Interview

Dragan Radanovic, neuer Geschäftsführer an der Börse Stuttgart

Anlegerbildung und Transparenz sind Teil unserer DNA als Börse

ideas: Herr Radanovic, seit Oktober 2017 sind Sie Geschäftsführer der Börse Stuttgart und für den gesamten Handel verantwortlich. Wie gefällt Ihnen das neue Arbeitsfeld?
Dragan Radanovic: Die Handelsaktivitäten zu verantworten ist eine spannende Aufgabe, die viele Herausforderungen mit sich bringt. Denn die Ausgestaltung des Handels muss den Besonderheiten der unterschiedlichen Wertpapiere Rechnung tragen. Das gilt umso mehr hier in Stuttgart, wo alle Anlageklassen von Aktien über Anleihen und Exchange Traded Products bis hin zu verbrieften Derivaten gehandelt werden.

Welche Erfahrungen helfen Ihnen?
Börsenhandel steht seit 17 Jahren im Zentrum meiner Arbeit. Zuletzt habe ich den Bereich Börsenbetrieb geleitet, der eine Art administratives Rückgrat für den Handel bildet. Beim hybriden Handelsmodell der Börse Stuttgart geht es um das Zusammenspiel von Mensch und Maschine: Hier sind Handelsexperten in den elektronischen Handel eingebunden, die eine optimale Unterstützung durch IT-Lösungen erhalten sollen. Diese Börsen- und Handelssysteme habe ich mit meinem Team betreut und weiterentwickelt.

Was haben die Anleger vom hybriden Marktmodell der Börse Stuttgart?
Einerseits sorgt unsere leistungsfähige IT für die nötige Geschwindigkeit und Verlässlichkeit bei der Orderausführung in über 1,6 Millionen gelisteten Produkten. So werden beispielsweise bei verbrieften Derivaten mehr als zwei Drittel aller Orders an der Börse Stuttgart innerhalb von drei Sekunden ausgeführt. Andererseits schaffen unsere Handelsexperten zusätzliche Qualität für Anleger. Für möglichst enge Spreads und beste Ausführungspreise berücksichtigen sie die gebündelte Liquidität des Orderbuchs an der Börse Stuttgart ebenso wie Referenzmärkte und Preisinformationen von Market Makern. Außerdem stellen unsere Handelsexperten bei Bedarf selbst zusätzliche Liquidität bereit. Dadurch können Orders auch dann rasch und vollständig ausgeführt werden, wenn einmal keine passende Gegenpartei vorhanden ist.

Wo kommt das Know-how der Händler noch zum Tragen?
Im Gegensatz zu Computern können sie beurteilen, bei welchen Orders besonderer Betreuungsbedarf besteht – beispielsweise bei Optionsscheinen, deren Preis stark von der aktuellen impliziten Volatilität des Basiswerts abhängt. Nur erfahrene Händler können in turbulenten Marktphasen validieren, inwieweit das Preisniveau marktgerecht ist. Diese Expertise stellt die Ausführung der Optionsscheinorder zu einem fairen Preis sicher.

Apropos verbriefte Derivate: Wie lief der Handel 2017 in Stuttgart als größtem deutschen Börsenplatz für diese Anlageklasse?
Geringe Volatilität und niedrige Zinsen haben die Märkte bis in den Herbst 2017 geprägt. Wegen der fehlenden Schwankungen wurden Hebelprodukte relativ wenig gehandelt. Gefragt waren hingegen Anlageprodukte, um im Nullzinsumfeld Renditen zu erwirtschaften: Anleger handelten rege mit Teilschutzprodukten wie Aktienanleihen oder Bonus-Zertifikaten, die eine Kombination aus Risikopuffer und Renditechance bieten. Ab Ende Oktober wandelte sich das Bild: Die Ankündigung der Europäischen Zentralbank, ihr Anleihenkaufprogramm zu reduzieren, setzte ein Signal in Richtung Normalisierung der Geldpolitik. Rückblickend erscheint es wie ein Weckruf für die Märkte. Die Volatilität zog nach den historischen Tiefs zuvor an, und mit ihr der Handel bei Hebelprodukten.

Wie lautet Ihr Ausblick auf das Börsenjahr 2018?
Das Gesamtbild dürfte sich erst einmal kaum ändern. Die Konjunktur in Deutschland läuft gut, in Frankreich werden Reformen angestoßen, Gründe für heftigere Ausschläge der Märkte sind kaum zu erkennen. Aber natürlich wächst statistisch gesehen auch die Wahrscheinlichkeit einer Korrektur, je länger die derzeitige Marktphase dauert. Das sollten Anleger im Hinterkopf haben. Deshalb ist schlecht beraten, wer seine Investments einfach nur laufen lässt.

Wie können Privatanleger das beherzigen?
Anleger haben viele Möglichkeiten für ein effektives Risikomanagement. In einem breit diversifizierten Depot können sie Ordertypen wie Stop-Loss oder Trailing-Stop nutzen, um bei einzelnen Positionen das Risiko zu begrenzen. Daneben steht Anlegern an der Börse Stuttgart auch eine Vielzahl von Produkten zur Verfügung, die bei Marktkorrekturen Verluste abfedern. Als Beimischung können Short-ETFs oder Put Optionsscheine auf breite Marktindizes eine Art Versicherung für das Depot bilden.

Welche weiteren Möglichkeiten bietet die Börse Stuttgart?
Viele aktive Anleger wollen unmittelbar während einer aktuellen Marktsituation ihre Order einstellen und danach direkte Kontrolle über deren Ausführung haben. Diesen Wunsch decken wir mit dem Soforthandel ab, der für alle Anlageklassen über die beteiligten Onlinebroker verfügbar ist. Beim Soforthandel fragt der Anleger einen Preis bei der Börse an und erhält umgehend eine aktuelle Preisindikation. Auf dieser Basis kann der Anleger innerhalb einer festgelegten Zeitspanne seine Order aufgeben. Bei vollständiger Ausführbarkeit wird die Order mindestens zur angezeigten Preisindikation ausgeführt – oder sogar besser: Wenn sich der Markt in der Zwischenzeit zugunsten des Anlegers entwickelt, wird dies bei der folgenden Preisermittlung berücksichtigt. So war im volatilen November 2017 der Ausführungspreis bei jeder siebten Soforthandel-Order für verbriefte Derivate besser als die angefragte Preisindikation. Der börsliche Soforthandel bietet also insbesondere dann Vorteile, wenn der Markt schwankt.

Wie unterstützt die Börse Stuttgart Anleger dabei, die richtigen Schlüsse aus dem Marktgeschehen zu ziehen?
Anlegerbildung und Transparenz sind Teil unserer DNA als Börse. Wir wollen Anleger bestmöglich informieren und ihnen geeignete Werkzeuge an die Hand geben, damit sie die für sie passende Investmententscheidung treffen. Dazu bieten wir auf unserer Internetseite Echtzeitkurse zu allen gehandelten Wertpapieren und interaktive Finder-Tools für die gezielte Produktauswahl. In Seminaren, Newslettern und unserem kostenfreien Anlegerclub vermitteln wir breites Wissen zu Märkten und Wertpapieren. Dabei wollen wir niemand bevormunden: Wir wünschen uns selbstbestimmte Anleger.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Laura Schwierzeck.