Interview

Lars Brandau, Geschäftsführer des Deutschen Derivate Verbands (DDV)

Wir wollen aktiv mitgestalten

ideas: Herr Brandau, Sie sind Geschäftsführer des Deutschen Derivate Verbands (DDV), der im Februar sein zehnjähriges Jubiläum gefeiert hat. Mit dem Jahr 2008 konnten Sie sich kein Gründungsjahr aussuchen, das herausfordernder hätte sein können. Wie hat sich die schwere Finanzkrise auf die noch junge Verbandsarbeit ausgewirkt?
Lars Brandau: Die Insolvenz von Lehman Brothers war natürlich eine Zäsur. Wir waren gerade in einem kleinen Team gestartet und mussten schnell sichtbare Ergebnisse liefern. Es galt, feste Strukturen zu etablieren, den intensiven Dialog mit allen Anspruchsgruppen aufzunehmen, um Antworten auf drängende Fragen zu finden. Das haben wir getan und bis heute alle Anstrengungen unternommen, um Wesentliches in Sachen Transparenz und Anlegerschutz zu bewirken. Es sind letztlich viele einzelne Projekte, die ein großes Bild ergeben. Nur mit Beharrlichkeit und Fakten gegen Vorurteile ist es gelungen, Zertifikate bei Privatanlegern wieder in hohem Maße salonfähig zu machen. Hierbei hat die gesamte Branche großen Anteil.

Hand aufs Herz, haben Sie zu dieser Zeit daran geglaubt, dass Zertifikate auch zehn Jahre später noch ein elementarer Bestandteil in den Depots deutscher Privatanleger sein werden?
Ja, das habe ich tatsächlich. Zweifellos waren es schwere Zeiten; aber wir haben immer an die Sinnhaftigkeit strukturierter Wertpapiere geglaubt und uns dafür eingesetzt. In solchen Krisensituationen muss proaktiv gehandelt werden, statt zu warten oder sogar zu resignieren. Heute können wir feststellen, dass die Branche die Talsohle durchschritten hat und sich in einem Aufwärtstrend befindet.

Von Anfang an hat der DDV auch eine zentrale Rolle bei der Gründung des europäischen Dachverbands für strukturierte Produkte »EUSIPA« (European Structured Investment Products Association) gespielt. Mit welcher Zielsetzung wurde dieser Zusammenschluss gegründet?
Der Gründung des Dachverbands EUSIPA geht die Erkenntnis um Regulierungsinitiativen in den politischen Zentren Europas voraus. Nur ein starker Verband mit einer klaren und einheitlichen Stimme findet dort Gehör. Nur gemeinsam sind wir stark genug, um unsere Positionen deutlich zu vertreten. Bei 28 Mitgliedsländern in der EU helfen Partikularinteressen nicht weiter.

Eine der primären Aufgaben des DDV ist der Anlegerschutz. Wie hat sich das Anlegerverhalten über die zurückliegenden zehn Jahre verändert?
An der konservativen Grundhaltung deutscher Privatanleger hat sich wenig geändert. Risiken jedweder Art werden gescheut und somit auch Chancen verpasst. Und das in Zeiten des Nullzinses. Der Aufschwung an den Börsen in den zurückliegenden Jahren ist an den meisten Privatanlegern bedauerlicherweise vorbeigegangen. Die Börsen haben, bis vor kurzem, eine außerordentliche Rally hingelegt, und das über einen vergleichsweise sehr langen Zeitraum. Die meisten Kleinanleger hingegen ließen ihr Erspartes nahezu unverzinst auf dem Festgeldkonto. Das war und ist erschreckend. Insofern haben wir hier ein ausgesprochen großes Betätigungsfeld, um in Sachen Finanzbildung und -management weiter voranzukommen.

Welche Hilfestellungen gibt der DDV dem Privatanleger?
Wir stellen den Anlegern vielfältige Informationen zur Verfügung. Angefangen bei der einfachen Produktklassifizierung in der Derivate-Liga, veröffentlichen wir regelmäßig statistisches Material, um Marktbewegungen zu verdeutlichen. Des Weiteren haben wir einen Kompass Strukturierte Wertpapiere erstellt, quasi ein Standardwerk mit detaillierten Erklärungen und Praxisbeispielen zu den Produkten und ihrer Funktionsweise. Das Buch kann kostenlos bestellt werden. Darüber hinaus gibt es Erklärvideos und eine Fülle weiterer Materialien zur allgemeinen Finanzbildung rund um Zertifikate und Optionsscheine, sodass dem Anleger die Investitionsentscheidung letztlich plausibel gemacht werden kann.

Eine elementare Rolle des Verbands ist es nicht zuletzt, seine Mitglieder bei der Umsetzung von regulatorischen Anforderungen zu unterstützen. Welche Themen standen hier besonders im Fokus?
Bereits seit einigen Jahren mussten Banken jedes Beratungsgespräch zu Wertpapieren dokumentieren. Dieses Beratungsprotokoll wurde dann vom Berater und vom Kunden unterschrieben. Nun, mit dem Inkrafttreten des neuen Regelwerks MiFID II zu Jahresbeginn, gibt es stattdessen die Geeignetheitserklärung. Darin hält der Berater fest, warum er einem Kunden ein bestimmtes Produkt empfohlen hat und es individuell für geeignet hält. Das ist ein Beispiel aus der Vielzahl an regulatorischen Maßnahmen, die eingeführt oder angepasst wurden. Im Großen und Ganzen geht es immer um verbesserten Anlegerschutz und eine höhere Transparenz bei den Produkten.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie durch die zunehmende Regulierung?
Regulierung darf kein Selbstzweck sein. Insofern begrüßen wir alle sinnvollen Maßnahmen, die einen erkennbaren Mehrwert und ein »Mehr« an Schutz für den Anleger bewirken. Das ist unstrittig. Doch mittlerweile muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht zu viel des Guten ist. Längst ist der Eindruck entstanden, dass in immer kürzeren Zeitabschnitten immer mehr Regulierungsinitiativen gestartet werden, ohne die Praktikabilität vorheriger Maßnahmen überprüft zu haben. Regulierung ja, aber doch bitte mit Augenmaß.

Auch die nächsten Jahre versprechen spannend zu bleiben. Mit welchen Herausforderungen sehen Sie den DDV künftig konfrontiert?
Mit Sicherheit wird der Wettbewerb, auch innerhalb der Branche, weiter zunehmen. Neben der angesprochenen Regulierungsflut rückt das Thema Digitalisierung weiter in den Vordergrund. Gesetzesinitiativen müssen letztlich in IT-Projekten so umgesetzt werden, dass der Kunde am Ende die Verbesserung auch nachvollziehen kann. Dabei handelt es sich um ebenso kostspielige wie komplexe Vorgänge, die Zeit benötigen. Für den DDV bedeutet das, den Diskurs mit allen Beteiligten ständig ergebnisorientiert am Laufen zu halten. Wir wollen auch künftig aktiv mitgestalten.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.