ist also immer auch ein Ausdruck des Vertrauens in die finanzielle Stärke dieses Staates. Investoren in Kryptowährungen glauben dagegen an den gegenwärtigen bzw. künftigen Wert bzw. die Nützlichkeit der diesen Währungen zugrunde liegenden Idee und Absicht der Blockchain-Infrastruktur. Im Falle von Bitcoin beispielsweise ein Bezahlsystem, im Falle Ethereum, einer weiteren Kryptowährung, ist das interessanter, da hier die Kryptowährung dazu dient, dezentrale Rechenleistungen zu zahlen.

Bitcoin-Transaktionen gelten als langsam und energieintensiv. Warum ist das so, was passiert beim Tausch von Krypto-Einheiten?
Die einzelnen Transaktionen in Bitcoin werden verifiziert, in Blöcken zusammengefasst und dann unveränderbar auf die Blockchain geschrieben. Diese Sequenz wird »Mining« genannt und von den sogenannten Minern durchgeführt. Da Bitcoin auf einer »public« Blockchain basiert, kann prinzipiell jeder als Miner agieren. Da aber sichergestellt werden muss, dass die Blockchain eindeutig wächst, darf immer nur ein Miner den jeweiligen nächsten Block generieren. Der erste Miner schreibt den Block und bekommt die sogenannten Miningrewards, er wird also für seine für das System verrichtete Arbeit entlohnt. Um sicherzustellen, dass nicht beliebig viele Miner gleichzeitig einen Block schreiben und es somit zu »Zerfaserungen« der Blockchain kommt, müssen die Miner ein kryptografisches Puzzle lösen. Zur Lösung dieses Puzzles ist viel Rechenkapazität nötig. Dies bedeutet, dass bei einer hohen Mining-Aktivität auch eine hohe Rechenleistung der schürfenden Computer notwendig ist. Je aktiver die Nutzer entlang einer Blockchain demnach sind, desto mehr Energie verbrauchen sie. Laut digiconomist.net beträgt der geschätzte jährliche Energieverbrauch aller Bitcoin-Aktivitäten momentan ca. 16,36 Terawattstunden (TWh). Wäre Bitcoin ein Staat, würde dieser damit Platz 76 der energieaufwendigsten Staaten der Erde einnehmen.

Initial Coin Offerings (ICOs) waren ein weiterer Hype im Jahr 2017. Was verbirgt sich hinter diesem Trend?
Im Zuge des Hypes um die Kryptowährungen hat sich 2017 tatsächlich auch ein Hype um die ICOs ausgebildet. Die Zahl der ICOs pro Monat lag im ersten Halbjahr 2017 zwischen ca. 10 und 40 pro Monat und ist im zweiten Halbjahr noch einmal stark angestiegen, im November waren es bereits über 400. Dabei lagen die Investments pro ICO in der Spitze bei über 200 Millionen US-Dollar. Was sind ICOs also?

Bei einem ICO werden Coins emittiert, typischerweise von einem Projekt oder einem Start-up. Diese Coins oder Tokens stehen in Zusammenhang mit dem entsprechenden Projekt – dabei kann der Charakter der Coins variieren:

  • Equity Token: Der Coin garantiert dem Investor Anteile an der emittierenden Firma.
  • Asset Token: Der Coin garantiert dem Investor Anteile an einem bestimmten Projekt inklusive Stimmrechte im Rahmen der Projekt-Governance.
  • Profit Token: Der Halter des Tokens partizipiert am Erfolg der Firma/des Projekts, erhält aber keine Stimmrechte.
  • License Token: Der Halter benötigt den Token quasi als Lizenz, um auf einer Plattform agieren zu können.

ICOs werden oft mit IPOs, also Börsengängen, gleichgesetzt. So einfach ist das aber nicht, denn ICOs finden auf Public Blockchains statt. Damit haben sie einen »Offshore«-Charakter, und da sie prinzipiell jedem zugänglich sind, haben sie auch Crowdfunding-Elemente. Die Investments bleiben immer anonym, aber sowohl der Verteilmechanismus als auch das Ergebnis der Verteilung – typischerweise eine Auktion – werden publiziert. Aufgrund dieser Eigenschaften ist die Regulierung von ICOs zurzeit noch unklar – aber wünschenswert!

Beide Phänomene basieren auf der Distributed-Ledger-Technologie, also der Blockchain. Die Deutsche Börse arbeitet an drei Prototypen – wie ist hier der Stand der Dinge?
Beim Prototyp, den wir gemeinsam mit der Deutschen Bundesbank erarbeiten, geht es um das Settlement digitaler Bonds gegen digitales Cash. Nach Abschluss der ersten Phase Ende 2016 befindet sich das Projekt derzeit in der zweiten Phase. Hier wird der Prototyp einem Performance-Test unterzogen, um zu überprüfen, ob die Blockchain-Technologie bereits reif genug ist, hohe, marktübliche Volumina zu verarbeiten. Mit ersten Ergebnissen rechnen wir im zweiten Quartal 2018.

Bei LA Ledger geht es darum, gemeinsam mit unseren drei Partnern eine Blockchain-Lösung für den grenzüberschreitenden Sicherheitentransfer zu entwickeln. Wir haben bereits einen Prototyp ins Internet gesetzt, damit potenzielle Kunden und Partner ihre Simulationen durchführen können. Im Augenblick sprechen wir mit Kunden und Regulatoren und holen rechtliche Bewertungen ein.

Das Gleiche gilt für das Collateralized-Coin-Projekt, unserem Konzept für eine besicherte digitale Währung, mit der Zahlungen in Geschäftsbankengeld auf der Blockchain durchführbar sind, deren Erfüllung durch ein Clearinghaus sichergestellt ist. Auch hier gibt es bereits einen Prototyp. Eurex Clearing hat kürzlich eine interne Machbarkeitsstudie vorgelegt, die Risikomanagement, Prozessimplementierung und rechtliche Fragen untersucht hat und zu dem Schluss kommt, dass man dieses Projekt fortsetzen sollte.

Sind Services rund um Kryptowährungen und ICOs auch für die Deutsche Börse interessant? Plant die Deutsche Börse in diesen beiden Feldern, ihr Angebot auszuweiten? Was wäre denkbar?
Selbstredend ist dieses Feld für unser Unternehmen sehr interessant. Man könnte sich Services rund um Kryptowährungen entlang unserer gesamten Wertschöpfungskette vorstellen. Allerdings müssen derartige Ideen immer vor dem Hintergrund einer fehlenden bzw. noch völlig unklaren Regulierung und der Unsicherheiten im Kryptomarkt analysiert werden. Ich möchte zudem darauf hinweisen, dass auch die Blockchain als zugrunde liegende Technologie noch in den Anfängen steckt.

Quelle: Nachgefragt – Stefan Teis über Kryptowährungen; Deutsche Börse AG