Interview

Friedhelm Tilgen, Leiter n-tv Geldanlage

Verantwortung eines Nachrichtensenders nicht unterschätzen

ideas: Herr Tilgen, man kann Sie mit Fug und Recht als ein Urgestein des Nachrichtensenders n-tv bezeichnen, denn Sie sind seit dem ersten Sendetag mit an Bord. Letztes Jahr im November feierte n-tv sein 25-jähriges Jubiläum. Was waren Ihre persönlichen Highlights in diesen 25 Jahren
Friedhelm Tilgen: Ein persönliches Highlight war sicherlich mein erster Arbeitstag bei n-tv, damals noch als freier Mitarbeiter. Denn es war gleichzeitig auch der erste Sendetag von n-tv, und meine Aufgabe war es, einen Beitrag über den Freistellungsauftrag zu erstellen. Zum Sendestart am 30. November 1992 war vieles noch provisorisch. Ich erinnere mich noch ziemlich gut, wie ich zusammen mit dem Cutter mit dem fertigen Band in der Hand von einem Schnitt-Container aus über den Innenhof rennen musste, damit der Beitrag noch rechtzeitig zur 18-Uhr-Sendung abspielbereit war. Aber auch danach gab es immer wieder Situationen, die haften bleiben: der Hype um den Neuen Markt, als die Telefone in der Redaktion nicht stillstanden, der Tsunami in Asien, bei dem ich als Moderator der News-Strecken mehrere Tage versucht habe, das Geschehen angemessen zu vermitteln, der GAU von Fukushima und vieles mehr.

Im letzten Vierteljahrhundert gab es auch immer wieder turbulente Zeiten, wie zum Beispiel das Platzen der Blase am Neuen Markt oder die Finanzkrise. Welche Verantwortung sehen Sie in solchen Zeiten bei einem Nachrichtensender wie n-tv?
Die Verantwortung eines Nachrichtensenders ist in solchen Situationen nicht zu unterschätzen. Übertreibungen zu benennen und scheinbar Feststehendes zu hinterfragen sind dabei entscheidende Faktoren. Gerade wenn es an den Börsen hoch hergeht, ist es wichtig, dass Börsenmoderatoren ruhig Blut bewahren und vor allem auch immer wieder Betroffene zu Wort kommen lassen. Wahrheitsgetreue Berichterstattung und die Darstellung unterschiedlicher Standpunkte sind dabei die Maxime des richtigen journalistischen Handelns.

Bereits 1990 waren Sie für die Sendung »Telebörse« tätig – seiner Zeit noch auf Sat.1. Was hat damals Ihr Interesse für das Börsengeschehen geweckt?
Begonnen habe ich damals als Volontär in der Sendung Telebörse, weil ich das Ineinandergreifen von Wirtschaft, Börse, Nachrichten und Fernsehen äußerst interessant fand. Die Telebörse war ein echter Pionier der TV-Börsenberichterstattung in Deutschland – und das war schon etwas Besonderes. Und dazu kommt: An der Börse ist eigentlich immer etwas los, man muss die Geschichten nur aufheben und ansprechend verpacken. Und fast alle aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen finden sich meist auch irgendwie an der Börse wieder. Bei vielen Dingen ist die Börse dabei sogar Vorreiter.

Im Rahmen der Telebörse stellen Sie Anlegern im Format »n-tv Zertifikate« regelmäßig aktuelle Markttrends und passende Anlageideen vor. Wie sehen Sie die Entwicklung der Zertifikatebranche in den letzten Jahren?
Die Zertifikatebranche in Deutschland hat meiner Ansicht nach in den letzten Jahren Riesenschritte nach vorn gemacht und dabei auch einen Gutteil des Vertrauens wieder zurückgewonnen. Natürlich sind die steigenden Märkte der letzten Jahre dabei nicht unbedingt von Nachteil gewesen. Aber das allein würde als Erklärung zu kurz greifen. Entscheidend dazu beigetragen haben sicherlich auch die deutlich verbesserte Transparenz sowie das unermüdliche Bemühen, auch komplexe Zusammenhänge Kunden, Regulierern und Kritikern verständlich zu machen. Gerade die Diskussion über bonitätsabhängige Schuldverschreibungen hat gezeigt, dass die Branche fähig ist, den entscheidenden Punkt auch dem Regulierer gegenüber erfolgreich zu vermitteln: nämlich, dass der Kunde die freie Wahl haben sollte, über das für ihn geeignete Chance-Risiko-Verhältnis mit einem von ihm selbst ausgewählten Zertifikat zu entscheiden.

Der Bitcoin-Boom ist derzeit in aller Munde. Wie ist Ihre Einschätzung zum Thema Kryptowährungen? Sehen Sie Parallelen zum Neuen Markt?
Parallelen zum Neuen Markt gibt es sicherlich, aber es gibt auch Unterschiede. Was damals die neuen Start-up-Aktien waren, sind heute die Kryptowährungen. Viele von den mittlerweile 1.300 Kryptowährungen wird es in einigen Jahren nicht mehr geben, manche werden sich aber durchsetzen und erfolgreich sein. Und was damals das Internet war, ist heute die Blockchain. Die neue Technologie steht nach Meinung vieler erst noch am Anfang und verspricht sehr viel mehr als »nur« Neuerungen in der Geldwirtschaft. Am Ende geht es darum, fälschungssichere Instrumente zu entwickeln, die in weiten Teilen auch ohne den Faktor Mensch auskommen und trotzdem (oder gerade deswegen?) sicher sind. Und das müssen dann nicht unbedingt Blockchains sein. Auch andere auf mathematischen Formeln und digitaler Technologie basierende Modelle haben sicherlich das Zeug dazu. Der Wettbewerb um die besten Trust-Technologien hat gerade erst angefangen. Und was die Unterschiede angeht: Damals brauchte man für den Aktien-Hype noch richtige Börsen. Blockchains, Tangles und andere Transaktionsprotokolle brauchen die nicht unbedingt – das machen sie quasi selbst.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Welche Breaking-News würden Sie gerne einmal über den n-tv Ticker laufen sehen?
Ich glaube zwar nicht, dass es überhaupt noch jemals realistisch wäre: Aber über die Deutsche Fußballmeisterschaft für Rot-Weiss Essen würde ich mich sicherlich freuen. Genauso schön wie ein DAX bei 100.000 Punkten – zumindest dann, wenn er auf Gewinnen und nicht auf Inflation beruhen sollte ;-)

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.